Gottes Wort auf dem Mond

Im Frühjahr laufen sich die Museen zum Reformationsjubiläum warm – Kleine Übersicht empfehlenswerter Luther-Präsentationen

03.05.17
Das Neue Testament auch für Kopten: Die 1616 gedruckte zweisprachige Fassung auf Bohairisch-Koptisch und Arabisch wird im Rahmen der Ausstellung „Unser Buch“ präsentiert Bild: Irmgard Hoffmann

War Martin Luther Zeit seines Lebens ein „Reformkatholik“? Und in welchem Flächenstaat etab­lierte sich die erste lutherische Landeskirche? Was macht Hessen zu einem Pionierland der Reformation? Wer war eigentlich Julius Pflug? Und wie kam das Wort Gottes auf den Mond? Die Antworten geben Ausstellungen in Maria Laach, Berlin, Marburg, Zeitz und Augsburg.

Neue Einblicke in ein spannendes Kapitel der europäischen Kulturgeschichte verspricht die im Berliner Schloss Köpenick laufende Ausstellung „Kreuzwege“ (sie­he auch Seite 11). Die mit 160 einzigartigen Dokumenten und wertvollen Objekten ausgestattete Schau hebt die Hohenzollern als eine der prägenden Dynastien der Reformationszeit hervor. Eines der Höhepunkte der Präsentation ist das Messgewand des Kardinals Al­brecht von Brandenburg, der einst einer der mächtigsten Kirchenfürsten des Heiligen Römischen Reiches war.
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verlief die konfessionelle Differenz noch quer durch das Herrscherhaus. Für eine konfessionelle Neuorientierung sorgte Kurfürst Jo­hann Sigismund: Er konvertierte 1613 zur reformierten Form des Protestantismus, stellte aber seinen Untertanen frei, Lutheraner zu bleiben. „Da­mit wurden die Weichen in Brandenburg-Preußen in Richtung einer konfessionellen Pluralisierung gestellt“, wie Ausstellungskurator Mathis Leibetseder betont.
Hessen stieg unter Landgraf Philipp dem Großmütigen zu einem Pionierland der Reformation auf. Philipp kam auf dem Marburger Landgrafenschloss zur Welt. Hier wird ab 7. Mai die Ausstellung „Bildungsereignis Reformation“ gezeigt. Zu den 100 Exponaten gehört ein sogenannter „Denkzettel“ des Landgrafen: „Item hi zu Marpurk eine universität uffzurichten.“ Das Gründungsjahr 1527 weist sie als die älteste evangelische Universität der Welt aus. Im Jahr zuvor hatten die von Philipp in die Homberger Marienkirche eingeladenen Vertreter der Landstände den Übertritt Hessens zur Reformation beschlossen. Die Schau unterrichtet auch über das von Philipp 1529 auf das Landgrafenschloss einberufene Marburger Religionsgespräch, zu dem sich neben Luther und Zwingli fast alle be­deutenden Reformatoren einfanden. Weltweit Schule machte schließlich ein Punkt der 1539 verkündeten Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung: Er legte fest, dass die Kinder Glaubensunterricht erhalten und anschließend konfirmiert werden.
Dem frühen Dialog der Konfessionen widmet sich eine ab 5. Juni in Zeitz laufende Ausstellung. Zu ihren Schauplätzen gehört Schloss Moritzburg, in dem einst die Naumburger Bi­schöfe residierten. Im Mittelpunkt steht der letzte Bischof: Ju­lius Pflug. Er setzte bei seinen Bemühungen um die Einheit der Kirche auf Toleranz und gegenseitigen Re­spekt. Die mit bedeutenden Dokumenten und wertvollen Kunstwerken be­stückte Schau stellt Pflug als einen von Me­lanchthon hoch geschätzten Ge­sprächspartner vor.
Pflug wurde 1541 vom Domkapitel zum ka­tholischen Bi­schof gewählt. Doch Kurfürst Johann Fried­rich, Schutzherr des Bistums, ernannte einen evangelischen „Gegenbischof“. Erst nach dem Sieg Kaiser Karls V. im Schmalkaldischen Krieg konnte Pflug 1547 sein Bischofsamt an­treten. Er erwies sich als toleranter Katholik: Die Mehrheit der evangelischen Prediger beließ er im Amt. Ausstellungskurator Holger Kun­de beurteilt ihn als einen der wichtigsten katholischen Vordenker der nach Einigung aller christlichen Konfessionen strebenden Ökumene.
Pater Augustinus Sander, Novizenmeister der Benediktinerabtei Maria Laach, macht sich seit vielen Jahren um die Ökumene- und Lutherforschung verdient. Er be­wertet Luther nicht etwa als „Kirchenspalter“, sondern als „Reformkatholiken“. Der 1505 ins Erfurter Augustinereremitenkloster eingetretene Luther habe eine fast 20 Jahre währende monastische Prägung erfahren. Pater Augustinus stellt den „Reformkatholiken“ Luther in einer 40 Schriften umfassenden Ausstellung vor, die er vom 25. Juni an in der historischen Jesuitenbibliothek von Maria Laach präsentiert. Zu den bemerkenswerten Ausstellungsstücken gehören die „Korrekturbibeln“ von Hieronymus Emser und Johannes Eck, die Luthers deutscher Bibelübersetzung eine katholische „Richtigstellung“ entgegensetzten. Doch Pater Augustinus weist darauf hin, dass Emser und Eck tüchtig bei Luther abgeschrieben haben, der so unbemerkt Einzug in die katholische Kirche hielt.
Schauplätze der Augsburger Bibel-Ausstellung „Unser Buch“ sind vom 7. April an das Rathaus, die katholische Kirche St. Moritz und die evangelische Kirche
St. Anna, der früher das Eremitenkloster angeschlossen war. In ihm fand der von Kardinal Cajetan 1518 zum Verhör bestellte Luther Unterkunft. Er weigerte sich, seine 95 Thesen gegen den Ab­lasshandel zu wi­derrufen, und flüchtete aus der Stadt. Zu den 120 Ausstellungsstücken gehören frühe Bibelhandschriften und so­gar eine Heilige Schrift aus dem Besitz von Elvis Presley, die der „King“ des Rock ’n’ Roll mit Un­terstreichungen und Notizen versehen hat. Elvis selbst stellte übrigens einmal richtig: „Für mich gibt es nur einen ,King‘, und das ist Christus.“
Sowohl die kleinste als auch die größte gedruckte Bibel der Welt gehören zum Aufgebot. Eine Reise zum Mond und zurück hat eine Bibel absolviert, die auf einen vier mal vier Zentimeter großen Mi­krofilm gebannt ist. Sie ist eines von 100 Exemplaren, die der Apollo-14-Astronaut Edgar Mitchell im Auftrag der Apollo-Gebetsliga 1971 mit auf den Mond nahm.    Veit-Mario Thiede


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