Kampagne abgebrochen, Ziel erreicht

Bundesumweltministerin schafft mit neuen »Bauernregeln«, die provozieren, Öffentlichkeit für ihr Anliegen

14.03.17
Kritik kam selbst aus dem eigenen Kabinett: Die Bundesminister Schmidt und Hendricks Foto: pa

Mit den elf neuen „Bauernregeln“ ihrer Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle“ hat die Bundesumweltministerin die Agrarlobby so sehr provoziert, dass sie sich schließlich zum Rückrudern genötigt sah. Ihr Plädoyer für eine ökologischere Agarpolitik ist jedoch in der Öffentlichkeit angekommen.

Mit ihrer Anfang Februar auf den Weg gebrachten Plakatkampagne für eine umwelt- und tierfreundliche Landwirtschaft provozierte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) empörte Reaktionen des Deutschen Bauernverbands (DBV) und der Landwirtschaftsminister fast aller Bundesländer. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CDU) reagierte verärgert und sprach von einer Diffamierung des gesamten landwirtschaftlichen Berufsstands.
Die Kampagne des Umweltministeriums stand unter dem Motto „Gut zur Umwelt. Gesund für alle“ und sollte lustig daherkommen, um die für eine Politikerin der Regierungskoalition ungewöhnlich harsche Kritik an der industriellen Landwirtschaft annehmbar zu verpacken. Mit elf auf Plakaten gedruckten, frei erfundenen „Bauernregeln“ wollte die Ministerin auf die Debatte über die anstehende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) ab 2020 aufmerksam machen. Die Plakate mit Sprüchen wie „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm“ oder „Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld“ sollten in 70 Städten ausgehängt werden. Nur wenn sich Volkes Stimme zu Wort meldet und der Forderung nach einer Agrarwende anschließt, wird der Staat endlich seine Rolle als Bewahrer der lokalen Vielfalt annehmen, so die Kalkulation.
Tags darauf wurden erregte Proteste der zuständigen oder auf den Plan gerufenen Landes- und Bundespolitiker gegen das Vorgehen der Ministerin veröffentlicht. Der DBV konterte mit dem Vorwürfen: „Schließt der Bauer Hof und Stall, brachten Umweltauflagen ihn zu Fall“ und „Frisst der Schädling Raps und Weizen, gab’s keinen Pflanzenschutz zum Beizen.“ Vereinzelt wurden Rücktrittsforderungen gegen Ministerin Hendricks laut. Auch Verschwendung von Steuergeldern wurde ihr vorgeworfen – die „Bauernregel“-Aktion hatte 1,6 Millionen Euro gekostet. Wegen des heftigen Gegenwinds stoppte Hendricks die Kampagne schon nach wenigen Tagen. Doch die Botschaft war angekommen. Landesweit zitierten zahlreiche Medien die neuen „Bauernregeln“ aus dem Umweltministerium an vorderer Stelle. Die Menschen schmunzelten und hatten dennoch den Ernst des Anliegens verstanden. Mit dem Reimspruch „Wir wollen niemand diffamieren, uns liegt nur viel an Pflanz’ und Tieren“ entschuldigte sich Hendricks, verwies dabei aber erneut auf ihr Anliegen. Bekanntlich seien die Belastungsgrenzen von Böden und Natur durch die intensive Landwirtschaft viel zu oft überschritten worden. Damit rügte sie zugleich die bisherige Agrarförderung durch die GAP, die zum größten Teil aus pauschalen Flächenprämien ohne konkrete Gegenleistung besteht. In Deutschland sind es pro Hektar rund 300 Euro. Dementsprechend bekommen die Großen viel, die Kleinen wenig. Teilweise streichen landfremde Investoren die hohen Gewinne ein.
Unterdessen wird die Diskussion über neue Strategien und Fördermaßnahmen in der Landwirtschaft mit konkreten Vorschlägen fortgesetzt. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt gab das neu gesteckte Ziel seines Ministeriums bekannt, mittelfristig einen Anteil von 20 Prozent Biolandbau in Deutschland zu erreichen. Die Grundlage dafür enthält ein Katalog mit 24 Maßnahmenkonzepten in fünf Handlungsfeldern. Bereits ab 2017 werden die Mittel des Bundesprogramms „Ökologischer Landbau“ auf 30 Millionen Euro aufgestockt. Laut Schmidt wird auch die EU-Agrarpolitik wesentlich zur langfristigen Finanzierung des Ökolandbaus beitragen. Hier müsse die ökologische Landwirtschaft nach 2020 in der Ersten Säule (Direktzahlungen) mit vertreten sein.
Zeitgleich stellten auch die grünen Landesminister und Agrarpolitiker in Bundestag und Europaparlament ein Strategiepapier vor. Sie sprechen sich für eine stärkere Bevorzugung der „bäuerlich-ökologisch wirtschaftenden“ Betriebe auch in der GAP aus. Durch Umschichtung und Koppelung von Beihilfen sollen bis 2020 jährlich nahezu eine Milliarde Euro mehr für Ökologie, Tierschutz und Qualität zur Verfügung stehen. An die Bundesregierung richtet sich der Aufruf, nicht länger nur 4,5 Prozent der Direktzahlungen in die Zweite Säule der Agrarpolitik, betreffend die Entwicklung des ländlichen Raumes, umzuverteilen. Dies betrifft gezielte Förderprogramme für die nachhaltige und umweltschonende Bewirtschaftung. Deutschland müsse die vollen 15 Prozent in Anspruch nehmen. Damit bekräftigen die Landesminister und Abgeordneten eine schon früher von den Grünen erhobene Forderung.
Aufgrund der anhaltend schlechten Umweltbilanz der GAP fordert der Naturschutzbund Deutschland (NABU) schon lange drastische Änderungen von der Politik. Beim Institut für Agrarökologie und Biodiversität gab der NABU daher eine Studie über Alternativen zur bisherigen „Gießkannenförderung“ in Auftrag, die seit November letzten Jahres vorliegt. Erstmals wird darin anhand von Modellen gezeigt, wie die Agrarsubventionen in Zukunft so verteilt werden können, dass Landwirte und Umwelt gleichermaßen profitieren.    D. Jestrzemski

