Goldgräberstimmung in Berlin

In der traditionell billigen Hauptstadt ziehen die Preise insbesondere für luxuriöses Wohnen an

16.07.17
Ausschachtungs­arbeiten am Luxusprojekt „Kronprinzen­gärten“ führten zu sichtbaren Schäden: Die zwischen 1824 und 1831 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Fried­richs­werdersche Kirche Bild: Imago

Während in Europas bekannten Luxusorten Cannes, Saint-Tropez oder Paris die Preise für das Luxuswohnen fallen, herrscht in Berlin Goldgräberstimmung. Die Preise teurer Miet- und Kaufobjekte ziehen an. Die Metropole sucht im oberen Wohnsegment Anschluss an Weltstädte. Die Umsätze steigen teils um 50 Prozent. Hohe Renditen heizen den Markt an – unabhängig von politischen Debatten um bezahlbares Wohnen.

Als Metropole stand Berlin bisher kaum für gehobenes Wohnen. „Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt“, ätzte der Schriftsteller Kurt Tucholsky schon 1926. In München, Hamburg und Frankfurt belächelt die Wohnbranche noch heute das niedrige Preisniveau der Hauptstadt. Mittlerweile steigen jedoch die Preise an der Spree – und das stärker als in anderen deutschen Großstädten. In Berlin kostet eine Mietwohnung durchschnittlich 28 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Der durchschnittliche Mietpreis liegt mittlerweile bei 9,29 Euro pro Quadratmeter.
Eine Klasse für sich bilden bei der Preisexplosion die luxuriösen Eigentumswohnungen. Im ersten Halbjahr 2016 gingen 409 Luxuswohnungen für 523 Millionen Euro an neue Eigentümer. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2015 galoppierten die Umsätze um 50 Prozent nach oben. Das belegen auf den beurkundeten Verkäufen basierende Zahlen. Während in Hamburg das Angebot trotz höherer Preise nicht zuletzt wegen fehlender Grundstücke schwächelt, hat Berlin noch bauliche Lücken. Sie könnten zunehmend mit edlen Lofts sowie Hoch- und Penthäusern geschlossen werden.
Besonders gefragt sind die Bezirke Mitte und Friedrichshain. Nahe der Schinkelschen Bauakademie, die wiederaufgebaut werden soll, sieht das Projekt „Berlin Schinkelplatz – von Preußen nach Europa“ einen „künstlerisch gestalteten Courtyard“ mit weißen Fassaden vor. Für eine 65 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung hinter den schlichten Fronten sind 1,349 Millionen Euro zu bezahlen. Für fünf Zimmer mit Terrasse und Lift wären 5,863 Millionen laut Katalog fällig. Bis zu 35000 Euro pro Quadratmeter zahlen Neueigentümer inzwischen laut Eingeweihten an dem Standort. Das Hochhaus „Grandaire“ in Mitte ist mit Einstiegspreisen von 399500 Euro für zwei Zimmer mit 54 Quadratmetern fast schon günstig – 7387 Euro kostet dort der Quadratmeter. Die Makler im Luxussegment berichten von spektakulären Bieterschlachten, bei denen problemlos einige Hunderttausend Euro über bereits vereinbarte Preise gezahlt werden und somit letztlich der Zuschlag an den „Überbieter“ geht.
Ein Drittel der neuen Eigentumswohnungen in Berlin kostet mehr als 4000 Euro pro Quadratmeter. US-Stararchitekt Daniel Libeskind, der selbst mit dem „Sapphire“ gerade ein Luxusobjekt umsetzt, kritisiert, der Boom vertreibe die Menschen aus der Stadt. Ähnlich wie dieser Bau sollen die „Kronprinzengärten“ „höchsten Ansprüchen“ genügen und sind auch bereits großteils verkauft. Deren Luxus erregt viel Kritik, nicht zuletzt daran, wie viel Berlins Politik dem neuen Luxus opfert. So gingen beispielsweise die Ausschachtungsarbeiten mit sichtbaren Schäden an der rund zehn Meter entfernten Fried­richswerderschen Kirche einher.
Die Goldgräberstimmung für gehobenes Wohnen hält dessen ungeachtet an. Der Trend geht weg von der Villa, hin zur abgeschirmten Privatresidenz mitten im Zentrum. Der Alexander-Tower im Projektstadium trägt dem Rechnung, soll „höchstes Wohngebäude der Stadt“ sein. „Guardian“, „Villa Agricola“ und „The Wilhelm“ sind weitere Projekte mit Anspruch suggerierenden Namen in Mitte. Die Neupreise treiben die Ansprüche der Besitzer von Bestandsimmobilien in die Höhe. Sie wollen deutlich höhere Preise, was laut Maklern dafür sorgt, dass die Vermarktung der Wohnungen sich spürbar in die Länge zieht.
Die zu erwartenden hohen Renditen rufen Großinvestoren auf den Plan. Während in Europas bekannten Luxusorten Cannes, Saint-Tropez oder Paris die Preise für das Luxuswohnen fallen, verzeichnete Berlin im sogenannten Prime International Residential Index (Piri) 2015 ein neunprozentiges Plus. Diese Rangliste sieht Berlin bundesweit auf Platz zwei hinter München und sagt weitere Wertzuwächse beim Premiumwohnen voraus. Berlins Markt ist noch nicht überhitzt wie der Londons. Er ist für flüchtendes Vermögen aus Großbritannien (Brexit) ebenso attraktiv wie für Investoren, die angesichts der wachsenden Bedeutung von Wohnungen als Anlage einen langfristig attraktiven Standort suchen. Experten rechnen daher weiter mit steigenden Preisen und Wachstum. Wie viel die oberste Kategorie langfristig hergibt, wird die Zeit zeigen. „Geisterstraßen“, in denen kaum Menschen wohnen und Häuser nur Anlageobjekte für im Ausland Lebende sind, bleiben an der Spree – anders als in London – aus.    Sverre Gutschmidt


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