Iran im Wandel

Präsident um Entspannung bemüht – Großmachtanspruch bleibt

17.05.17

Der große persische Dichter Hafis repräsentiert bis heute einen Höhepunkt persischer Kultur im 14. Jahrhundert. Goethe hat ihn einen „Zwillingsbruder im Geiste“ genannt und ihm seinen „West-östlichen Diwan“ gewidmet. Heute sind die Gefühle vieler Deutscher dem Iran gegenüber seit der Revolution von 1979 durch Ayatollah Chomeini weniger freundlich. Dessen Aggressivität gegenüber dem Westen erschreckte in Europa und Amerika zutiefst und führte zu wachsenden Spannungen und beiderseitigen Verteufelungen. Gleichwohl stabilisierte sich die schiitisch geprägte Islamische Republik Iran mehr und mehr.
Der nach langen Verhandlungen vor zwei Jahren erreichte Vertrag, der das iranische Atomprogramm von waffenfähigem Plutonium abhalten soll, könnte womöglich ein friedlicheres Kapitel zwischen dem Gottesstaat (als solcher versteht sich der Iran) und dem Westen einleiten. Da trifft es sich gut, dass unlängst das Buch des Hamburger Hochschullehrers und Nahostexperten Henner Fürtig herauskam. In nüchterner, jede Emotion meidender, aber faktenreich die Innen- und Außenpolitik des Iran analysierenden Darstellung erhält der Leser einen Überblick zum Thema, wie man ihn sich besser kaum wünschen kann.
Dank seiner jahrtausendealten Kultur hat das Land bis heute ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und einen hohen Bildungsstand. 1935 wurde das damalige Persien in Iran (Land der Arier) umbenannt. Im 19. und 20. Jahrhundert war es ein Spielball der Großmächte Russland, Großbritannien und später der USA, bis der Umsturz von 1979 eine radikale Wende einleitete. Der Autor vergleicht ihn mit der Französischen Revolution von 1789 und der russischen von 1917.
Seitdem gibt es die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“, also der oft genannten Ayatollahs, die das Land in strikter Auslegung des Koransführt, wie ihn die schiitische Glaubensrichtung des Islams sieht, oft in heftiger Abwehr des sunnitischen Glaubens in anderen arabischen Ländern. Wahlen und Parlament gibt es, aber letzte Entscheidungen fällen ein von Geistlichen besetzter Exekutivrat und vor allem der  Wächterrat, ohne den im Iran nichts geht und den heute der inzwischen 77-jährige Ayatollah Khamenei leitet.
Auf abweichende Meinungen,  Proteste oder das Aufbegehren der relativ großen nationalen Minderheiten hat das Regime stets mit Härte reagiert. Eine Blutspur zieht sich durch die Geschichte der islamischen Revolution. Der Autor nennt alle Ereignisse, weitet sie aber emotional nicht aus, vielleicht weil das sonst fast überall geschieht Es ist gleichwohl die einzige Kritik, diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen wenig gewertet zu haben.
Die USA waren von Anfang an der „große Satan“. Das Zerwürfnis war vorprogrammiert und erreichte unter Präsident Ahmadinedschad einen Höhepunkt. Der jetzige Präsident Rohani, übrigens wie viele Geistliche in Teheran ein hochgebildeter, in Philosophie und Wissenschaft bewanderter Mann, der im schottischen Glasgow promoviert hat, ist um Entspannung bemüht, tut aber gleichwohl alles, um den Iran als führende Macht am Golf zu festigen. Irans Unterstützung in der Region ist allenthalben spürbar: Ohne iranische Hilfsgelder wäre die Hamas im Gazastreifen längst am Ende; ohne iranische „Freiwillige“ wäre auch Syriens Staatspräsident Assad nicht mehr am Ruder. Daran, so scheint es, wird sich sobald nichts ändern.
Was sich ändern könnte, wäre ein langsamer innerer Wandel durch behutsame Reformen. An die Substanz des Gottesstaates dürften sie aber nicht gehen, darüber wachen die Geistlichen mit eiserner Strenge. Liest man das alles in Fürtigs Buch, versteht man vieles im so widersprüchlichen Iran besser. Es ist in der Tat ein Buch, dem man viele Leser wünscht. Überdies ist es ein erfreuliches Indiz, wie die deutsche Geschichtswissenschaft die engen eurozentrischen Gartenzäune endlich überwindet.
    Dirk Klose

Henner Fürtig: „Großmacht Iran. Der Gottesstaat wird Global Player“, Quadriga Verlag, Köln 2016, gebunden, 288 Seiten, 24 Euro


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