Kosmopolitischer Vielschreiber

Kantaten wie am Fließband – Zum 250. Todestag von Georg Philipp Telemann

05.07.17
Eine Bratsche für das erste Solistenkonzert: Originalinstrumente im Telemann-Museum Bild: tws

Am 25. Juni 1767 starb in Hamburg einer der produktivsten Komponisten überhaupt. Georg Philipp Telemann stellte damals sogar Johann Sebastian Bach weit in den Schatten.

Im Telemann-Museum wird Französisch gesprochen. Oder Englisch. Deutsche Besucher, Hamburger zumal, verirren sich nur gelegentlich in dieses Haus im Komponistenquartier, mit dem Hamburg an seine größten Musiker erin­nert, die von hier stammen oder hier gewirkt haben. Seitdem die Elbphilharmonie eröffnet wurde, erlebt dieses Altstadtviertel mit seinen renovierten Fachwerkfassaden einen Be­sucheraufschwung. Die meisten ge­hen zu Brahms, dem ein eigenes Muse­um gewidmet ist. Die Ba­rock­musiker Johann Adolf Has­se, Carl Philipp Emanuel Bach und dessen Patenonkel Georg Philipp Telemann sind wenige Schritte weiter weg untergebracht. Im März 2018 sollen hier weitere Museen für Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Gustav Mahler eröffnet werden.
Die Musik von Brahms, Mendelssohn oder Mahler dudelt re­gelmäßig im Radio. Von Telemann hat man allenfalls mal den Namen gehört. In Deutschland ist er ein Unbekannter und steht im Schatten von Johann Sebastian Bach. Zu Telemanns Lebzeiten war es genau umgekehrt, da war er der Star, während Bach erst im
19. Jahrhundert so richtig groß herauskam.
Damals gab es vernichtende Urteile über Telemann. „Kirchenmusik von ihrer übelsten Seite“, ätzte Philipp Spitta in seiner Bach-Biografie (1873/80), und der Musikhistoriker Robert Eitner legte 1886 nach: „Telemann kann entsetzlich bummelich schreiben, ohne Kraft und Saft, ohne Erfindung; er dudelt ein Stück wie das andere herunter.“
Die Geringschätzung des Komponisten mag mit seiner enormen Schaffenskraft begründet sein. Er schrieb Kantaten, Oratorien und Passionsmusiken wie am Fließband. Nachdem der – laut gregorianischem Kalender – am
24. März 1681 in Magdeburg ge­borene Pastorensohn über seine frühen schulischen und beruflichen Karrierestationen Hildesheim, Leipzig, Sorau in Schlesien, Eisenach und Frankfurt am Main im Jahr 1721 in Hamburg seine Stelle als Johanneumskantor und Städtischer Musikdirektor angetreten hatte, verpflichtete er sich, pro Jahr bis zu 72 Kantaten an Sonn- und Feiertagen aufzuführen. Insgesamt schuf er in den 46 Jahren, die er in Hamburg wirkte, rund 2000 Kantaten.
Neben dem geistlichen übernahm er im Jahr darauf noch ein weltliches Amt. Als musikalischer Leiter der Oper am Gänsemarkt, für die schon Händel tätig gewesen war, schrieb er 25 Opern, von denen heute sieben überliefert sind. Zählt man seine 50 Passionen und die Musiken hinzu, die er für die vielen hanseatischen Feste wie die Matthiae-Mahlzeiten schrieb, so kommt man bei ihm auf 3500 Kompositionen. Kein Musiker hat mehr produziert – und experimentiert. So komponierte er das überhaupt erste Bratschenkonzert.
Es ist kein Wunder, dass aus der Fülle des Werks nur wenige einzelne Stücke wie die „Brockes-Passion“ herausragen. Es lag aber auch an der damaligen Aufführungspraxis, wonach Auftragswerke nur zu einem bestimmten An­lass gespielt wurden und da­nach nie wieder. Seinerzeit war nur sein Passionsoratorium „Seliges Erwägen“ von 1728 ein Hit mit über 400 Aufführungen. Im Rahmen des Telemann-Festivals, das vom 24. November bis 3. Dezember in Hamburg ausgetragen wird, ist es am 1. Dezember um 20 Uhr in der Laeizhalle erneut zu hören.
Dass die Quantität die Qualität erdrücken kann, hat wohl schon Telemann befürchtet. Damit seine Werke die Zeiten überdauern, übte er sich im Zweitberuf als Musikverleger. Die Noten stach er dabei selbst auf die Druckplatten. Die Nebentätigkeit diente auch dazu, die Schulden, die durch die Spielsucht seiner zweiten Frau entstanden waren, zu begleichen. Nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte, verkaufte er 1740 den Verlag. Die meisten seiner Werke kamen so gar nicht erst in den Druck, und viele Handschriften wurden darüber hinaus im Zweiten Weltkrieg vernichtet. Heute befinden sich bis zu 90 Prozent der erhaltenen Originale in der Berliner Staatsbibliothek.
Um ein Haar hätte Telemann Hamburg verlassen. Die Leipziger wollten ihn 1722 als Thomaskantor. Da die Hansestadt sein Gehalt um 400 Reichstaler erhöhte, blieb er. Statt seiner übernahm Bach als zweite Wahl das Leipziger Amt.
Nur einmal ließ sich Telemann von seinen Hamburger Verpflichtungen für acht Monate beurlauben. Er reiste nach Paris, wo er triumphal empfangen wurde. Die Franzosen feierten den Meister als germanische Inkarnation eines Jean-Baptiste Lully. Tatsächlich hatte sich Telemann immer wieder von frühen Barockkomponisten wie Lully oder Corelli inspirieren lassen. Anders als Bach war er – wie der Telemann-Biograf Eckart Kleßmann schrieb – ein „verdächtiger Kosmopolit“. Das erklärt auch die anhaltende Wertschätzung seiner Person im Ausland, und es erklärt, warum im Telemann-Museum häufig mehr Französisch als Deutsch gesprochen wird.    Harald Tews

Telemann-Museum im Komponistenquartier, Peterstraße 31, ge­öffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Eintritt: 5 Euro. Info: www.komponistenquartier.de. Die Ausstellung Georg Philipp Telemann in Hamburg in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek läuft noch bis
28. Ju­ni, Von-Melle-Park 3, geöffnet 10 bis 24 Uhr, Eintritt frei. Programm zum Hamburger Telemann-Festival vom 24. November bis 3. De­zember unter: www.telemann 2017.eu. Im Laaber-Verlag ist von Siegbert Rampe jüngst die Biografie erschienen: Georg Phi­lipp Telemann und seine Zeit, 569 Seiten, 44,80 Euro.


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