Kräftig verhoben

Überambitionierte ARD-Filme: Eine »Komödie« über die Honeckers und ein Spielfilm über Todessehnsucht

11.10.17
Schleicht sich in das Herz der Honeckers: Journalist Johann Rummel (Max Bretschneider, rechts) Bild: ARD

Ausnahmsweise einmal keine Wiederholungen, sondern zwei Spielfilme „mit Anspruch“ zur besten Sendezeit präsentiert die ARD. Der große Wurf ist ihr damit allerdings nicht gelungen.

Wenn sich der Jahrestag der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR nähert, sieht man die Fernsehredakteure förmlich hektisch in Drehbüchern blättern: Welcher Stoff könnte dieses besondere Datum beleuchten, möglichst unterhaltsam, möglichst originell? 27 Jahre nach dem 3. Oktober 1990 stießen sie nun auf ein Kuriosum, das als Fußnote der Geschichte taugen mag, vielleicht auch als Parabel auf den Ehrgeiz der Jungen und die Eitelkeit der Greise. („Will­kommen bei den Hone­ckers“,
3. Oktober, 20.15 Uhr, ARD).
Was wie ein Märchen klingt, ist eine wahre Geschichte: Ein Kellner aus Rostock will dringend Journalist werden und verspricht dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung ein Exklusivinterview mit dem ehemaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in dessen Exil in Chile. Was anfangs als Phantastereien eines jungen Ehrgeizlings erscheint, wird wahr.
„Johann Rummel“, der in Wahrheit Mark Pittelkau heißt, schreibt Honecker glühende Verehrerbriefe und erhält tatsächlich Antwort. Er gibt sich als begeisterter Jungkommunist aus, reist nach Südamerika, klingelt an der Tür des alten Mannes – und wird eingelassen. Was nun folgt, ist ein Katz-und-Maus-Spiel um Fotos als Beleg für den Knüller. In letzter Sekunde schießt der Junge sein angeschlagenes Wild in schwarzweiß ab: Honecker hebt die Faust zum sozialistischen Gruß, die Story steht.
Ein Unbehagen bleibt. Ist die Reise nun ein tollkühner Streich, oder erzählt der Film doch eher von der Chuzpe eines kaltschnäuzigen Reporters? Was man einem Enthüllungsjournalisten wie Günter Wallraff nachsehen mag – der Tarnanzug, um gesellschaftliche Missstände aufzudecken –, wirkt bei dem jungen Mann naiv bis skrupellos. Schauspieler Martin Brambach gibt dem kranken Ge­nossen in Rhombenstrick zudem eine fast rührende Tatterigkeit, die gestrenge Ehefrau Margot, ganz famos dargestellt von Johanna Gastdorf, agiert als Hüterin der gemeinsamen sozialistischen Ideale und steckt dem jungen Besucher Butterbrote zu. Ein einziges Mal blickt der Jungspund in den politischen Ab­grund. Warum so viele Menschen an der Mauer sterben mussten? „Aber niemand hat diese Menschen gezwungen, die DDR zu verlassen“, murmelt Honecker, „mussten die denn ihre Heimat verlassen, die wussten doch, was ihnen blüht.“
Der Schockmoment verhallt, Mark P. ergaunert sich mit dem geraubten Interview wie erhofft den Einstieg in eine Karriere als „Bild“-Reporter, Honecker stirbt elf Monate später. Die ARD gibt dem Film den Stempel Komödie
– schade nur, dass einem das Lachen gelegentlich im Halse stecken bleibt.
Einen Tag zuvor ein weiteres Lehrstück in Sachen Moral: Christiane Hörbiger wird von ihrem Lieblingsproduzenten Markus Trebitsch einmal mehr als Schmerzensfrau in die TV-Arena geschickt. („Die letzte Reise“,
2. Oktober 20.15 Uhr, ARD). Eine alkoholkranke Immobilienmaklerin war sie schon, eine an Alzheimer erkrankte Firmenchefin, eine Krebskranke, eine Musikerin, die unverschuldet in finanzielle Not gerät und obdachlos wird. Alles, aber wirklich alles, was einen an Schicksalsschlägen treffen kann, wurde von der Wiener Burgschauspielerin bereits dargestellt.
Nun also Katharina Krohn, die des Lebens müde ist und zum Exit in die Schweiz reisen will. „Ich hatte ein Leben“, sagt die ehemalige Lehrerin, gebeutelt von Arthrose und Atemnot. „Es war schön und es ist vorbei. Dieses jetzige Leben ödet mich an. So als ob jemand Teer über die Uhren gegossen hätte.“ Wie immer – das scheint man der Grande Dame des Deutschen Fernsehens schuldig zu sein – leidet Katharina K. in großbürgerlichem Ambiente, unter Stuck und hohen Decken.
Soweit es ihre Beschwerden zulassen, malt sie an einer Staffelei. Das Drehbuch verzichtet auf die üblichen Spannungsmomente, es gibt keine überraschenden Wendungen, welche die Handlung vorantreiben.
Stattdessen deklinieren die Protagonisten das Für und Wider eines selbstbestimmten Endes durch. „Mein Körper sagt mir bei jeder Bewegung, dass er nicht mehr will. Dass es Zeit ist, den Betrieb einzustellen“, so die These der Katharina K. Die beiden Töchter halten dagegen, wollen den Freitod der Mutter mit allen Mitteln verhindern. Die eine (Suzanne von Borsody) strengt ein Entmündigungsverfahren an, die andere (Nina Kronjäger) vertritt die Mutter auf deren Wunsch als Anwältin und stellt sich damit gegen die Schwester.
Ein Befürworter des Weiterlebens ist ausgerechnet ein Sterbehelfer (Burghard Klaußner), welcher der probeweise in die Schweiz reisenden Seniorin nochmal Lust aufs Leben macht – hier das Glas Rotwein, dort das Erklimmen eines Berges, hineingespürt in den frischen Wind, der doch gemeinhin alle dunk­len Gedanken vertreibt. „Ich tue nicht, was Sie wollen, sondern was gut für Sie ist“, sagt er. Als letzten Anstoß zur inneren Umkehr übernimmt Katharina die Zeugenschaft beim Suizid einer jungen Frau. Allein: Ihr Todeswunsch bleibt. Ganz anders bei Hörbiger. Ob sie selber schon mal an Freitod gedacht hat? „Nein. Das habe ich meinem Vater schon als Zwölfjährige versprochen. Außerdem bin ich katholisch. Da ist das verboten, gilt als Sünde.“
Im Anschluss an den Film sendet die ARD die Dokumentation „Frau S. will sterben“ (21.45 Uhr) über eine moribunde Frau, der man den tiefen Konflikt mit dem Ende 2015 verabschiedeten „Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ eher ab­nimmt. Christiane Hörbiger je­denfalls, die unlängst ihren langjährigen Lebenspartner verlor, wünschte man wieder einen Stoff, in dem sie Mut machen darf. Den Zuschauern und vielleicht auch sich selbst.    Anne Martin


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