»Jeder Witz ist eine Revolution«

Offen seine Meinung zu sagen, ist gar nicht so leicht – Hier ein paar Tipps, wenn die Wahrheit zu sehr auf der Zunge brennt

14.04.17
Herausstechen um jeden Preis? Manchmal lässt sich der Apfel der Erkenntnis in harmloser Verpackung darreichen Bild: Mauritius Images

 So viel wird geredet, so viel wird geschwiegen: Deutschland im Wahljahr 2017 ist ein zerissenes Land. Die geschwätzigen Vertreter des vermeintlichen Mainstreams führen das große Wort. Andere, die es besser wissen, bleiben stumm. Wer die Einwanderungspolitik  kritisiert, den Islam ablehnt oder mit der falschen Partei sympathisiert, wird schnell zum verfemten Außenseiter. Die Gründe für diesen psychologischen Effekt liegen in der Urzeit des Menschen begründet. Man kann aber etwas dagegen unternehmen.

„Diese Fläche ist grün, so wahr ich hier stehe. Sie ist so grün wie ein Fußballrasen oder das schreitende Männchen an jeder Fußgängerampel.“
So oder ähnlich muss man sich wohl die Worte des vermeintlichen Testteilnehmers vorstellen, der im Jahre 1969 die Menschen um sich herum kräftig verunsicherte. Denn alle Anwesenden blickten tatsächlich auf eine blaue Fläche. Die Rede ist von einem Experiment des französische Sozialpsychologen Serge Moscovici (1925–2014). Der Direktor des Sozialpsychologischen Institutes in Paris präsentierte seinen Probanden Fotos, die allesamt Flächen in unterschiedlichen Blautönen zeigten. Anschließend mussten die Versuchspersonen die Farbe benennen. Wenn währenddessen getarnte Helfer Moscovicis behaupteten, die jeweiligen Bilder seien in Grün gehalten, so schlossen sich viele Nichteingeweihte dieser Meinung an. Sie gaben dem Zwang zur Konformität in einer Gruppe nach.
Mächtig, geradezu überwältigend kann dieser Drang sein. Verständlich ist er auch – zumindest mit Blick auf unsere Vorfahren. Die Urmenschen konnten es sich nicht leisten, ihre Gruppe gegen sich aufzubringen. In der urzeitlichen Welt konnte man nur gemeinsam überleben. Wer ausgeschlossen wurde und die Gemeinschaft verlassen musste, hatte als Einzelkämpfer keine Chance gegen Säbelzahntiger und Konsorten.
Um dem Konformitätsdruck zu genügen, nehmen die Menschen  sogar dessen zahlreiche negative Folgen auf sich. Sie geben ihre Individualität auf. Sie übernehmen gesundheitsschädliche Moden und Gebräuche. Das Ernährungsverhalten, das heutzutage zum Beispiel Frauenzeitschriften propagieren, kann zu schweren Krankheiten wie Magersucht oder Bulimie führen. Im Extremfall kann sogar eine Normopathie entstehen. Diese Persönlichkeitsstörung geht mit der krankhaften Überanpassung an tatsächliche beziehungsweise vermeintliche Regeln einher.
Die Medien sind es, die diese Regeln vielfach aufstellen beziehungsweise verfestigen. Nicht nur, wenn es darum geht, ein Körperideal zu verbreiten, das nur wenige Kilogramm Körperfett vom alsbaldigen Hungertod entfernt scheint. Presse, Funk und Fernsehen propagieren, was ein „guter“ Bürger zu denken oder zu tun hat. Die „vierte Gewalt“ kann dabei mit brutaler, menschenverachtender Härte vorgehen. Wer ihre Aufmerksamkeit erregt und als vermeintlicher Schurke von den Medienmachern abgeurteilt wird, bleibt beruflich und privat meist auf der Strecke.
Wenig bis gar nichts hat das Schicksal der gesellschaftlich Verfemten damit zu tun, was richtig, logisch und wahr ist. Im Gegenteil: Die konforme Masse verliert an Urteilsfähigkeit. Moscovicis Grün-statt-Blau-Experiment zeigt, bis zu welchem Grad sie beeinträchtigt werden kann. Zugespitzt ausgedrückt, macht Konformität dumm. Darunter leiden natürlich Wirtschaft und Gesellschaft, wenn es darum geht, bestmögliche Lösungen für die anstehenden Probleme zu finden. Intelligenz und Kreativität sind dann gefragt, nicht Anpassung oder Unterwerfung.
Des Weiteren kann es passieren, dass ein Mensch irgendwann verdrängt, welchen Schaden er durch seine Konformität nimmt. Hierzu schrieb der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter: „Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen.“
