Kinder sind happy, Erwachsene doof

Ein Phänomen, das viele Politiker freut und verantwortungsvolle Denker erschreckt: Die Infantilisierung unserer Gesellschaft

28.07.17

Doofe Erwachsene: Immer so ernst und angestrengt. Dann lieber Kind bleiben. Sollen sich doch andere einen Kopf über komplizierte Dinge wie Politik und so‘n Zeug machen. Was sagst du? Ich bin infantil? Warte nur, dafür streck ich dir meine Zunge raus.

Kinderkanal? Walt-Disney-Channel? Wenn der 40-jährige Kilian Reichert, die Werbefigur des Mobilfunkanbieters 1&1 auf einem Tretroller über die TV-Bildschirme rollt, wird sich wohl so mancher erwachsene Zuschauer irritiert fragen, ob er im falschen Programm gelandet ist. Mitnichten: Er schaut RTL, Pro7 oder Vox. Kilians Albernheiten sollen ihm die Vorzüge einer Allnet-Flat nahebringen. Das Unternehmen 1&1 setzt ganz auf die Infantilisierung unserer Gesellschaft. Im Fernsehen lässt sie sich besonders plakativ beobachten. Nehmen wir zum Beispiel die unsäglichen Samstagabendshows der Privatsender. Mögen Elton (46) oder Oliver Pocher (39) auch im gestandenen Mannesalter sein, ihr Verhalten erinnert eher an Vorpubertierende mit Allnet-Flat beim Kinderpsychologen. Dies führte schon vor 20 Jahren dazu, dass der „Spiegel“ das Fernsehen als den „größten virtuellen Sandkasten der Republik“ bezeichnete. Seither ist es noch deutlich extremer geworden.
Weitere typische Kennzeichen der grassierenden Infantilisierung sind zum Beispiel der Siegeszug der Erwachsenen-Malbücher. Mittlerweile bietet der Online-Händler Amazon unzählige Produkte wie „Mein verzauberter Garten“ an, die gestresste Volljährige animieren sollen, Buntstifte in die Hand zu nehmen. Dazu kommen diverse Spiele vom Paintball, bei dem man in Lausbubenmanier mit Farbkugeln auf andere schießt, bis zum „Geo-
coaching“, der modernen technisierten Variante der guten alten Schnitzeljagd. Ja, selbst die Ernährung bleibt von der Infantilisierung nicht ausgenommen. So findet der Schokoriegel „Kinder Pingui“ immer mehr Liebhaber unter den „Großen“. Dieser Trend gilt letztlich sogar für Säuglingsnahrung. Marktumfragen haben ergeben, dass inzwischen etwa jedes zehnte Glas mit Baby-Brei der Firma Hipp von Erwachsenen ausgelöffelt wird.
All das bildet freilich nur die Spitze des Eisbergs, der für ein sehr viel tiefergreifendes, kollektives Peter-Pan-Syndrom steht. Ausdruck desselben ist die weitgehende regressive Entgrenzung. Das heißt, den Betroffenen fehlen wesentliche Merkmale des Erwachsenseins wie die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung beziehungsweise zum Maßhalten, Frustrationstoleranz, differenziertes logisches und realistisches Denken, Rücksicht, Zuverlässigkeit, Diskretion und Anstand sowie – besonders wichtig – Verantwortungsbewusstsein.
Ursachen für diese Infantilisierung gibt es mehrere. Zum Ersten sträuben sich viele Menschen instinktiv gegen das Älterwerden, da die Gesellschaft in ihrem weit verbreiteten Jugendlichkeitswahn das Alter stigmatisiert hat und Altersweisheit oder Alterswürde kaum noch kollektive Wertschätzung erfahren. Zum Zweiten hat sich seit den islamistischen Terroranschlägen des 11. September 2001 eine kindliche Sucht nach Genuss und Ablenkung breitgemacht, um die niederschmetternde Erkenntnis zu verdrängen, dass nun schon wieder Krieg herrscht. Und zum Dritten versuchen viele Erwachsene auch deshalb „klein“ zu bleiben, damit sie in die Rolle des angeblich hilflosen Opfers der „gnadenlosen Gesellschaft der Großen“ schlüpfen können.
