Heiligabend feiern statt töten

Vor 100 Jahren begingen deutsche und britische Frontsoldaten gemeinsam das Weihnachtsfest

24.12.14
Weihnachtswunder: Deutsche Soldatengruppe mit zwei britischen Kameraden. Bild: pa

Knapp fünf Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs ereignete sich an der Westfront das sogenannte Weihnachtswunder. Trotz der vorausgegangenen erbitterten Kämpfe legten zahlreiche Soldaten beider Seiten, allen voran Deutsche und Briten, für einige Stunden und sogar Tage die Waffen nieder, um gemeinsam zu feiern.

„Ehe das Laub fällt, seid Ihr wieder zu Hause“, hatte Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) seinen Soldaten versprochen, als diese im August 1914 in den Krieg zogen. Das freilich sollte sich als Illusion erweisen, denn nach dem Erstarren der Fronten standen die Kämpfer auch zu Heiligabend noch im Schlamm der Schützengräben. Ganz genauso erging es vielen Angehörigen der britischen Expeditionstruppen, denen ebenfalls die baldige Rückkehr in die Heimat verhießen worden war. Deshalb machte sich Ende Dezember 1914 eine ausgeprägte Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten breit, die zu einer spontanen Waffenruhe in Teilbereichen der Westfront führte, dem sogenannten „Weih­nachtswunder“.
Ausgangspunkt des Ganzen scheint dabei ein Frontabschnitt in der Nähe der flandrischen Stadt Ypern gewesen zu sein, in dem die Stellungen von Briten und Deutschen so nahe beieinander lagen, dass man problemlos durch Rufen kommunizieren konnte.
Laut den überlieferten Augenzeugenberichten begann die Verbrüderung am 23. Dezember im Zusammenhang mit der Bergung von Verwundeten und Toten im Niemandsland zwischen den Gräben. Im Anschluss an die hierfür vereinbarte Feuerpause kam es nämlich zu gemeinsamen Gebeten oder auch richtiggehenden Gottesdiensten. Danach wiederum obsiegte das Bedürfnis nach Entspannung und Heiterkeit, weshalb am 24. Dezember mehrere Fußballspiele stattfanden, in denen die Angehörigen der beiden Kriegsparteien aufeinandertrafen. Dem folgten abendliche Grillfeste sowie der Austausch von Geschenken, wobei besonders deutsches Bier und britischer Christmas Pudding die Seiten wechselten. Und auch der 25. Dezember stand vielfach noch ganz im Zeichen unkriegerischer Betätigungen wie dem wechselseitigen Haareschneiden. Bei dieser Gelegenheit soll sogar der eine oder andere Brite auf seinen früheren Friseur gestoßen sein, der vor dem Krieg auf der Insel gearbeitet hatte.
Es gibt Hinweise darauf, dass auf deutscher Seite vor allem sächsische und bayerische Einheiten die Waffen niederlegten, während es beim Gegner die Schotten und Waliser waren. So kam es beispielsweise im Raum Frelinghien zu einer gemeinsamen Weih­nachtsfeier von Soldaten des Sächsischen Infanterie-Regimentes Nr. 134 und des Jäger-Bataillons Nr. 6 mit Angehörigen des 2nd Bataillon der Royal Welsh Fusiliers.
Der festtägliche Frieden endete zumeist am Abend des ersten Weihnachtstages, in manchen Fällen hielt die Waffenruhe aber auch bis Neujahr. Dabei ging die Initiative zu der Kampfpause durchaus nicht nur von den unteren Dienstgraden aus. Vielfach waren es Offiziere wie der Leutnant Kurt Zehmisch vom 134. Sächsischen Infanterieregiment, die den formellen Befehl zur Feuereinstellung gaben.