Wie aber kann man sich unter den Bedingungen der heutigen Gesellschaft gegen den allgegenwärtigen Zwang zur Konformität stemmen, um so beispielsweise seine politische Meinung zu vertreten? Oder anders ausgedrückt: Was kann helfen, nonkonformistischer zu werden?
Dazu braucht es zuallererst den Mut, aus der Masse hervorzustechen und sich dabei unter Umständen unbeliebt zu machen. Wie die Heidelberger Sinus-Studie vom April 2016 zeigt, ist hierzu freilich nicht einmal mehr die früher traditionell rebellische Jugend bereit: Die meisten Vertreter der heutigen „Generation Kuschelkurs“ treten sogar konformistischer auf als ihre Eltern und Großeltern. Der Grund hierfür ist Angst. Wir leben in einer lupenreinen Angstgesellschaft: Angst vor Krieg und Terrorismus, Angst vor Inflation und wirtschaftlichem Niedergang, Angst um den Job, die Rente und die Gesundheit, Angst vor Umweltverschmutzung, Radioaktivität und Klimawandel. Von der Gemeinschaft erhoffen sich die Furchtsamen Schutz. Sie möchten unbedingt dazugehören, so verhalten sie sich immer konformer – nur keinen sozialen Ausschluss riskieren.
Zudem glauben viele, es lohne sich nicht, gegen die scheinbar übermächtigen Mehrheiten aufzubegehren. Das ist jedoch nachweislich falsch. Es gibt Studien, wie die von Vernon Allen und John Levine von der University of Wisconsin, die belegen, dass unter Umständen bereits ein einziger Abweichler genügt, um zwei Drittel der Vertreter der Meinungsmehrheit umzustimmen. Nonkonformistische Minderheiten können also sehr wohl Mehrheiten beeinflussen, denn sie erzeugen ebenfalls Druck und animieren zum Nachdenken darüber, warum manche den angeblich doch so „richtigen“ Standpunkt der Masse ablehnen. Das trägt den „Aufmüpfigen“ vielfach sogar heimliche Bewunderung und Respekt ein, obgleich sie den anderen dadurch nicht unbedingt sympathischer erscheinen, weil sie den bequemen Status quo in Frage stellen. Deshalb sollten sich Konformitätsverweigerer beizeiten stabile soziale Netzwerke schaffen, die nicht groß, aber belastbar sein müssen, wenn es darum geht, unterstützt und aufgefangen zu werden.
Wichtig ist außerdem ein möglichst kompetentes Auftreten. Moscovicis epochales Experiment zeigte nämlich auch, dass Querdenker unbedingt sozialen Kredit benötigen, um etwas bewirken zu können. Wenn Sie den Eindruck vermitteln, gescheiterte Existenzen zu sein, und so an Glaubwürdigkeit einbüßen, dann erreichen sie gar nichts. So wollte niemand sein Urteil hinsichtlich der Farben revidieren, als ein offensichtlicher „Versager“ zwischen den Probanden saß und grün statt blau sah.
Es kommt also immer darauf an, auf welche Weise man aus der Menge heraussticht und wie groß die Unabhängigkeit von dieser ist. Insofern dürften beispielsweise jene Menschen, die mehr oder weniger am Tropf des Sozialstaates hängen, zwangsläufig stark zur Konformität neigen. Und das ist natürlich ein wesentlicher Grund dafür, dass ebendieser Sozialstaat möglichst viel von dem beansprucht, was sich der Einzelne erarbeitet hat, um es dann wieder zu verteilen und hierdurch Abhängigkeiten zu erzeugen. So entstehen willige Untertanen. Das lässt wenig Erfreuliches für die nächsten Wahlen hoffen.
Dennoch sind die Nonkonformisten, denen es um eine Änderung der gegenwärtigen Zustände geht, gut beraten, wenn sie weiterhin aus ihrer Minderheitenposition heraus „Flagge zeigen“. Warum machen nun wohl plötzlich die großen „Volksparteien“ Vorschläge zur Lösung des „Flüchtlings“-Problems, die noch vor wenigen Monaten lediglich von einem vergleichsweise kleinen und von der konformistischen Masse geächteten Häuflein von Pegida-Demonstranten und AfD-Politikern geäußert wurden? Weil Nonkonformismus tatsächlich wirkt!
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Thomas Teller:
14.04.2017, 02:18 Uhr

Traurig aber wahr.

Man überlegt es sich heute zweimal, wo man seine ehrliche Meinung sagt. Die 70er, 80er und 90er waren da anders.

Aber Nazideutschland hatte seine Feindsender, die DDR das Westfernsehen und wir heute das Internet....


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