»Koranisierung« der Sprache

Für den türkischen Staatspräsidenten Erdogan sind verbale Entgleisungen ein Mittel der Politik

19.04.17

Obwohl der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seit 2003 an der Regierung beteiligt ist, haben viele offenbar erst jetzt durch seine verbalen Entgleisungen sein wahres Gesicht erkannt. Viele Analysten waren sich bisher nicht sicher, ob Erdogan nur ein konservativer Muslim ist oder bereits ein Vertreter des fundamentalen Islam. Zumindest in der Rhetorik ist er in der Endphase des Wahlkampfs dem Hass-Vokabular der Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) sehr nahe gekommen.
Bei einem Wahlkampfauftritt in Ankara bezeichnete er die EU als „Kreuzritter-Allianz“. Damit spielte er auf eine Audienz der Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten bei Papst Franziskus in Rom an. Anlass war der 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Erdogan beschuldigte weiter „europäische Parlamentarier und Anführer“, sich vor der Volksabstimmung über das von ihm angestrebte Präsidialsystem auf die Seite seiner Gegner geschlagen zu haben. „So Gott will, wird das türkische Volk, werden 80 Millionen den Anführern des Westens die größte Lektion erteilen.“
Mit dieser Formulierung ahmt Erdogan die vom IS stabsmäßig betriebene „Koranisierung“ der Sprache nach. „Eine Lektion erteilen“ wollen auch die Terroristen des IS in vielen Internetvideos ihren Feinden. Nur bei diesen Lektionen gehören Erdogan und seine Türken selbst zu den Lektionsempfängern. Weiter sagte Erdogan: „Wartet auf den Frühling, und alle Terrorgruppen, PKK, YPG, IS, FETÖ, werden sehr nette Überraschungen erleben.“
Interessant ist, dass zunächst die beiden kurdischen genannt werden, danach erst folgen der IS und die Gülen-Bewegung (FETÖ). Bei der Wortwahl fällt auf, dass sowohl der IS als auch allgemein die Salafisten immer wieder ihren Gegnern „nette Überraschungen bereiten“ wollen. Auch hier ist Erdogan also ganz auf das koranisierende Vokabular der IS-Terroristen und ihrer Unterstützer oder das eines Osama Bin Laden aufgesprungen. Denn auch im Koran ist an verschiedenen Stellen von „netten Überraschungen“ als Bestrafung von Ungläubigen die Rede. Offenbar will Erdogan dies auch gar nicht mehr verbergen, wie er das noch vor einiger Zeit getan hat.
Erdogan setzt seine verbalen Provokationen bewusst ein, wie der Italiener Silvio Berlusconi oder der verstorbene venezolanische Präsident Hugo Chávez. Wie diese irritiert er hin und wieder mit absurden Äußerungen, wie bei-
spielsweise mit der Behauptung, Muslime hätten „Amerika entdeckt“. Im Jahre 2014 sagte er zum Thema Frauen und Gerechtigkeit: „Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Es läuft der Natur zuwider.“ Gleichberechtigung sei ebenfalls „gegen die Natur“. Auch das waren keine unglücklichen Ausrutscher, sondern gezielt als Mittel der Politik eingesetzte Tabubrüche. In Zusammenhang mit dem Verfassungsrefe- rendum setzte er diese sogar noch zielgerichteter ein.
Der türkischstämmige Kabarettist Serdar Somuncu wirft Erdogan vor, bewusst zu provozieren, damit die Situation eskaliert und er dann als Ordnungsstifter gerufen wird. Ähnlich hätte es auch mit dem stümperhaften Putsch vom Juli vergangenen Jahres gewesen sein können. Vielleicht hat Erdogan ihn bewusst provoziert, um sich durch die lang vorbereitete Niederschlagung als starker Mann zu profilieren.    Bodo Bost


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