Außerdem sind Werbeindustrie und Wirtschaft für die Infantilisierung verantwortlich. Die Leute sollen konsumieren – und je kindisch-ungezügelter sie dabei ihren Bedürfnissen freien Lauf lassen, umso besser. Maßhalten und Vernunftdenken verdirbt den Konzernen nur die Bilanzen! Besser, die Leute wollen sich alles und sofort „holen“, wie ein Dreijähriger im Spielzeugladen. Dann brummt das Geschäft.
Wahre Goldesel sind auch Erwachsene, die infantilen Freizeitbeschäftigungen nachgehen – bis hin zum Betriebsausflug in den Vergnügungspark ohne die lästige Mitnahme irgendwelcher Alibi-Kinder. In der Freizeit- und Unterhaltungsbranche werden hierzulande pro Jahr rund 140 Milliarden Euro umgesetzt. Zum Vergleich: Die Rüstungsindustrie  erwirtschaftet 20 Milliarden.
Des Weiteren hat die Wirtschaft auch durch die sogenannte „Infantilisierung der Angestellten“ zur allgemeinen Regression in der erwachsenen Bevölkerung beigetragen, wenn eine leitende Angestellte beispielsweise Schreibtische fordert, die mindestens ein Drittel größer sind als die ihrer Mitarbeiter. In diesem Falle steck-te freilich keine eigennützige Absicht dahinter – vielmehr handelt es sich um einen meist doch eher unerwünschten Nebeneffekt des Verlustes an Autonomie und der Unterdrückung selbstständigen Denkens infolge hierarchisch-repressiver Formen der Unternehmenskultur.
In der Politik dagegen scheint der Effekt höchst erwünscht.   Zwar kommt es zu keiner Umsetzung der altbekannten Forderung des nunmehrigen Anti-Pegida-Barden Herbert Grönemeyer, die da lautete „Kinder an die Macht!“ Vielmehr gilt: „Durch Kinder an die Macht!“ Denn Erwachsene, die in mentaler Unmündigkeit verharren, sind definitiv leichter zu regieren. Sie quengeln zwar oft und laut, können aber mittels Fernsehen, Sport und vielerlei technischem Schnickschnack leicht wieder ruhiggestellt werden. Entscheidungen werden über die Köpfe der Mitglieder der infantilen Gesellschaft hinweg getroffen, was durchaus zu lauten und trotzigen Protesten führen kann, aber mehr passiert dann in der Regel nicht. Weil den meisten die erwachsen-konstruktiven Strategien fehlen, mit der Situation umzugehen. Bockig Wahlen zu boykottieren, ist ein Ausdruck dieser kindlichen Hilflosigkeit.
Ansonsten geht die infantile Gesellschaft natürlich davon aus, dass der Vater Staat ziemlich mächtig und zugleich unendlich wohlhabend ist – genauere Zahlen will aber kaum jemand wissen, oder die Bedeutung derselben wird nicht realisiert. Deshalb sehen viele auch kein Problem darin, Menschen aus aller Welt in Deutschland zu alimentieren. Mit anderen Worten: Die naiv-hysterische „Willkommenskultur“ in der „Flüchtlings“-Krise war auch Ausdruck der Infantilisierung unseres Landes. Verträumte Kinder, denen es höchst selten an etwas existenziell Wichtigem gemangelt hat, sind gerne bereit, mit ihren vielen neuen, exotischen Spielkameraden zu teilen – „Mutti Merkel“ weiß schon, was sie tut, und „Vater Staat“ schüttet sein Füllhorn aus, das niemals leer wird,  denken diejenigen, welche auch als Erwachsene kindisch geblieben sind. Und davon gibt es eine ganze Menge.
     Wolfgang Kaufmann

