Hier war der Teufel los

Vor 325 Jahren entstand Leipzigs Oper – Ihr heutiger Säulenheiliger Richard Wagner wird im Mai mit Festtagen geehrt

11.05.18
Im Wagner-Fieber: Leipziger Oper schmückt sich zur Premiere der Wagner-Oper „Die Feen“ Bild: Kirsten Nijhof

Am 8. Mai 1693 wurde in Leipzig das erste feste Opernhaus eröffnet – nach Venedig und Hamburg das dritte bürgerliche Opernhaus der Welt.

Vor Kurzem hat das Auswärtige Amt bei der UNESCO beantragt, die „Deutsche Theater- und Or­chesterlandschaft“ auf die Liste des immateriellen Kulturerbes zu setzen. „Deutschland hat“, so Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, „die reichste Theaterlandschaft der Welt. Etwa die Hälfte aller Opernhäuser auf der ganzen Welt ist in Deutschland situiert. Und was Schauspielhäuser angeht, gibt es eine ähnliche Dichte.“ Historisch resultiert dieses reiche Erbe aus der großen Zahl kleiner Staaten und Herzogtümer im 18. und 19. Jahrhundert, die damals mit Fleiß ihr eigenes Theater und Orchester gründeten.
Später baute ein selbstbewuss­tes Bürgertum diese Vielfalt und Dichte weiter aus. Leipzig war nie Residenzstadt, stets stadtbürgerlich geprägt und hatte – als Gegenmodell zur Dresdner Hofoper – von Anfang an eine Bürgeroper. Die Anfänge waren durchaus holprig. Am 8. Mai 1693 eröffnete der Dresdner Geiger und Hof-Vizekapellmeister Nikolaus Adam Strungk Leipzigs erstes festes Opernhaus am Brühl, heute Ritterpassage. Beim Bau wurde ge­pfuscht, sodass bereits im Fe­bruar 1720 der letzte Vorhang fiel.
Unter der Musikdirektion von Georg Philipp Telemann (1701–1705) erlebte die Oper dennoch ihre erste musikalische Glanzzeit. Telemann schrieb mehr als 20 Leipziger Opern, verfasste dabei die Texte selbst, spielte den Generalbass im Orchester oder sang selber Opernrollen. Bis 1718 können 17 seiner Opern für das Opernhaus am Brühl nachgewiesen werden. Erhalten ist allerdings nur die 1704 komponierte und 2007 rekonstruierte Oper „Germanicus“.
Als Bach 1723 nach Leipzig kam, gab es schon keine Oper mehr. Über 60 Jahre müssen sich die Leipziger vor allem mit Gastspielen italienischer Operntruppen und provisorischen Spielorten begnügen. In diese Zeit fiel am 6. Oktober 1752 die Premiere des Singspiels „Der Teufel ist los oder Die verwandelten Weiber“. Sie gilt als die Geburtsstunde des deutschen Singspiels. Um seine Truppe vor dem finanziellen Ruin zu retten, hatte Heinrich Gottfried Koch von Christian Felix Weiße Texte und vom Ballettgeiger Jo­hann Georg Standfuß neue Melodien für das damals populäre englische Singspiel erbeten.
Ein Erfolgsrezept! Die Premiere der Neufassung „Die verwandelten Weiber“ am 28. Mai 1766 mit neu eingeschobenen Gesängen von Weiße und der Musik von Johann Adam Hiller, dem Begründer der Gewandhauskonzerte und späteren Thomas­kantor, gilt als Höhepunkt der deutschen und internationalen Musiktheatergeschichte. Das Singspiel erlebte in Leipzig seine Blütezeit.
Mit der Eröffnung des Komödienhauses auf der Ranstädter Bastey, heute Richard-Wagner-Platz, bekam Leipzig 1766 wieder ein Opernhaus. 1877 umgebaut, wurde es als „Theater der Stadt Leipzig“ neu eröffnet. Seitdem erhielten alle Musiker und En­semblemitglieder erstmals ein festes Gehalt. Es entstand sogar ein erster Profichor aus 20 Sängerinnen und Sängern. Der heute über 70 Mitglieder starke Berufs­chor feierte im vergangenen Jahr sein 200-jähriges Bestehen.
