In Polens Streitkräften geht es rund

Viele höhere Offiziere hat Verteidigungsminister Antoni Macierewicz gefeuert, andere quittieren den Dienst

05.06.17
Die USA unterstützen den vom polnischen Verteidigungsminister betriebenen Aufbau einer Armee zur Territorialverteidigung: Antoni Macierewicz (r.) mit dem US-amerikanischen Oberstleutnant Steven Gventer Bild: Imago

Die polnische Armee hat seit Ende 2015 einen ähnlich gravierenden Aderlass erlebt wie die Streitkräfte der Türkei nach dem gescheiterten Putsch gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Die Gründe hierfür liegen in der Politik der zusammen mit Polska Razem (PR, Polen Zusammen) und Solidarna Polska (SP, Solidarisches Polen)  regierenden Prawo i Spra-wiedliwość (PiS, Partei für Recht und Gerechtigkeit).

Seit dem November 2015 haben bereits über 500 höhere Offiziere der Streitkräfte der Republik Polen den Dienst quittiert oder wurden entlassen, darunter 34 Generäle und 47 Oberste. Das führte zum Austausch von 92 Prozent der Angehörigen des Generalstabs und 82 Prozent der Kader in anderen Bereichen der Armeeführung. Zu denen, die sich frustriert verabschiedeten oder gehen mussten, gehörten auch der Oberbefehlshaber der Streitkräfte Mirosław Rózanski, der Kommandeur der polnischen Spezialeinheiten Jerzy Gut und der Chef des Militärischen Abschirmdienstes (Słuzba Kontrwywiadu Wojskowego) Piotr Jaromir Pytel.
Ursache dieser personellen Umwälzungen ist die massive Verärgerung der Offiziere über das Vorgehen des Verteidigungsministers Antoni Macierewicz (PiS). Der strebt zwar die enge Anbindung Polens an den Westen an, um das Land vor dem angeblichen russischen Expansionismus zu schützen. Andererseits brüskiert er jedoch gerade die Militärs mit guten Verbindungen zu den US-Streitkräften und zur NATO sowie Kampferfahrungen durch Auslandseinsätze in Afghanistan und dem Irak durch personelle Fehlentscheidungen oder gar Vetternwirtschaft. So machte der Minister sei-nen politischen Ziehsohn Bar-
tłomiej Misiewicz, einen erst 27 Jahre alten Studenten ohne einschlägige Qualifikation, zum Sprecher seines Hauses. Im Anschluss daran mussten die polnischen Generäle vor Misiewicz salutieren, was der damalige Chef der Landstreitkräfte, Waldemar Skrzypczak, empört verweigerte, woraufhin ihn Macierewicz entließ.
Ebenso lehnen viele hochrangige Offiziere die Pläne der Regierung bezüglich des Aufbaus einer Armee zur Territorialverteidigung (WOT, Wojska obrony terytorialnej) ab, die nicht dem Oberkommando der Streitkräfte unterstehen soll. Sie soll am Ende 53000 Freiwillige umfassen und im Kriegsfall an der Seite der regulären Truppen kämpfen. Dass die neue paramilitärische Miliz dem Verteidigungsministerium unterstehen soll, quittierte der Oppositionspo-litiker Mirosław Suchon von der Partei Nowoczesna (Die Moderne) mit dem Vorwurf, Macierewicz wolle sich hier eine Art Privatarmee schaffen.
Die USA unterstützen die Bildung der WOT – ganz im Einklang mit dem Strategiepapier „Aufrüstung zur Abschreckung“ (Arming for Deterrence) der höchst einflussreichen Denkfabrik Atlantic Council vom 19. Juli 2016, in dem gefordert wird, Polen aufzurüsten und in ein Bollwerk gegen Russland zu verwandeln.
Damit sind die prowestlichen Militärs Polens in dem Dilemma gefangen, dass sie einerseits loyal zu den USA und zum Nordatlantikpakt stehen wollen, dem ihr Land seit 1999 angehört, aber andererseits bei der Personalpolitik von Macierewicz immer mehr auf der Strecke bleiben. Als Konsequenz hieraus wandten sich die zurückgetretenen Generäle mit drastischen Äußerungen an die Öffentlichkeit. So warnte der frühere Inspekteur der Landstreitkräfte Generalmajor a.D. Janusz Bronowicz vor Kurzem, wenn der Verteidigungsminister weiterhin Offiziere ohne Erfahrung und
Rückgrat mit wichtigen Kommandos betraue, erwarte Polen irgendwann eine ähnliche Niederlage wie 1939. Noch weiter ging Rózanski, der im Interview mit der zweitgrößten polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“ an den Militärputsch von Marschall Józef Pił-sudski vom Mai 1926 erinnerte – also quasi mit einem Staatsstreich drohte. Was übrigens nicht nur bei vielen Offizieren, sondern auch bei vielen der 20000 organisierten Reservisten auf unverhohlene Begeisterung stieß.
Aufgrund der Entwicklung der letzten Monate ist das Vertrauen der NATO-Führung in die polnische Armee deutlich gesunken. Deshalb werden sicherheitsrelevante Informationen jetzt nur noch sehr spärlich an die Bündnispartner im Osten weitergegeben. Mittlerweile fürchtet man nämlich seitens des Bündnisses eine regelrechte Welle des Geheimnisverrats durch all die Unzufriedenen innerhalb der Streitkräfte Warschaus. Zumal es bereits deutliche Hinweise auf undichte Stellen gibt, von denen nach Lage der Dinge vor allem die russischen und chinesischen Geheimdienste profitieren dürften.    
    Wolfgang Kaufmann


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Joerg Johannsen (Dr. phil., Historiker, Jurist):
6.11.2017, 14:26 Uhr

Solange die deutsche aussenpolitik in Bezug auf eine völlige (völkerrechtlich verbindliche) Neu-Zuordnung Nord-OSTPREUSSENS (nämlich NUR zu Litauen) und in Bezug auf den überfälligen Friedens- und Freundschaftsvertrag mit Polen (im Jahr 2018 abzuschließen) tatenlos bleibt, wie seit 1998, wird die schwere MITSCHULD Deutschlands an den Vorgängen in Polen (Regierung, Militär, Gesellschaft) immer größer - und Russlands Einfluss wird - zulasten Deutschlands - erheblich gestärkt, was ein Verhängnis ist.


Marcus Junge:
5.06.2017, 11:33 Uhr

Was dabei auffällt, keiner der feinen Herren scheint gegangen zu sein / gegangen worden zu sein, weil er etwas gegen die irrsinnige Kriegstreiberei der USA / Polen gegen Rußland hat, die jeder realen Grundlage entbehrt. Nein, sie fabulieren von einer Niederlage wie 1939, was zuerst eine massive Kriegstreiberei Polens erfordern würde.

Da sage ich dann doch mal, feuert so viele dieser uniformierten Deppen wie ihr (Polen) wollt.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.