Karthagischer Frieden für Deutschland

Vor 50 Jahren starb der Freund Roosevelts, Finanzminister der USA und Nachfahre jüdischer Einwanderer Henry Morgenthau

09.02.17
Wollte Deutschland teilen und entindustrialisieren: Henry Morgenthau Bild: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989

Er galt in der Nachkriegszeit als der meistgehasste Amerikaner in Deutschland: Henry Morgenthau junior, Verfasser des 1944 entworfenen Planes, das besiegte Reich in drei Teile aufzuspalten, zu entindustrialisieren und auf einen Agrarstaat mit Selbstversorger­niveau zu reduzieren – eine Idee, die der Verfasser mit politischem Nachdruck verfolgte und in seinem im September 1945 erschienen Buch „Germany is our problem“ (Deutschland ist unser Problem) detailliert beschrieben hat.

Als Nachfahre jüdischer Auswanderer aus Mannheim wurde Henry Morgenthau am 11. Mai 1891 in der Nähe von New York geboren. Zunächst stand er im Schatten seines ambitionierten Vaters. Als „Gentleman-Farmer“ wurde er Nachbar und enger Freund des späteren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der über die extrovertierten Eigenschaften verfügte, die dem scheuen Morgenthau fehlten. Roosevelt ernannte ihn 1934 zur allgemeinen Überraschung zu seinem Finanzminister, eine Funktion, die er bis Kriegsende beibehielt. Mehr loyal bemüht als fachlich qualifiziert setzte Morgenthau den „New Deal“ zur Überwindung der Wirtschaftskrise um. Nicht zuletzt dank einer gemeinsamen Germanophobie – Roosevelt hatte als Junge im wilhelminischen Deutschland angeblich schlechte Erfahrungen gemacht  –  gewann Morgenthau Einfluss auf die Außenpolitik, zunächst durch die Bekämpfung deutschen Einflusses auf die US-amerikanische Wirtschaft, später durch die Befürwortung des US-amerikanischen Kriegseintritts und die Erarbeitung dessen finanzieller Voraussetzungen.
Auf einer Kriegskonferenz im kanadischen Québec im September 1944 erreichte Morgenthau die Absegnung des nach ihm benannten Morgenthau-Plans durch seinen Präsidenten sowie die grundsätzliche Akzeptanz des skeptischen Winston Churchill, der dringend auf US-amerikanische Kredite angewiesen war. Obwohl nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, berichtete das „Wall Street Journal“ über den beabsichtigten „karthagischen Frieden“, der den humanitären Grundsätzen der 1941 unterzeichneten Atlantik-Charta komplett zuwider lief. Die USA wollten Deutschland in einen Kartoffelacker verwandeln, zeterte Joseph Goebbels und rief die frontnahen Bewohner Aachens zu erbittertem Widerstand auf. Die „Washington Post“ nannte den Plan Morgen­thaus sinnlos und gab dem Propagandaminister indirekt Recht:
„Let’s stop helping Dr. Goebbels!“ (Hören wir auf, G. zu helfen!) Sowohl im Außen- als auch im Kriegsministerium der USA war man entsetzt, zumal beide eigentlich zuständigen Ressorts übergangen worden waren. Wildgewordene jüdische Rache („Semitism gone wild for vengeance“) nannte der altgediente Kriegsminister Henry L. Stimson den Plan. Der 1945 für seine Verdienste um die Gründung der Vereinten Nationen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Außenminister Cordell Hull formulierte es staatsmännischer: Der Plan sei ein Verbrechen gegen die Zivilisation. Roosevelts republikanischer Herausforderer Thomas Dewey schätzte den Wert des Morgenthau-Plans für die deutsche Wehrmacht auf zehn frische Divisionen. Angesichts der Flut an Kritik hielt der Präsident es für klug, sich vom Plan des Finanzministers zu distanzieren. Am 7. November gewann er die Wahlen mit 53,4 Prozent.
