Heimat auf Bayerisch

Trachten, Loden und eine alpine Preußenprinzessin – Kloster Ettal sucht nach dem »Mythos Bayern«

22.06.18
Barocker Ausstellungsort: Kloster Ettal Bild: Kloster Ettal

Mit Marie von Preußen in den Alpen. „Wald, Gebirg und Königs­traum – Mythos Bayern“: Im Kloster Ettal läuft eine sehenswerte Bayerische Landesausstellung, die gut zur Heimatdebatte passt.

„Bayern ist, was die Fremden dafür halten, weil es ihnen die Bayern so präsentieren.“ Mit dieser selbstironischen Feststellung wartet ein Saaltext der Bayerischen Landesausstellung auf, die die Eigenheiten des Freistaates und seine Einwohner feiert. Wie diese Eigenheiten aussehen und wie es zu ihnen kam, veranschaulichen rund 200 Exponate.
Schauplatz der Landesausstellung ist die von 33 Mönchen bewohnte Benediktinerabtei Ettal. Sie widmen sich der Seelsorge, unterhalten ein Gymnasium mit Internat, brauen Bier und destillieren Likör. Spirituelles Zentrum des in den Ammergauer Alpen gelegenen Klosters ist das in einer vergoldeten Nische des Hochaltars der Kirche St. Mariä Himmelfahrt aufbewahrte Ettaler Gnadenbild. Diese die Madonna und das Jesuskind darstellende Marmorstatuette ist eine Stiftung Kaiser Ludwigs des Bayern, der das Kloster 1330 gründete.
Mit ihrer prachtvollen Ausstattung gehört die von einer mächtigen Kuppel bekrönte Kirche zu den bedeutendsten Bauwerken des süddeutschen Barock. In der Umgebung befinden sich weitere Attraktionen, die den Mythos Bayern mit Leben erfüllen: das für seine Passionsfestspiele berühmte Oberammergau, König Ludwigs Märchenschloss Linderhof und die Zugspitze.
Die Landesausstellung hebt die Voralpenlandschaft und deren Bevölkerung, die Religion, das Bier und die Trachten als die wichtigsten Elemente hervor, die den Mythos Bayern kennzeichnen. Seine entscheidende Prägung erhielt er im 19. Jahrhundert und sein Schauplatz ist Ober­bayern. Die anderen Landesteile spielen in der Ausstellung nur eine untergeordnete Rolle.
Mitveranstalter der vom Haus der Bayerischen Geschichte erarbeiteten Schau sind die Bayerischen Staatsforsten und die Bayerische Forstverwaltung. Wohl nicht zuletzt deshalb sind der Wald und die Holzverarbeitung ein großes Thema. Bilder, Waffen, Werkzeuge und Schnitzkunst erzählen von Wildhütern, legendären Wilderern, Waldarbeitern und Holzschnitzern. Zu meisterhaft in Oberammergau geschnitzten Unikaten wie dem „Abendmahl nach Leonardo da Vinci“ (1844) tritt Massenware. Aber auch die kann ein kurioser Blick­fang sein, wie die für den Weltexport produzierten, aber aus unbekannten Gründen nicht ausgelieferten „Zwölf Christuskorpusse in Originalverpackung“ beweisen. Ein ganz besonderes Stück ist das 1860 von einem Oberammergauer Holzschnitzer für den damaligen Prinzen und späteren „Märchenkönig“ Ludwig II. angefertigte Schwanenfigürchen.
Nicht nur der „Kini“, sondern auch seine Eltern gehören zu den Hauptfiguren der Landesausstellung. Großes Aufsehen erregte 1842 die Trauung des Kronprinzen und späteren Königs Max II. mit Marie von Preußen auch deshalb, weil sich an sie die Massenhochzeit von 36 aus allen Teilen des Königreichs angereisten Brautpaaren in Tracht an­schloss.
König Max II. sah Volkstrachten als geeignetes Mittel an, das Nationalbewusstsein seiner Lan­deskinder zu stärken. Als er die Volkstrachten mehr und mehr von modischer Kleidung verdrängt sah, gab er 1853 die Proklamation heraus, „daß die Staatsbehörden ihre Teilnahme an der Bewahrung der Landestrachten bei jeder Gelegenheit kundgeben, die Vorliebe für dieselben anregen, erhalten und festigen sollen“. Zu den hoheitlichen Bemühungen gesellen sich seit Ende des 19. Jahrhunderts die von Bevölkerungsseite. Vielerorts gründeten sich Volkstrachtenerhaltungsvereine, die bis heute wesentlich die bayerische Festkultur prägen.
Königin Marie war Bayerns erste Alpinistin. Sie entwarf ei­gens eine Wandertracht aus Loden, um sich in den Bergen sicher bewegen zu können: eine lange Hose, darüber ein weiter Rock. Da der die Knöchel unbedeckt ließ, galt ihr Aufzug als skandalös. In Augenschein können wir ihn auf einem Ölbild nehmen, das Philipp von Foltz gemalt hat: „Begegnung Max II. von Bayern mit seiner Gemahlin Königin Marie anlässlich einer Jagd am Niederen Straußberg bei Hohenschwangau“ (um 1855). Auf ihm zeigt sich auch Max II. zünftig gekleidet. Er trägt einen Hut mit Gamsbart zu grüner Lodenjacke und bis zum Knie reichender Hose.
Besonders die Malerei hat zu unserem Vorstellungsbild von Bayern beigetragen. Peter von Heß etwa malte zahlreiche Bilder des Volkslebens. Sein Gemälde „Sankt Leonhardsfest in Fischhausen am Schliersee“ (1825) vereint alle Elemente, die den Mythos Bayern auszeichnen: die schöne Landschaft, bunte Trachten, frisches Bier in Maßkrügen und fromme Menschen.
Lorenzo II. Quaglios Ölbild „Gegend aus dem bayerischen Hochlande“ (1832) zeigt eine Alm vor imposanter Bergkulisse und Fernblick ins Tal. Vor der Hütte befindet sich das charakteristische Personal der Bergwelt: Sennerinnen, Jäger und Hütebub. Es ist ein typisches Landschaftsbild der Münchner Schule. Die fanden durch Verkaufsausstellungen in­ternationale Verbreitung und trugen mit dazu bei, Touristen nach Bayern anzulocken.
Das bezeugt Hubert Herkomers Bild „Schuhplattler“ (1875). Es präsentiert eine Wirtshausdarbietung: Ein Mann in Lederhose hüpft vor seiner Tanzpartnerin herum und schlägt sich dabei auf die Schenkel. Unter den Zuschauern fällt eine feine Dame in städtischer Kleidung auf. Der Fremdenverkehr hat eingesetzt und den Gästen muss was geboten werden. Margot Hamm, Projektleiterin der Landesausstellung, kommentiert: „Man führt sich vor. Ein supergutes Geschäft.“    Veit-Mario Thiede
Bis 4. November im Kloster Ettal, Kaiser-Ludwig-Platz 1, Ettal, ge­öffnet täglich von 9 bis 18 Uhr. Eintritt: 12 Euro, Kombiticket Ausstellung und Schloss Linderhof: 15 Euro. Internet: www.hdbg. de. Der Katalog aus dem Verlag Friedrich Pustet kostet in der Ausstellung 24,90 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro. Reiseinformationen: www.zugspitz-region.de


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