In lettischer Hand

Das Gewandhausorchester feiert seinen 275. Geburtstag mit Festwochen – und einem neuen Kapellmeister aus dem Baltikum

02.03.18
Junger Chef, alter Klangkörper: Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester Bild: Jens Gerber, 2017

Das Leipziger Gewandhausorchester ist einer der ältesten Klangkörper Deutschlands und eine Weltmarke. Rechtzeitig zu seinem 275. Geburtstag am 11. März hat es seit Februar mit dem Letten Andris Nelsons auch einen neuen Chefdirigenten.

Am Anfang einer jeden Eloge auf das Gewandhausorchester zu Leipzig steht in großen Lettern das Wort „Tradition“. Den Italiener Ricardo Chailly zog es als 20. Gewandhauskapellmeister 2005 nach eigenen Worten wegen der großen sächsischen Musiktradition nach Leipzig genauso wie seinen Nachfolger, den Letten Andris Nelsons, der seit diesem Monat als 21. Kapellmeister dessen Nachfolge angetreten hat.
Der 1953 in Mailand geborene Chailly ist dem Ruf der Mailänder Scala gefolgt, um als Nachfolger von Daniel Barenboim deren Musikdirektor zu werden. Und als Nachfolger des 2014 verstorbenen Claudio Abbado ist er auch Chefdirigent des Luzerne Festival Orchestra. Dazu löste er seinen bis 2020 laufenden Vertrag in Leipzig vorzeitig auf. Der 1978 geborene Nelsons, der seit 2014 Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra (BSO) ist und dessen Vertrag dort bis 2022 läuft, wird seine Kern-Aufgaben jetzt auf zwei Kontinente verteilen.
50 Aufführungen will Nelsons mit dem Gewandhausorchester pro Jahr geben, eingebettet in ein einmaliges deutsch-amerikanisches Austauschprogramm zwischen den beiden Orchestern. Sein Debüt am Pult des Gewandhausorchesters gab Nelsons im Jahr 2011 und kehrte in den Folgejahren regelmäßig dorthin zurück. Bereits im Frühjahr werden Nelsons und das Leipziger Orchester zu ihrer ersten Europatournee (22. April bis 6. Mai) aufbrechen, die sie unter anderem in die Elbphilharmonie in Hamburg, das Concertgebouw in Amsterdam und den Musikverein in Wien führen wird.
Als Kind einer Musikerfamilie in Riga geboren, begann Nelsons Laufbahn als Trompeter im Or­chester der Lettischen Staatsoper. Nebenbei ließ er sich am Konservatorium von St. Petersburg zum Dirigenten ausbilden. Mit nur 24 Jahren wurde er Chefdirigent der Lettischen Staatsoper in Riga. Seitdem ist die Karriere des neuen Sterns am Dirigentenhimmel nicht mehr aufzuhalten. Von 2008 bis 2015 war er Musikdirektor des City of Birmingham Symphony Orchestra, 2006 bis 2009 Leiter der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford.
Die Stätten seines Wirkens sind genauso umfangreich wie sein Repertoire. Es gibt wohl kaum ein namhaftes Orchester, vor dem Nelsons nicht schon den Taktstock geschwungen hat. Kein Wunder, dass die Deutsche Grammophon Gesellschaft derzeit drei herausragende Großprojekte Nelsons unterstützt: einen Schostakowitsch-Zyklus mit dem BSO, umfangreiche Aufnahmen der Bruckner-Sinfonien mit dem Gewandhausorchester sowie eine Gesamtaufnahme sämtlicher Beethoven-Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern. Im Jahr 2020 wird er den gesamten Zyklus anlässlich Beethovens
250. Geburtstags-Jubiläums mit den Österreichern erneut live aufführen. Nelsons’ ersten beiden Schos­takowitsch-Aufnahmen wurden 2016 und 2017 mit dem Grammy für die „Best Orchestral Performance“ ausgezeichnet. Da bleibt dem 39-jährigen, mit der lettischen Sopranistin Kristine Opolais verheirateten Vater einer siebenjährigen Tochter nur zu wünschen, dass er sein ehrgeiziges Pensum lange durchhält.
Die Geschichte des Gewandhausorchesters geht auf den Wunsch einiger Leipziger Adliger und Bürger zurück, ihren Musikgenuss abzusichern. Dazu gründeten sie 1743 die Konzert-Gesellschaft „Das Grosse Concert“ und legten damit den Grundstein für das heutige Orchester. Mit gerade einmal 16 Musikern, zur einen Hälfte Berufsmusiker, zur anderen Studenten der Leipziger Universität, fing seinerzeit der Klangkörper an, dem heute über 180 Musiker angehören.
Fanden die ersten Konzerte noch in Bürgerhäusern statt, wanderten sie schon bald in den Saal eines Gasthauses, bis man den Dachboden vom Gewandhaus, der eigentlichen Gewerbehalle der Tuchmacher, zum Konzertsaal ausbaute. Mit dem ersten „Gewandhauskonzert“ 1781 er­hielt auch das Ensemble seinen Namen. Als Mozart 1789 im Ge­wandhaus auftrat, war es längst zum Zentrum des Leipziger Konzertlebens geworden.
Noch zu Lebzeiten Beethovens führte das Orchester 1825/26 erstmalig dessen neun Sinfonien als Zyklus auf. 1919/20 spielte es weltweit den ersten Zyklus aller Bruckner-Sinfonien. Ab 1835 war Felix Mendelssohn Bartholdy Kapellmeister. Seine „Schottische Sinfonie“ und sein Violinkonzert e-Moll wurden vom Gewandhausorchester aus der Taufe gehoben. Unter seiner Leitung kamen Robert Schumanns Sinfonien und Franz Schuberts große C-Dur-Sinfonie zur Uraufführung.
Von den Komponisten selbst dirigiert, hatten 1862 Richard Wagners Vorspiel zu „Die Meistersinger“ und 1879 Johannes Brahms’ Violinkonzert mit dem Orchester ihre Premiere. Die Liste ließe sich fortsetzen. Noch heute bringt das Orchester in jeder Spielzeit neue Kompositionen zur Uraufführung.
1884 erhielt das Orchester sein eigenes Konzerthaus. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, öffnete erst 1981 die wiederum „Neues Ge­wandhaus“ genannte Spielstätte am Augustusplatz ihre Pforten. Wesentlichen Anteil an diesem ersten und einzigen Konzerthausneubau der DDR hatte der damalige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur. Die Leipziger waren wie wohl kein zweiter Klangkörper von Anfang an dreifach gefordert: durch Konzert, Musiktheater und Kirchenmusik. Noch heute musiziert das Orchester im Ge­wandhaus ebenso wie im Opernhaus und gemeinsam mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche. Und dies immer mit Hingabe und unermüdlicher Kraft gemäß seines Leitspruchs: „Res severa verum gaudium“ – ernste Sache wahre Freude.
Gefeiert wird der Tag der Gründung vor 275 Jahren am 11. März mit Bruckners 7. Sinfonie sowie einem neuen Werk von Jörg Widmann, der mit der aktuellen Saison auch zum ersten Gewand­haus­komponisten in Leipzig er­nannt wurde. In den Festwochen um den Orchestergeburtstag dirigiert Chefdirigent Nelsons insgesamt elf Konzerte. Beendet werden die Festwochen mit einem Gastspiel der Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim am 23. März.    Helga Schnehagen
Infos: Alle Veranstaltungen und Konzerte unter www.gewandhausorchester.de


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