Dennoch entfaltete Morgen­thaus Plan politische Wirkung. Die Direktive JCS 1067, welche die Grundsätze der US-amerikanischen Besatzungspolitik festlegte, war eine nur unwesentlich entschärfte Fassung, die von einer Kollektivschuld des deutschen Volkes ausging und Militärgouverneur Dwight D. Eisenhower ausdrücklich untersagte, Maßnahmen für einen Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft zu ergreifen. Roosevelt hatte den Text im März 1945 abgezeichnet. Als dessen Nachfolger Harry Truman die Direktive am 10. Mai 1945 unterzeichnete, jubelte Morgen­thau, dies sei ein großer Tag; er hoffe nur, man werde in ihr nicht den Morgenthau-Plan wiedererkennen. Auf Anraten Eisenhowers wurde die Direktive zunächst nicht veröffentlicht. Trumans Skepsis gegenüber dem Finanzminister, der den Präsidenten unbedingt auf die Dreimächtekonferenz in Potsdam begleiten wollte, wuchs. Im Juli 1945 drängte er ihn zur Demission. Morgenthau musste erkennen, dass mit dem Tod seines Freundes Roosevelt seine Zeit als Politiker abgelaufen war.
Obwohl Truman später erklärte, niemals ein Anhänger „dieses verrückten Morgenthau-Plans“ gewesen zu sein, blieb JCS 1067 bis Juli 1947 in Kraft. Über die strikte Anwendung der Direktive wachten die sogenannten Morgenthau-Boys, nach Deutschland abgeordnete Mitarbeiter des US-Finanzministeriums. Selbst Care-Pakete durften erst ab Juni 1946  verschickt werden. Nach dem Hungerwinter 1946/47 schaltete sich der in Nothilfefragen profilierte vormalige US-Präsident Herbert Hoover mit der Warnung vor einer humanitären Katastrophe in Deutschland ein. Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen mit Josef Stalins Sowjetunion erging im Sommer 1947 die Besatzungsdirektive JCS 1779, deren Kernsatz den Weg zum Wiederaufbau Deutschlands und zur Öffnung des Landes für den Marshallplan ebnete: „Ein geordnetes und wohlhabendes Europa bedarf des wirtschaftlichen Beitrags eines stabilen und produktiven Deutschlands.“  
In „Germany is our problem“, der theoretischen Unterfütterung des Morgenthau-Plans, spielen Holocaust und andere konkrete Grausamkeiten des NS-Staates allenfalls eine marginale Rolle. In Fortsetzung einer besonders von Nachkommen osteuropäischer Einwanderer in die USA vertretenen obsessiven Theorie, der zufolge die Deutschen den Krieg quasi in den Genen hätten, geht Morgenthau von einer angeborenen „lust for armed conquest“ (Lust an bewaffneter Eroberung) aus: „Der Wunsch nach Krieg ist im Deutschen so fest verwurzelt wie der Wunsch nach Freiheit im Amerikaner.“ Der Weltfrieden könne deshalb nur durch konsequente Entindustrialisierung und besonders die Demontage der Schwerindustrie in Deutschland gewährleistet werden. Nach dem Grundsatz „Teile und herrsche“ solle das Land in einen norddeutschen und einen süddeutschen Staat sowie das internationalisierte Ruhrgebiet aufgeteilt werden, letzteres möglichst ohne deutsche Bevölkerung. Der Einfluss der preußischen Junker, einer reaktionären Kaste, die als Drahtzieher der Weltkriege zusammen mit Größen aus Industrie und Finanz längst mit Vorbereitungen für den nächsten begonnen habe, müsse konsequent ausgeschaltet werden. Die Deutschen müssten sich als Kleinbauern von ihrer Hände Arbeit ernähren und selbstverständlich für sämtliche Kriegsschäden aufkommen, bevorzugt durch Demontagen, Warenlieferungen und Zwangsarbeit. Für den Ausfall Deutschlands als Wirtschaftsfaktor könnten die USA  einspringen. Einmal befreit von deutschen Ketten werde sich die industrielle Produktion im übrigen Europa aber schnell entfalten. Erst nach Abschluss aller restriktiven Maßnahmen könne die „Friedensschulung“ der Deutschen, also ihre „reeducation“, beginnen. Humanitäre Hilfe für das besiegte Volk lehnte der Verfasser ab.
Henry Morgenthau junior blieb auch in seinem späteren Leben überzeugt, die Deutschen würden demnächst wieder in den Krieg ziehen. Das Aufkommen der Friedensbewegung hat er freilich nicht mehr erlebt, er starb am 6. Februar 1967 in New York City. Heute sind es die im linksgrünen Spektrum verbreiteten Ideen der sogenannten Antideutschen, die an den Geist Morgenthaus erinnern, ohne den Namen des Politikers ausdrücklich zu nennen: Keine Katharsis deutscher Schuld ohne karthagischen Frieden – Untergang oder Selbstauflösung.        
    Hubertus Thoma


