Jede Menge »rollendes Gold«

Die Bremen Classic Motorshow 2017 präsentierte 1000 Old- und Youngtimer – Fahrspaß statt Nullzinsen: Klassiker als Geldanlage

08.03.17
Besucherrekord: Exakt 45557 Oldtimerfans füllten die acht Messehallen Foto: Messe Bremen/Jan Rathke

Reizüberflutung. Dieser Eindruck überkommt den Oldtimerfan ganz unwillkürlich, wenn er zum ersten Mal die Bremen Classic Motorshow besucht. Überall blitzt und glänzt es und das in acht Hallen auf insgesamt knapp 47000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Ob die drei Öffnungstage wohl ausreichen werden, um jedes der rund 1000 ausgestellten Fahrzeuge genügend zu bewundern? Nun, schon ein Tag würde ausreichen, aber man kann auch problemlos alle drei Tage auf der Messe verbringen, ohne sich auch nur eine Minute zu langweilen.
Die Bremer Messe im Februar ist seit 15 Jahren der Auftakt für die Oldtimersaison in Deutschland. Dann wissen die Klassikerfahrer, dass es Zeit ist, ihre Schätze langsam aus dem Winterschlaf zu holen, damit sie fahrbereit sind, wenn sich endlich die Frühlingssonne durchgesetzt hat. Für die Klassikerfans ist die Veranstaltung ein wahres Dorado – zumindest für die aus dem Norden. Laut der Besucherbefragung nimmt knapp die Hälfte der Besucher eine Anreise von über 100 Kilometern auf sich, rund zehn Prozent reisen mehr als 300 Kilometer an.
Ob von nah oder fern, die rund 660 Aussteller aus zwölf Nationen sorgen dafür, dass jedem Oldtimerliebhaber etwas geboten wird. Das gilt gleichermaßen für den Besitzer eines Klassikers, der hier nach dem langgesuchten Ersatzteil sucht, wie für denjenigen, der zum Einstieg in das Oldtimerhobby Ausschau nach einem günstigen Exemplar hält, oder für den Interessenten, für den ein Oldtimer nicht nur ein Liebhaberobjekt, sondern auch eine lukrative Geldanlage ist. Diejenigen, die einfach nur Freude am Anblick schöner Zwei- und Vierräder haben, kommen auf der Bremer Messe ohnehin voll auf ihre Kosten.
Ob mit in Ehren erworbener Patina oder wie aus dem Ei gepellt – Schönheiten sind sie alle und Klassiker auch. Aber damit sind sie nicht auch alle automatisch Oldtimer. Die Frage, wie der Begriff des Oldtimers genau zu definieren ist, sorgt selbst in der Fachwelt für Diskussionsstoff. Wie gut, dass es den fürsorglichen Vater Staat gibt, denn der gibt darauf eine Antwort, verankert in der Fahrzeugzulassungsverordnung: „Oldtimer sind Fahrzeuge, die vor mindestens 30 Jahren erstmals in Verkehr gekommen sind, weitestgehend dem Originalzustand entsprechen, in einem guten Erhaltungszustand sind und zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dienen.“ Ergo bekommt nicht jedes Fahrzeug, das seinen 30. Geburtstag erlebt hat, das begehrte, 1997 eingeführte H-Kennzeichen, das den Zugang zu einem günstigen Steuersatz und niedrigen Versicherungsbeiträgen ermöglicht. Dafür muss es der Sachverständige wegen seines technischen und historischen Wertes für bewahrenswert halten. Das heißt: Rollende Schrotthaufen, verbaute oder mit nicht zeitgenössischen Teilen versehene Fahrzeuge haben keine Chance. Dieser Definition hat sich auch der Oldtimer-Weltverband FIVA angeschlossen, mit der Ergänzung, dass die Nutzung des Fahrzeugs nicht auf täglichen Transport ausgerichtet ist. Den letzten Punkt machen auch die Versicherer zur Voraussetzung für den Abschluss einer Oldtimerversicherung.
Neben dem Oldtimer gibt es unter den Klassikern noch den Youngtimer, eine Wortschöpfung, die übrigens nicht dem englischen Sprachraum, sondern der Phantasie deutscher Denglisch-Akrobaten entstammt. Auch die Youngtimer sind, von unverwüstlichen Vertretern wie der Mercedes-Baureihe W 124 einmal abgesehen, fast aus dem Straßenbild verschwunden, müssen sie doch mindestens 20 Jahre alt sein. Hier gibt es keine gesetzlichen Vorgaben, doch haben sich in der Praxis weitere Kriterien für die Einstufung als Youngtimer herausgebildet. Laut ADAC soll ein Youngtimer ein intensiv gewartetes und gepflegtes, gut erhaltenes und in der Regel nur in der Freizeit genutztes Liebhaberfahrzeug sein. Es soll für künftige Generationen bewahrt werden, mit dem Ziel, mit entsprechendem Alter den offiziellen Oldtimerstatus zu erhalten.