Letzter Standort der Oper ist der Augustusplatz, wo 1868 das Neue Theater feierlich eröffnet wurde. Nachdem am Nachmittag des 3. Dezember 1943 noch der Vorhang zu Wagners „Walküre“ aufgegangen war, wurde es beim Luftangriff in der Nacht zum 4. Dezember zerstört. 1956 begannen die Bauarbeiten für den Neubau. Am 8. Oktober 1960 wurde das „Neue Leipziger Opernhaus“ mit der 5. Sinfonie von Beethoven und dem Violinkonzert von Brahms feierlich eingeweiht. Am Abend des 9. Okto­ber hob sich der Vorhang für Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“.
Heute ist die Oper ein städtischer Eigenbetrieb und die Dachmarke der drei Sparten Oper, Leipziger Ballett und Musikalische Komödie mit ihren beiden Spielstätten, dem Opernhaus am Augustusplatz sowie dem Haus Dreilinden im Stadtteil Lindenau, wo sich die Musikalische Komödie mit einem eigenem Ensemble, Orchester, Chor und Ballett der Spieloper, dem Musical sowie der Operette widmet.
Mit rund 650 Angestellten ist die Oper einer der größten Ar­beitgeber der Stadt. Unter Intendant Ulf Schirmer werden nicht nur Repertoire-Stücke der deutschen Romantik und italienischen Oper gepflegt. Sein erklärtes Ziel ist es, bis zum Jahr 2022 sukzessive das komplette Werk Wagners ins Repertoire aufzunehmen. Da­mit hätte Leipzig ein weltweites Alleinstellungsmerkmal.
Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren. „Heil Leipzig, meiner Vaterstadt, die eine so kühne Theaterdirektion hat“, schüttelreimte der Komponist 1878 anlässlich der ersten szenischen Aufführung seines „Ring der Nibelungen“ außerhalb von Bayreuth. Im Wagnerjahr 2013 begann nach 40-jähriger Abstinenz eine Neuproduktion des „Ring“, die im Mai 2016 mit großem Erfolg zum ersten Mal als Zyklus aufgeführt wurde. 40 Prozent der Besucher kamen dazu aus dem Ausland, aus insgesamt 47 verschiedenen Ländern.
Seit der Spielzeit 2014/15 finden regelmäßig Wagner-Festtage statt, dieses Jahr mit einer kompletten „Ring“-Aufführung vom 10. bis 13. Mai. Neben Wagner ist Richard Strauss Leipzigs zentrale Säule. Mit „Elektra“, „Der Rosenkavalier“, „Die Frau ohne Schatten“, „Arabella“ und „Salome“ hat es fünf seiner Werke im aktiven Repertoire.
In der kommenden Saison 2018/19 stehen mehr als 400 Veranstaltungen auf dem Spielplan: neben 46 Repertoire-Werken 15 Neuproduktionen, je fünf Opern, Ballette und Musikalische Komödien. Erstmals lobt die Oper Leipzig auch einen Kompositionswettbewerb zum Thema „Wie klingt Heimat?“ aus. Die prämierten Kompositionen werden im Rahmen eines Preisträgerkonzerts am 26. Juni 2019 zur Uraufführung kommen.
Als Jubiläums-Oper hat Schirmer am 16. Juni die Premiere von Alban Bergs „Lulu“ auf den Spielplan gesetzt. „Alban Berg hat zu einer Zeit, die zunehmend aus den Fugen geraten ist, noch einmal zusammenzufassen versucht, was Oper ist oder sein soll“, begründet der Intendant die Entscheidung.    Helga Schnehagen
Spielplan und Karten im Internet unter: www.oper-leipzig.de


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Alexander Schlesinger:
11.05.2018, 15:33 Uhr

Es heißt: "Der Ring des Nibelungen". Sechs, setzen.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.