Kindliches Gehabe

1997 wurde das Phänomen erstmals erkannt

Als erster, hat der US-amerikanische Schriftsteller, Gesellschaftskritiker und Protagonist der Männerbewegung, Robert Bly, auf das Phänomen des infantilen Denkens und Verhaltens vieler Erwachsener von heute hingewiesen. In seinem 1997 erschienenen Buch „Die kindliche Gesellschaft“ kritisierte er den weit verbreiteten Verlust der Fähigkeit zur Triebkontrolle und führte diesen auf den allgemein akzeptierten Drang nach ungehemmter Selbstverwirklichung zurück.
Dem schloss sich 2004 Blys Landsmann Richard Sennett, ein Soziologe, in der Studie „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“ an. Hier wurde dann auch erstmals von der „Infantilisierung der Angestellten“ in unserer modernen Arbeitswelt gesprochen. Späterhin machten der Wiener Philosoph Robert Pfaller und der belgische Psychologe Paul Verhaeghe den Siegeszug des Neoliberalismus für das kindische Gehabe vieler Menschen verantwortlich. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang Pfallers Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ von 2011 (Fischerverlag, 9,99 Euro).     WK


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Daniel R.:
20.08.2017, 19:39 Uhr

Sogar die „Psychologie Heute” mühte sich neulich in einem längerem Artikel ab, den infantilen Mittvierzigern die Vorzüge des Erwachsenseins schmackhaft zu machen.
Wenn dann das Kleinkind verwahrlost in der Ecke sitzt und das Jugendamt fragt, was los ist, werden Antworten gegeben der Art: „Da hatten wir jetzt gerade irgendwie keinen Bock drauf, macht keinen Spaß” usw.
Wenn dann aber der erfahrene Brückenkonstrukteur, Berufsschullehrer, Arzt etc. in Rente geht, dann wird blöd aus der Wäsche geschaut. Mit Singen und Klatschen läßt sich die Wirtschaft nun mal nicht wuppen ...


Günther Hergenschröter:
16.08.2017, 21:53 Uhr

Den gesellschaftlichen Hang zum Wahlboykott kann man sicher nicht allein an Infantilismus festmachen. Infantile werden sich zwar nicht für Politik interessieren, aber Wahlboykotteure müssen nicht zwangsläufig infantil sein.
Auch scheint die Verbindung der sog. "Willkommenskultur" mit dieser Mentalschwäche eher konstruiert als wirklich ursächlich zu sein. Hier waren knallhart subversive Elemente aus Reihen der Linken und NGOs am werkeln, um über Presse, Funk und Fernsehen entsprechende Bilder in die Köpfe der Allgemeinheit zu projizieren. Das getürkte Theater mit Umarmungsszenarien, Bahnhofsgeklatsche und mitleidig in die Kameras heuchelnden Statisten verfestigte sich dabei plangemäß zu einem Selbstläufer. Dessen Erzeuger führten ihn auch gleich begierig seinem Verwendungszweck zu und bastelten daraus eine "Deutsche Willkommenskultur". Das ist nichts weiter als eine tolldreiste Vereinnahmung Aller, für Ziele Anderer! Ob dies mit einer, im Sinne Freuds, regredierten willigen Masse oder einer politisch mündigen aber unwilligen Masse geschieht, ist für die Zielsetzung belanglos - geknebelt ist geknebelt!
Etwas anders mag es sich in Bezug zu den Widerständen verhalten, den wie auch immer geartete Zwangsmaßnahmen bewirken. Vereinnahmung, Indoktrination, Propaganda etc. sind in einer infantilen Gesellschaft für Politiker natürlich leichter zu bewerkstelligen. Das hier tatsächlich Kräfte am Werk sind, kann man z.B. an den Fernsehnachrichten festmachen. War früher die Sportberichterstattung nur aufs Wochenende oder auf Großereignisse beschränkt, steht das nun täglich auf der Agenda, im ZDF sogar mit Extrapersonal. Auf Euronews beispielsweise waren der Nachrichtenblock und der Sportblock früher durch einen Trailer getrennt, nun sind die Übergänge fließend. Blutbad in Syrien, Filzbällchen übers Netz...beliebig wertig, austauschbar! Dummerweise merkt gerade in Bezug auf Nachrichtenkanäle, von den Betreibern anscheinend niemand, daß diese bevorzugt Leute einschalten, die sich in erster Linie für Politik interessieren und nicht für regressive Spackzappeleien. Konditionierung fürs falsche Publikum...kann auch vorkommen.


Eduard Herrmann:
4.08.2017, 21:55 Uhr

Im allgemeinen stimme ich der Meinung des Autors zu, jedoch halte ich das Argument bezüglich Babybrei im dritten Abschnitt für haltlos da der Konsum durch Erwachsene wohl hauptsächlich auf seine Verträglichkeit im Falle eines Magen-Darm-Infekts.


Andreas Nickmann:
31.07.2017, 19:28 Uhr

Wobei man der Fairness halber sagen muss:

Pokémon, Dumbo etc. sind sehr viel vertrauenswürdiger als die TV-Version der Lü enpresse.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.