Ob Old oder Young, in Bremen sind alle Timer in Hülle und Fülle vertreten. An den Ständen, die wie exklusive Automobilmuseen an- muten, bilden sich schnell Menschentrauben, und auf die Exponate geht ein Blitzlichtgewitter nieder. Wann bekommt man schon mal einen Mercedes 300 SL für über eine Million Euro, eine Einzelanfertigung des ohnehin sehr seltenen Citroën SM oder die ganze Palette der Ponton-Modelle von Mercedes nebeneinander aufgereiht zu sehen.
Die Äußerung „der hat Potenzial“ ist in Bremen im doppelten Sinne zu hören. Damit ist zum einen gemeint, dass ein ausgestelltes, nicht mehr ganz taufrisches Fahrzeug zum Restaurationsobjekt taugt, und zum anderen, dass eine Baureihe auf dem Weg zum gesuchten und damit teuren Sammlerobjekt ist. „So einen hatte ich auch mal. Und was der jetzt wert ist. Hätte ich den bloß behalten“, ist nicht selten zu hören. Dieser Seufzer bezieht sich nicht nur auf Luxuskarossen, Raritäten und Kultmobile, sondern auch auf sogenannte „Butter und Brot“-Modelle. Vor wenigen Jahren noch als gewöhnliche Gebrauchte billig gehandelt, wurden sie achtlos im Alltag verschlissen. Die Überlebenden ziehen dementsprechend im Preis an. „Jetzt kaufen, billiger werden die nicht“, rät ein Händler mehreren Besuchern, die eifrig darüber diskutieren, ob man einen profanen VW Passat Baujahr 1987 für 5600 Euro kaufen sollte. „Wenn sie ein annähernd mängelfreies Exemplar finden, schlagen Sie zu. Die haben Potenzial, liegen in ein paar Jahren auch im fünfstelligen Bereich.“
Tatsächlich kennt die allgemeine Preisentwicklung bei Klassikern seit Jahren nur noch eine Richtung: steil nach oben. Die stetig steigende Nachfrage macht es möglich. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach haben 4,4 Millionen Pkw-Fahrer Interesse an der Anschaffung eines Oldtimers. Und immer mehr erfüllen sich diesen Wunsch. Seit 2001 ist der Bestand an Fahrzeugen mit H-Kennzeichen nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie von 64500 über 165000 im Jahre 2008 auf 351000 im Jahre 2015 kontinuierlich angewachsen – Tendenz steigend. Am häufigsten bei den H-Pkw sind deutsche Marken vertreten, wobei der VW Käfer mit knapp 31000 zugelassenen Exemplaren unangefochten die Rangliste anführt. Ihm folgen mit rund 15600 Zulassungen die E-Klasse der Baureihe W 123 von Mercedes-Benz und die SL-Cabrios der Baureihe W 107 mit gut 10300 Exemplaren. Stark im Kommen ist der VW Golf. Mit einem Plus von 50,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr schaffte er es im Jahre 2015 erstmals unter die ersten Zehn der am häufigsten zugelassenen Oldtimer.
In Zeiten, in denen klassische Anlageformen kaum noch Erträge bringen, werden Oldtimer auch als Geldanlage interessant. Im Mittel haben sie eine Wertsteigerung von knapp zehn Prozent. Besonders hoch ist der Zuwachs bei Edelkarossen und Sportwagen bestimmter Hersteller. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein gepflegtes Fahrzeug mit nur leichten Gebrauchsspuren oder um ein einwandfrei restauriertes Exemplar. So müssen auch Fahrzeuge, die für Preise im höheren sechsstelligen Bereich angeboten werden, selten lange auf einen Käufer warten. Denn verglichen mit einem Tagegeldkonto bietet ein Klassiker wenigstens Rendite und darüber hinaus jede Menge Fahrspaß und ein sinnliches Erlebnis.