Hendricks neue »Bauernregeln«
1) Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.
2) Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.
3) Zu viel Dünger auf dem Feld, geht erst ins Wasser dann ins Geld.
4) Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.
5) Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.
6) Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.
7) Steh’n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe.
8) Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.
9) Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.
10) Strotzt der Boden von Nitraten, kann das Wasser arg missraten.
11) Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.


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Kommentare

Christian R.:
14.03.2017, 10:30 Uhr

So abgehoben alberne Kampagnen greifen schon gar nicht wenn man sich nicht ernsthaft mit den Sorgen des angesprochenen Berufsstandes auseinandersetzt und sich mit ihnen an einen Tisch setzt.

Gesundes Grundwasser, besonnener Einsatz von Pestiziden und nachhaltiges Wirtschaften sind ja ansich positive Ziele, und auch im langfristigen Interesse der Bauern. Doch wer will heute noch Bauer werden ? Es ist ein knochenharter und undankbar bezahlter Job. Die Bevölkerung hat sich zu lange an zu preiswerte Nahrungsmittel gewöhnt und ist nach dem Motto Geiz ist Geil verfahren, das war vor langer Zeit ganz anders. Die zunehmende Verarmung der Bevölkerung macht es selbst gewissenhaften Verbrauchern leicht werteorientiert einzukaufen.

Ökologischer Anbau ist eine gute Sache, aber der Druck muss vom Verbraucher kommen und wieder mehr junge Menschen sollten in die Landwirtschaft gehen. Vor allem aber müssen die Grenzen dichtgemacht werden mit Einfuhrzöllen um die einheimischen Bauern zu schützen anstatt sie global gegeneinander auszuspielen. Wieder einmal spielt die Globalisierung ihr böses Spiel mit der Zerstörung von gewachsenen Strukturen und Tradition.

Die Bauern sind der Grundstock jedes Volkes. Ohne Nahrung kein Volk. Aber heutzutage sind es schmarotzende Bankiers, korrupte Politiker und Topmanager mit Einkünften die in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Wichtigkeit stehen.


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