Greiser Kupfermann

Splitternackter Tugendheld – Über Kassel wacht seit 300 Jahren auf der Wilhelmshöhe der Herkules

10.05.17
Grünes Männchen: Der Kasseler Herkules auf einer Pyramide, die einem oktogonalen Unterbau aufgesetzt ist Bild: Thiede

Was für New York die Freiheitsstatue, das ist für Kassel der Herkules. Im November 1717 wurde das heutige Kasseler Wahrzeichen auf der Wilhelmshöhe fertiggestellt. Eine Ausstellung erzählt jetzt die Geschichte des von Landgraf Carl von Hessen-Kassel in Auftrag gegebenen Kupferkolosses.

Über Kassel wacht ein grünes Männchen – das sich bei näherer Betrachtung zu einem über acht Meter großen Koloss auswächst. Die weithin sichtbare Monumentalstatue des Herkules ist das Wahrzeichen der Stadt. Der grün patinierte Kupfermann hat auf seinem steinernen Unterbau die absolute Lufthoheit im Bergpark Wilhelmshöhe, der seit 2013 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Im November dieses Jahres hat der splitternackte Tugendheld seinen 300. Geburtstag. Doch schon jetzt feiert eine Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe den beliebten Muskelprotz. Sie um­fasst Bilder und Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart.
Vorbild für den Kupferkoloss ist die Marmorskulptur des Herkules Farnese. Ihre Wie­derentdeckung im Jahr 1546 verdankt sie Papst Paul III., der auf der Suche nach antiken Bildwerken Ausgrabungen in den Thermen des römischen Kaisers Caracalla veran­lass­te. Paul III. gehörte der Adelsfamilie Farnese an. Er ließ seinen Prachtfund im Innenhof des Palazzo Farnese aufstellen.
Heute befindet sich die im späten zweiten Jahrhundert gefertigte Skulptur im Nationalmuseum von Neapel. Ihr Schöpfer ist laut Inschrift „Glykon der Athener“. Er kopierte ein nicht erhaltenes Urbild aus Bronze, das die Forscher dem Griechen Lysipp zuschreiben und auf 330 bis 320 vor Christus datieren. Seine Bild­erfindung war offenbar sehr be­liebt. Erhalten sind zahlreiche Kopien und Varianten. Die Schau zeigt den Herkules vom Typus Farnese auf einer Kupfermünze (241/242 n. Chr.), als bemalte Statuette aus Terrakotta (römische  Kaiserzeit) sowie in Fragmenten von Marmorskulpturen.
Als getreueste Wiedergabe von Lysipps Original gilt der in den Caracalla-Thermen gefundene, an die drei Meter große Herkules Farnese. Sein imposanter Gipsabguss ist ausgestellt. Herkules stützt seine linke Achsel auf einen spitzen Felsbrocken, über den er das Fell des nemeischen Löwen geworfen und an den er seine Keule gelehnt hat. Sein Blick ist nachdenklich gesenkt. Trotz der Ruhepose sind alle Muskeln an­gespannt. Der hinter den Rücken geführte rechte Arm macht uns darauf aufmerksam, dass Herkules nicht nur von vorn, sondern auch von hinten betrachtet werden möchte. In der „Hinterhand“ hält er die drei Äpfel aus dem Garten der Hesperiden. Das Unverwundbarkeit garantierende Löwenfell und die Unsterblichkeit versprechenden Äpfel weisen auf zwei der zwölf Heldentaten hin, die Herkules in Diensten des Königs Eurystheus vollbrachte.
Dem Herkules Farnese huldigen seit seiner Wie­derentdeckung Maler, Bildhauer und Kunstliebhaber. Sie feiern ihn als mustergültige Verkörperung kraftvoller Schönheit. Auch Landgraf Carl von Hessen-Kassel stattete der be­rühmten Skulptur auf seiner im Dezember 1699 angetretenen viermonatigen Italienreise einen Besuch ab. Neben dem Studium antiker Bildwerke interessierten den Landgrafen auf seiner Tour besonders die Wasserkünste in Gartenanlagen. Er suchte nämlich nach Anregungen für seine bereits im Bau befindlichen Wasserspiele auf dem Carlsberg bei Kassel, der heute Wilhelmshöhe heißt. Sie sind mit den Kaskaden, den mit Skulpturen aus der griechischen Mythologie ausgestatteten Grotten und dem Oktogonbauwerk, auf dem die Pyramide mit dem Kasseler Herkules steht, der barocke Teil der heutzutage zweimal pro Woche veranstalteten Wasserkünste.
Die Kasseler Kupferkopie des Herkules Farnese ist ein technisches und künstlerisches Meisterwerk. Für dessen Ausführung in den Jahren 1714 bis 1717 berief Landgraf Carl den Augsburger Goldschmied Johann Jacob An­thoni nach Kassel. Er verwirklichte seine auf über acht Meter vergrößerte Kopie mit Hilfe eines damals außergewöhnlichen, kaum erprobten Verfahrens.
Die Figur ist ein stabiles „Leichtgewicht“ von 2,5 Tonnen. Der ex­trem „dünnhäutige“ Koloss ist aus vorgefertigten, drei Millimeter starken Kupferblechen zusam­mengesetzt, die miteinander verzahnt und vernietet sind. Das vom Kasseler Bauschmied Johann Balthasar Glocke konstruierte schmiedeeiserne Innengerüst verleiht der Hohlfigur Stabilität. Die Herstellungstechnik machte Schule. Das beweisen zum Beispiel die Quadriga auf dem Brandenburger Tor (1789–1794), das Hermannsdenkmal bei Detmold (1838–1875) und die New Yorker Freiheitsstatue (1871–1884/1886).
Der zweite Ausstellungsteil präsentiert Herkules in der Kunst vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Dabei kommt der Tugendheld nicht immer gut weg. So zeigt ihn Rubens auf seinem Gemälde „Der trunkene Herkules“ (1615–1620) als dermaßen berauscht, dass er von zwei Gestalten aus dem Gefolge des Weingottes Bacchus gestützt werden muss. Markus Lüpertz degradiert ihn mit seiner scheckig bunt bemalten Bronzeskulptur (2010) zur kopflastigen Missgestalt. Ge­mälde und Grafiken erheben den Kasseler Bergpark mit dem Herkulesmonument zum mal idyllischen, mal majestätischen Bildmotiv. Beachtenswert ist Adolf Menzels filigrane Bleistiftzeichnung „Herkules und Kaskade in Wilhelmshöhe bei Kassel“ (1841).
Von Künstlern und Karikaturisten eigens zum 300. Geburtstag des Kasseler Herkules angefertigte Arbeiten beschließen die Schau. So mancher scheint dabei keinen rechten Zugriff auf den Koloss gefunden zu haben. Gelungen ist hingegen Ernst Kahls Beitrag, der wie ein mit Deckfarben gemaltes Plakat aussieht: „Der Kasseler Herkules. Die Monu­mentalskulptur im Spiegel der Kunst“ (2017). Zu sehen sind drei mal drei Motive, darunter Herkules aufgebläht und gestreift wie eine der Figuren Niki de Saint Phalles, auf dem Kopf stehend wie die Motive von Georg Baselitz, spindeldürr wie die Skulpturen Alberto Giacomettis oder in der Manier Christos verhüllt und eingeschnürt.     Veit-Mario Thiede

Bis 8. Oktober im Schloss Wilhelmshöhe, Kassel, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr, Eintritt: 6 Euro, Telefon (0561) 31680123, Information im Internet: www.museum-kassel.de


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