Habemus Papam

Ein Teil von Mannheim ist Papst – Ausstellung zeigt Macht und Einfluss der frühen Kirchenväter

13.09.17
Papst-Verherrlichung durch Renaissancemaler Raffael: Leo X. mit den Kardinälen Giuliano de’ Medici und Innocenzo Cybo Bild: Gallerie Nazionali di Arte Antica di Roma, Palazzo Barberini

Gelobet sei Mannheim: Im Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Mu­seen ist mit „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“ die weltweit erste Schau über das Papsttum zu sehen.

Das Papsttum ist eine der ältesten bestehenden Institutionen. Bevor sich Protestanten und Katholiken voneinander absetzten, lenkten allein die Päpste die geistlichen Geschicke der lateinischen, also westlichen Christenheit. Aber wie ist das Papsttum entstanden? Welche Höhen und Tiefen hat es vor der Ausbreitung der Reformation durchlebt? Im Mannheimer Mu­seum Zeughaus erzählen rund 330 erlesene Dokumente und Objekte von den ersten 1500 Jahren des Papsttums. Weit über 200 Heilige Väter und Gegenpäpste amtierten in dieser Zeit. Die niemals unterbrochene Abfolge reicht von Petrus bis Clemens VII., der von 1523 bis 1534 Papst war.
Der Evangelist Matthäus be­richtet, Jesus habe seinem Jünger Simon Petrus eine besondere Verantwortung übertragen: „Du bist Petrus (der Fels), und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche errichten.“ Die Apostelfürsten Petrus und Paulus erlitten 64 oder um 67 unter Kaiser Nero in Rom den Märtyrertod. Als Beleg dafür gilt eines der zentralen Dokumente des frühen Christentums: der „Erste Clemensbrief“. Gezeigt wird die älteste überlieferte Abschrift des Briefes, die im
4. Jahrhundert in koptischer Sprache verfasst wurde. Die Urschrift wird dem römischen Bischof Clemens I. zugeschrieben, der vermutlich von 92 bis 101 amtierte.
Wegen des Martyriums der beiden Apostel in Rom beansprucht die römische Gemeinde den Vorrang gegenüber allen anderen Kirchen. Der römische Bischof wird seit dem 4. Jahrhundert auch „Papst“ (Vater) genannt. Das Papsttum fußt darauf, dass sich jeder Heilige Vater als Erbe der von Christus auf Petrus übertragenen Aufgaben betrachtet. Daraus leitete der 366 bis 384 amtierende Damasus den Vorrang des Papstes gegenüber allen anderen Bischöfen ab.
Eindrucksvolle Objekte veranschaulichen die frühe Verehrung von Petrus und Paulus. Das Fragment eines Sarkophags (4. Jh.) zeigt links die Gefangennahme des Paulus, während rechts Jesus die Himmelsschlüssel an Petrus übergibt. Die Elfenbeinschnitzerei eines Reliquienkästchens (um 450) zeigt die früheste Darstellung des Grabdenkmals Petri. Über ihm ließ Kaiser Konstantin, der 306 bis 337 herrschte, die alte Peterskirche errichten. Diese er­setzten die Päpste im 16. Jahrhundert durch den Bau der heutigen Peterskirche.
Auf den 492 bis 496 amtierenden Gelasius I. geht der päpstliche Anspruch auf den Vorrang gegenüber Kaisern und Königen zurück. Doch zunächst sah die Realität anders aus. Der Papst war vom Kaiser abhängig. Wiederholt suchte der sich sogar seinen Heiligen Vater selbst aus. So setzte Heinrich III. anno 1046 drei streitende Päpste ab und bestimmte den Bamberger Bischof Suidger zum neuen Heiligen Vater, der den Namen Clemens II. annahm. Sein Papstgrab im Bamberger Dom ist das einzige nördlich der Alpen. Mannheim zeigt die Nachbildungen des Sarkophags und der zugehörigen Clemensskulptur sowie originale Funde aus dem Clemensgrab, darunter die kniehohen Pontifikalstrümpfe aus Seide und Haare des Papstes.
Radikal formulierte Gregor VII. anno 1075 in seinen als „Dictatus Papae“ berühmt gewordenen 27 Sätzen den Vorrang des Papstes in Kirche und Welt. Sie sind in einer Abschrift (12. Jh.) ausgestellt. Da heißt es über den Papst, „dass sein Urteil von niemandem wi­derrufen werden darf und er selbst als einziger die Urteile aller aufheben kann; dass er von niemandem gerichtet werden darf; dass es ihm erlaubt ist, Kaiser abzusetzen“. Seinem „Dictatus Papae“ ließ Gregor Taten folgen: Er setzte 1076 König Hein-
rich IV. ab, der daraufhin den Gang nach Canossa antrat, um sich dem Papst zu unterwerfen.
Im 13. Jahrhundert trieben die Päpste ihre Macht und Selbstherrlichkeit auf die Spitze. Bildnisse präsentieren uns die wichtigsten Persönlichkeiten. Ein Fragment des Apsismosaiks aus der alten Peterskirche zeigt den 1198 bis 1216 amtierenden Innocenz III. Bei seinem Amtsantritt predigte er, der Papst sei zwar geringer als Gott, aber größer als jeder Mensch. Auch der 1294 bis 1303 amtierende Bonifaz VIII. propagierte aus eigenem Machtwillen die Oberhoheit des Papsttums: „Was immer an Ämtern, Auszeichnungen, Würden und An­sehen das Römische Kaiserreich oder Königreich innehat, fließt aus seiner Gnade, seinem Wohlwollen und seiner Erlaubnis.“
Die um 1300 geschaffene älteste Papstbüste überhaupt stellt uns Bonifaz vor. Er trägt die „Tiara“ genannte spitze Kopfbedeckung mit den drei Kronreifen. Sie ist erst unter ihm als Würdezeichen der Päpste bezeugt. Die nach Jesu Vorbild vor der Brust im Segensgestus erhobene Rechte ist eine Neuerung in der päpstlichen Darstellung. Ebenso die von Petrus übernommenen Schlüssel zum Himmelreich, die Bonifaz in der Linken hält.
Bald nach dem Tod von Bonifaz setzte der Niedergang des Papsttums ein. Die Päpste begaben sich ins Exil nach Avignon und waren vom Wohlwollen des französischen Königs abhängig. Dann zog das Große Abendländische Schisma herauf: Drei Nachfolger Petri amtierten gleichzeitig. Abhilfe brachte das Konstanzer Konzil (1414–1418). Die Konzilsväter wählten Martin V. zum allgemein anerkannten Papst.
Stefan Weinfurter, Leiter des Ausstellungsprojekts, berichtet: „Das nun folgende Jahrhundert war bestimmt von den Bemühungen der Päpste, die alte Ordnung und die territorialen und materiellen Grundlagen des Kirchenstaats wiederherzustellen.“ Die alte Macht erreichten die Päpste zwar nie wieder. Aber dank ihrer Förderung stieg Rom mit Künstlern wie Raffael und Michelangelo zum Mittelpunkt der Künste auf.     Veit-Mario Thiede
Bis 31. Oktober in den Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Zeughaus, C5, Mannheim, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 15,50 Euro. Telefon (0621) 2933771, Internet: www.paepste2017.de. Der Katalog aus dem Verlag Schnell & Steiner kostet im Museum 29,95 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro


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