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Hein ten Hof:
10.02.2017, 10:24 Uhr

Ich habe meinem Kommentar noch etwas hinzuzufügen:
Je länger ich mich mit diesem unseligen Morgenthau Plan befasse desto mehr gelange ich zur Überzeugung, dass eigentlich "der Kommunismus", persönlich betrachtet, mein Leben gerettet oder erhalten hat und das meiner Eltern ebenso.
Wer weiss wie lange dieser Plan aufrecht erhalten worden wäre, um die Deutschen endgültig zu vernichten, nach wie vielen Hungertoten wäre Schluss gewesen?

Der Kommunismus hat die Alliierten indirekt dazu gezwungen Deutschland als Bollwerk zu benutzen, das war keine Menschenfreundlichkeit, das war reines Kalkül. Mit hungrigen Menschen lässt es sich schlecht kämpfen.

Die Angst vor einer kommunistischen Revolution steckte wohl auch dahinter, insbesondere vor dem Hintergrund dass Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien reichlich kommunistisch waren (heute noch).
Der heutige Zustand, die Flüchtlingswelle, könnte sehr wohl eine Fortsetzung des Plans sein, denn es wäre nicht das erste Mal, dass ein Volk durch massive Überfremdung in seiner Existenz vernichtet wurde. Viele Millionen warten angeblich in Afrika.
Denn man gute Nacht Marie....


Hein ten Hof:
9.02.2017, 14:35 Uhr

Sehr interessanter Artikel, er hat mich dazu gebracht mal wieder ein Buch von Curtis B. Dall, Roosevelts damaligen Schwiegersohn, zu lesen: "Amerikas Kriegspolitik, Roosevelt und seine Hintermänner."

Wenn ich das recht verstanden habe bezeichnet Dall den Morgenthau Plan, der angeblich nicht von Morgenthau jr. stammt sondern von Henry Dexter White, Kommunist, als eine Falle der Kommunisten um Westeuropa zu ruinieren und zu übernehmen.

>>Oberst Dall erbringt den Nachweis dafür, daß Roosevelt, um Präsident zu werden, sich den internationalen Finanzmächten verpflichtete. Diese haben ihn von Anfang an insofern ausgebeutet, als sie die Macht über die amerikanischen Goldreserven bekamen und ihn in den Zweiten Weltkrieg verwickelten, was schließlich zum Morgenthau-Plan und Yalta-Verrat führte.<<

>>Dall berichtet, wie als Krone des Verrats Morgenthau, Harry Dexter White und Harold Glasser, alle vom US-Schatzamt (Finanzministerium), „unglaublicherweise Sowjet-Rußland unsere Druckplatten" mit Spezial-Papier und -Tinte gaben, „um unser Geld in Ost-Deutschland drucken zu können, um den russischen Soldaten für zwei Jahre ihre Löhnung zahlen zu können", und auch um ausgewählte Flüchtlinge auf Kosten des amerikanischen Steuerzahlers zu bereichern. Es waren im ganzen 19 Milliarden Dollar.<<

Finde ich alles äusserst interessant und aufschlussreich, auch und vor allem vor dem Hintergrund "unserer" Geschichte.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.