Honeckers Triumph

Vor 30 Jahren wurde in der Bundesrepublik der rote Teppich für den DDR-Diktator ausgerollt

18.09.17
Nach der Begrüßung des Gastes vor dem Bundeskanzleramt in Bonn: Erich Honecker (l.) und Helmut Kohl lauschen der DDR-Hymne und dem Deutschlandlied Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1987-0907-017 / Oberst, Klaus / CC-BY-SA 3.0

Vom 7. bis zum 11. September 1987 war der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker zu einem „Arbeitsbesuch“ in der Bundesrepublik. In Bonn mit Ehreneskorten und militärischem Zeremoniell empfangen zu werden, war für ihn der Höhepunkt seiner Laufbahn.

Dass Erich Honecker 1987 in der Bundesrepublik mit allen Ehren empfangen wurde, bedeutete für ihn einen beispiellosen Erfolg. In Bonn wurde der rote Teppich für ihn ausgerollt, das Stabsmusikkorps der Bundeswehr spielte die DDR-Hymne und die DDR-Flagge mit Hammer und Zirkel wurde hochgezogen. Die Ehreneskorte bestand in Bonn nur aus sieben und nicht aus 15 Motorrädern, da die Visite formell nur als Arbeits- und nicht als Staatsbesuch eingestuft wurde. Ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß ließ die Zahl der Polizeimotorräder in München jedoch auf 15 wie bei einem Staatsbesuch erhöhen.
Die Einladung zu dem Besuch Honeckers hatte bereits Helmut Schmidt im Dezember 1981 am Werbellinsee in der DDR ausgesprochen. Längere Zeit wurde die Visite von Moskau blockiert. Für Helmut Kohl war es besonders wichtig, durch den Honecker-Besuch Verbesserungen im innerdeutschen Reiseverkehr zu erreichen. Das gelang zwar, aber der Empfang Honeckers mit allen Ehren hatte auch etwas sehr Zwiespältiges. Denn auch wenn Kohl und Strauß in Tischreden bei den Banketten die Einheit der Nation beschworen sowie die mörderische Grenze verurteilten, wirkte der Besuch doch allgemein wie eine Zementierung der Zweistaatlichkeit. Der kommunistische Potentat wurde allerorten von westdeutscher Politprominenz und zahllosen Medienvertretern umworben. Jemand wie der Zeithistoriker Karl-Dietrich Bracher, der die Einladung zum Gala-Diner mit Honecker aus ethischen Erwägungen ablehnte, war eine Ausnahme.
In einem schwarzen Mercedes 600 wurde Honecker durch die Bundesrepublik kutschiert, unter anderem durch Nordrhein-Westfalen und in seinen Heimatort Wiebelskirchen im Saarland.
Kohl-Biograph Hans-Peter Schwarz vermerkt, auch Kohl habe „keine Ahnung“ gehabt, dass der „zurückgebliebene Obrigkeitsstaat“ DDR „mitsamt dem weithin überschätzten Honecker kurz vor dem Aus“ stand. Und auch Strauß rechnete keineswegs mit einem baldigen Zusammenbruch der DDR. Im Dezember 1987 erklärte er vielmehr gegenüber Michail Gorbatschow im Kreml: „Wir forcieren die Wiedervereinigung nicht. Es können zehn, 50 oder 100 Jahre vergehen.“    Michael Leh