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Der deutschen und britischen Militärführung fehlte natürlich jedwedes Verständnis für das Geschehen an der Front – schließlich hatten die jeweiligen Regierungen gerade die Bitten um einen weihnachtlichen Waffenstillstand, die von Papst Benedikt XV. alias Giacomo della Chiesa (1854–1922) und dem Pariser Erzbischof Léon-Adolphe Kardinal Amette (1850–1920) geäußert worden waren, abgelehnt. Besonders erbost zeigte sich dabei der Oberkommandierende der britischen Expeditionsstreitkräfte, Field-Mar­shal Sir John D. French (1852–1925), der in einem Schloss 30 Kilometer hinter der Frontlinie residierte und gerade zu Mittag speiste, als die Nachricht von der Fraternisierungswelle eintraf. Er befahl, die Verbrüderungen „unter allen Umständen“ zu stoppen. Parallel hierzu verlangte Frenchs rechte Hand, General Horace L. Smith-Dorrien (1858–1930), die umgehende Ermittlung der Namen aller verantwortlichen Offiziere, um „entsprechende disziplinarische Maßnahmen“ einleiten zu können. Wenig später wurde über diejenigen Truppenführer, deren Untergebene mit dem Feind verkehrt hatten, eine Urlaubssperre verhängt. Ebenso kam es zu zahlreichen Strafversetzungen.
Deutscherseits erfolgten dahingegen keine nennenswerten Sanktionen – vielleicht, weil die Nachrichten vom Weihnachtsfrieden hier aufgrund der besser funktionierenden Zensur nicht in die Presse gelangt waren und einige höhere Militärs augen­zwinkernd argumentierten, die Truppen hätten den Waffenstillstand ja nebenher zu einer Verstärkung der Grabenanlagen genutzt.
Außerdem zelebrierten auch längst nicht alle deutschen Einheiten an der Westfront den Weihnachtsfrieden, wobei „Experten“ wie der ehemalige „Stern“-Chefredakteur Michael Jürges unterstellen, dass es sich bei den Weiterkämpfenden vor allem um preußische Soldaten gehandelt habe, die von ihren Offizieren mit Waffengewalt an der Fraternisierung gehindert worden seien. Allerdings gibt es hierfür keinerlei Belege. Aber wahrscheinlich machten wohl eher die schweren Verluste der Vergangenheit an manchen Frontabschnitten weihnachtliche Verbrüderungen unmöglich. Darüber hinaus zeigten auch die Franzosen und Belgier oft nur wenig Bereitschaft, einer Kampfpause zuzustimmen, da der Gegner schließlich in ihrer Heimat stand.

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Ebenso erlebte die Ostfront keine größere Waffenruhe während der Kriegsweihnacht 1914, zum einen, weil die russischen Soldaten das Fest nach dem orthodoxen Kalender, also zu einem späteren Zeitpunkt, feierten, zum anderen wegen der größeren Abstände zwischen den Frontlinien, die mündliche Kontaktaufnahmen meist verhinderten. Jedoch wurde auf deutscher Seite ab und an das Feuer eingestellt, um wenigstens ein paar Stunden der Ruhe und Besinnung zu genießen.
Im Jahr darauf kam es dann auch im Westen nur noch höchst selten zu Waffenstillständen und Verbrüderungen während der Weihnachtstage. Dabei fielen die Strafen auf britischer Seite erneut härter aus als bei den Deutschen. So mussten sich Captain Miles Barne und Captain Iain Col­quhoun von den Scots Guards, die das Fraternisierungsverbot miss­achtet hatten, nun vor einem Kriegsgericht verantworten. Und ab 1916 waren die Fronten schließlich so verhärtet, dass selbst bei den unteren Dienstgraden niemand mehr auf die Idee verfiel, mit dem Feind zu feiern.   
Wolfgang Kaufmann
 


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Kommentare

Herbert Schinkel:
10.05.2015, 13:48 Uhr

Leider haben sich auch in dieser Situation die Engländer mal wieder als Kriegstreiber positioniert.

Es gab ein Bestreben der USA, dem Deutschen Reich und Russland den 1. WK zu beenden. Alle waren einverstanden die Kampfhandlungen zu beenden, nur England lehnte die Vereinbarungen ab. Die wollten die vollständige Zerschlagung der deutschen Wirtschaft. Das bestätigte Churchill in einer seinen Memoiren.

"Wenn Deutschland innerhalb der nächsten 50 Jahr wieder beginnt Handel zu treiben, dann haben wir diesen Krieg umsonst geführt."

Was wäre bei einer Einstellung des Krieges der Welt für ein Leid erspart geblieben.


Andreas Müller:
24.12.2014, 12:55 Uhr

Wunderbar, dass sich ein Redakteur der Paz an diesen einmaligen Ereignis erinnert
UND
das aktueller denn je erscheint!

Frohes Weihnachtsfest!


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