Kein Kraftzentrum, aber ...

Dicke Pluspunkte und dicke Minuspunkte erhält Berlin in einem Hauptstädtevergleich

23.07.17
Selfie zu viert: Drei junge Berlinerinnen und die Hauptstadt im Hintergrund. Die „Zwanglosigkeit“ schätzen Neuzugezogene besonders Bild: Imago

Während viele Berliner durch steigende Mieten, Verkehrschaos und lange Wartezeiten auf den Behörden genervt sind, übt Berlin auf Touristen und Zuzugswillige eine hohe Anziehungskraft aus.

Welche Magnetwirkung die deutsche Hauptstadt entfaltet, wird regelmäßig zu den Osterfeiertagen sichtbar. Wie schon in den Vorjahren kamen auch dieses Jahr zwischen Karfreitag und Ostermontag zwei Millionen Tagestouristen und Wochenend-Ausflügler. Ein Blick auf die Bevölkerungszahl macht die Dimension dieses Besucheransturms innerhalb weniger Tage deutlich. Berlin selbst hat nämlich nur rund 3,5 Millionen Einwohner. Zumindest in der Wahrnehmung ist der typische Berlin-Tourist eher jugendlich und genießt das Nachtleben in Berlins Szenevierteln. Ein Blick in die Statistik zeigt allerdings, dass die Berlin-Besucher im Durchschnitt etwa 40 Jahre alt sind. Für den typischen Berlinbesucher sind nicht die Berliner Kneipen und Clubs die entscheidenden Reisegründe, sondern Sehenswürdigkeiten, Kunst und Kultur sowie Stadtbild und Architektur.
Auch das Wachsen der Einwohnerzahl durch Zuzug hat bemerkenswerte Ausmaße. Allein im vergangenen Jahr ist die Bevölkerungszahl Berlins um 60500 Menschen gestiegen. Allein dieser Bevölkerungsgewinn eines Jahres entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Städten wie Offenburg oder Rosenheim. In den zurückliegenden fünf Jahren wuchs Berlin sogar um eine Viertelmillion Einwohner. Es gibt eine Reihe von Gründen für diese Attraktivität. Beinah regelmäßig erwähnen Touristen und Neuberliner, dass ihnen eine gewisse Zwanglosigkeit des Berliner Lebens auffällt. Diese weitverbreitete Lebensatmosphäre, die ein Stück weit an das fridericianische „Jeder nach seiner Façon“ anknüpft, ist kombiniert mit einer vergleichsweise noch immer günstigen Lebenshaltung in Berlin.
Den teilweise drastisch gestiegenen Mieten zum Trotz gilt Berlin weiterhin als die preiswerteste  Metropole Europas. Wer die Stadt besucht oder dort hinzieht, bekommt zum einen ein reichhaltiges Angebot an Großstadtleben und kulturellen Möglichkeiten wie in anderen Hauptstädten, muss aber dafür nur vergleichsweise niedrige Preise für Gastronomie, Nahverkehr und große Teile der Lebenshaltung zahlen. Im Ausland vielerorts undenkbar, brauchen in Berlin auch keine Studiengebühren gezahlt werden. Gerade für junge Menschen macht dieser Mix Berlin zu einer Topadresse für einen Kurzbesuch oder einen längeren Aufenthalt.
Aus Sicht vieler Alteingessener sieht dies oftmals etwas anders aus: Die Kehrseite der im Vergleich zu Paris oder London noch immer günstigen Lebenshaltungskosten sind nämlich immer noch vergleichsweise schwache Einkommen und das Etikett der „Hartz-IV-Hauptstadt“ Deutschlands. Tatsächlich ist die Wirtschaftskraft noch immer ein großer Schwachpunkt Berlins und der gesamten Hauptstadtregion. Bei einer Untersuchung, die von der EU-Kommission im März dieses Jahres veröffentlicht wurde, schnitt Berlin-Brandenburg als einzige Hauptstadtregion in der EU schlechter ab, als der Durchschnitt des Landes.  Gerade London und Paris wirken wie wirtschaftliche Kraftzentren für das ganze Land. Berlin rangiert dagegen noch immer weit abgeschlagen hinter Großräumen wie München oder Frankfurt.
Ein gutes Vierteljahrhundert  nachdem der Bundestag seinen Umzug von Bonn nach Berlin beschlossen hat, fällt im Vergleich zu anderen Hauptstädten noch eine andere Berliner Besonderheit auf. Das Regierungsviertel mit Bundestag und Kanzleramt wirkt in Berlin noch immer wie abgekapselt, wie nicht dazu gehörend. Fortgesetzt schein damit ein Phänomen, dass schon vor dem Regierungsumzug mit der Redewendung „Raumschiff Bonn“ oft beklagt und kritisiert wurde. Abzuwarten bleibt, ob das verstärkte Engagement des Bundes, etwa bei der Förderung des Berliner Kulturlebens, das Gefühl der kühlen Distanz noch abmildern und das Regierungsviertel ein wirklicher Teil Berlins wird.
Zumindest in wirtschaflicher Hinsicht stehen die Chancen für eine Aufholjagd Berlins nicht einmal schlecht. Berlin wird schwerlich den einstigen Rang als Europas größte Industriestadt wiedererlangen können, allerdings sehen Experten für die Stadt auf einem anderen Gebiet ein großes Potenzial. Die Unternehmensberatung McKinsey bescheinigte bereits vor längerer Zeit der deutschen Hauptstadt, sie hätte beste Voraussetzungen, sich zur führenden Gründermetropole in Europa zu entwickeln. Zumindest in Deutschland ist Berlin bereits führend bei den Neugründungen, auf europäischer Ebene liefert sich Berlin allerdings mit Städten wie London, Paris und Stockholm einen harten Konkurrenzkampf als Standort für neue Internetunternehmen.
     Norman Hanert


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.