Wie der Autor den Besuch erlebte

Während des Honecker-Besuches in München am 11. September 1987 leitete ich das Büro der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) für Bayern und deshalb auch deren Kundgebung am Marienplatz. Wir protestierten gegen die Verhältnisse im Unrechtsstaat DDR und informierten unter anderem über die Schicksale politischer Gefangener. Auch bauten wir ein großes Mauer-Modell aus fester Pappe mit Stacheldraht mitten am Karls­platz/Stachus auf. Das Modell hatte jemand von der CDU-Jugend­organisation Junge Union (JU) in Olching in seinem Keller, es wurde immer wieder herausgeholt bei Anlässen wie dem Jahrestag des Mauerbaus. Auch am Stachus hielten wir einen Infostand ab. Eine Demonstration oder Kundgebung in Sichtweite Honeckers beziehungsweise seiner mutmaßlichen Wegstrecke zur Staatskanzlei – die alte war in der Prinzregentenstraße – anzumelden, war nicht möglich.
Mit drei anderen Menschenrechtlern versuchte ich deshalb wenigstens, noch mit kleinen Protestplakaten zum Prinz-Carl-Palais durchzukommen, wo wie an der Staatskanzlei die DDR-Flagge am Fahnenmast wehte und wir die Autokolonne mit Honecker vermuteten. Die bayerische Polizei unterband auch dies rigide. Mein Argument, dies sei eine zu erlaubende Spontandemonstration, wies ein Polizist zurück: „Dass Sie Plakate dabei haben, deutet darauf hin, dass es keine Spontandemonstration ist.“ Er drohte mit sofortiger Festnahme, wenn wir nicht mit den Plakaten unverzüglich wieder verschwänden. Es war somit nicht möglich, legal irgendwo auch nur ein Protestplakat in Sichtweite Honeckers hochzuhalten.
Auch in Dachau, wo Honecker in Begleitung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Karl Hillermeier einen Kranz niederlegte, wurde es nur weitab vom Eingang der KZ-Gedenkstätte erlaubt, eine Kundgebung abzuhalten, ebenfalls nicht in Sichtweite des DDR-Staatsratsvorsitzenden. Wir Menschenrechtler, darunter frühere DDR-Häftlinge, waren am zugewiesenen Standort auf einer Straßenseite aufgezogen, auf der anderen Seite hatte sich die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) postiert, um Honecker willkommen zu heißen. Zwischen uns stand Polizei. Als jemand von uns ein Plakat hochhielt, auf dem etwas wie „Honecker – Mauermörder“ stand, forderte ein DKPler von der Polizei, das Plakat zu beschlagnahmen, weil es „ein ausländisches Staatsoberhaupt beleidigt“. Vergeblich versuchte ich, die Polizei von der Beschlagnahme abzuhalten, unter anderem mit dem Argument, dass die DDR für uns rechtlich kein Ausland sei.
Unter unserem Protest und triumphierenden Gesten der DKP zog die Polizei das Plakat ein. Es war sehr bitter, dies im freien Westen erleben zu müssen. Gerade auch frühere politische DDR-Häftlinge, die bei uns standen, waren fassungslos. „Das ist ja wie in der DDR“, sagte einer.    M.L.


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Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
1.10.2017, 20:03 Uhr

Also die Margot Feist war noch um einige Prozente schärfer als der Erich. Altstalinisten waren beide, Unterdrücker des deutschen Volkes und unbelehrbar in jeder Beziehung. Wie sie einen BILD-Reporter mit einem Gartenschlauch gejagt hat und Aas-Geier beschimpfte, war schon die hohe Schule des Klassenkampfes.


Jan Hus:
22.09.2017, 08:30 Uhr

Der Westen ist nicht frei und war es nie. Er ist eine Freiheitssimulation auf US-amerikanischem Hoheitsgebiet, das früher einmal Deutschland hieß.


Hans-Joachim Nehring:
19.09.2017, 10:24 Uhr

Also wer Margot und Erich Honecker in der DDR ertragen musste, weiß heute was ein Unrechtsstaat bedeutet. Unbelehrbar, fanatisch, undemokratisch und der Diktatur des Proletariats ergeben, haben sie Deutschland einen schlechten Dienst erwiesen. Für ihre Vergehen haben sie ein erstaunlich mildes Urteil erhalten und wurden vom ehemaligen Klassenfeind mit hohen Renten belohnt. Wie immer, denn kleine Lichter werden bestraft. Die wahren Täter bleiben ungeschoren.


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