Der erwähnten Allensbach-Studie zufolge freuen sich 53 Prozent aller Deutschen, wenn sie auf der Straße einen Oldtimer fahren sehen. So ist es tatsächlich. Wer einen Oldtimer fährt, zaubert ein Lächeln in das Gesicht seiner Mitmenschen. Es gibt aber auch Momente, in denen der Oldtimerfahrer selbst beseelt lächelt. Das ist immer dann der Fall, wenn er sein Wunschauto oder das seltene, aber dringend benötigte Ersatz- oder Zubehörteil findet. So gibt es in Bremen nicht nur bei den Autohändlern, sondern auch an den zahllosen Zubehör- und Ersatzteilständen viele glückliche Gesichter. Wie das der Käferfahrerin aus Hamburg. Seit einem Jahr sucht sie zwei zueinander passende Außenspiegel für ihr 55 Jahre altes Cabrio, ist aber weder bei den einschlägigen Anbietern noch im Internet fündig geworden. Nun ist es ausgerechnet ein Händler aus ihrer Heimatstadt, der ihren Wunsch erfüllen kann: „Die besorgen wir Ihnen.“
Wer sich für einen Klassiker im eher unteren Preissegment interessiert, besucht die mit 245 Exponaten komplett ausgebuchte private Fahrzeugbörse im Messe-Parkhaus. Hier geht das Angebot quer durch den Garten, was sowohl die Marken als auch die Baujahre und Preise betrifft. Während in den Hallen fast alle Exponate in tadellosem Zustand sind, hat an manchen der hier angebotenen Fahrzeuge schon der Zahn der Zeit genagt. Immerhin, bei denen sieht man wenigstens, woran man ist. Haben sie „Potenzial“ und stimmt der Preis, gehen sie auch problemlos weg. Für einwandfreie Fahrzeuge gilt das sowieso. Ein Problem sind die für den Verkauf aufgehübschten Autos, bei denen man nicht sehen kann, was sich unter Spachtel und Lack verbirgt. „Sieht aus wie neu, so einen suche ich schon lange“, meint ein Besucher jenseits der 50 verzückt beim Anblick eines Mercedes 280 SE Baujahr 1976. „Nee, irgendwas stimmt da nicht“, bremst ihn ein anderer. „Guck mal die unsauberen Spaltmaße.“ Ein Dritter, offensichtlich versiert im Oldtimerkauf, holt Taschenlampe und Lackschichtdickenmesser hervor. „Überlackiert. Und das noch nicht mal gut. Finger weg, auch wenn er günstig ist.“ Aus der Traum von der antiken S-Klasse. Andere dagegen sind sichtlich beglückt, dass sie sich hier ihren automobilen Traum erfüllen konnten.
Auch wenn vierrädrige Klassiker die Bremen Classic Motor­show dominieren, kommen hier die Liebhaber alter Motorräder ebenfalls auf ihre Kosten. Ihrem Hobby ist die Halle 1 samt privater Verkaufsbörse gewidmet. Ein besonderes Schmankerl ist die Sonderschau „Vom Jedermann zum Weltmeister“. Darin dreht sich alles um die 1984 untergegangene Marke Zündapp, deren Maschinen noch vor wenigen Jahren nicht von Deutschlands Straßen wegzudenken waren. Beim Anblick der 19 ausgestellten Maschinen packt so manchen Besucher die wehmütige Erinnerung an seine Jugendzeit.
Einen wahren Augenschmaus bietet auch die Werkschau „Die Schatzkammer von Karmann“. Hier kommen nicht nur die Freunde des Karmann Ghia und des Käfer Cabriolets auf ihre Kosten. Insgesamt 13 Rari­täten aus der nur zum Teil öffentlich zugängli- chen Sammlung der Osnabrücker Karosserieschmiede, darunter Prototypen und Designstudien, dokumentieren auf der Sonderfläche deren vielfältiges Wirken, das seit 2010 leider Geschichte ist.
In den vergangenen Jahren hat sich eine rege Club-Szene entwickelt, die von einigen traditionsbewussten Herstellern gezielt gefördert wird. Wie vielfältig die Szene ist, kann man bei den Clubpräsentationen sehen, für die eine ganze Halle zur Verfügung steht. Nach Schätzungen des ADAC gibt es in Deutschland rund 3000 Oldtimer-, Youngtimer- und Markenclubs, von denen sich hier naturgemäß nur die wichtigsten dem Publikum vorstellen können. Und nach Stunden – oder sogar Tagen – überwältigender Eindrücke in den acht Hallen und drum herum und solchermaßen in seiner Liebe zum „rollenden Gold“ beflügelt, tritt so mancher Old- oder Youngtimerfahrer zum Abschluss seines Besuches in Bremen noch schnell „seinem“ Club bei und fährt zufrieden nach Hause.    Jan Heitmann


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.