Kredite gegen den Kommunismus

Vor 70 Jahren wurde der offiziell »European Recovery Program« (ERP) genannte Marshallplan verkündet

12.06.17
Das ERP wurde von der westlichen Propaganda weidlich ausgeschlachtet: Plakat zum Marshall-Plan Bild: action press

Es gab einen Plan zum Fürchten: den Morgenthau-Plan. Der sah vor, aus Deutschland einen Agrarstaat zu machen, eine Ziegenwiese, wie es damals hieß. Und es gab einen hilfreichen Plan: den Marshallplan. Er war das Programm der USA zum Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Hilfsprogramm war keineswegs selbstlos. Zwischen 1948 und 1952 spülte der Marshallplan Kredite, Rohstoffe und Lebensmittel im Gesamtwert von 13,12 Milliarden US-Dollar in das notleidende Europa. Die Hilfe verfolgte zugleich politische und ökonomische Ziele. Der Ausweitung des Kommunismus sollten Grenzen gesetzt und zugleich ein riesiger Absatzmarkt für die Überproduktion der USA geschaffen werden. Benannt wurde der Plan nach dem US-amerikanischen Außenminister von 1947 bis 1949 sowie späteren Verteidigungsminister und Träger des Friedensnobel- wie des Karlspreises George C. Mar­shall.
Nach den anfänglichen Planungen war eine Unterstützung der am Krieg gegen Deutschland und Japan verbündeten Länder vorgesehen. Doch die Sowjetunion wollte sich nicht beteiligen. Und sie zwang die unter ihrem Einfluss stehenden Länder, ebenfalls zu verzichten. Hauptsächliche Nutznießer waren Großbritannien mit 3,5, Frankreich mit 2,8 und Italien mit 1,5 Milliarden Dollar. Die bedachten Staaten waren zusammengeschlossen in der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC, Organisation for European Economic Co-operation), der Vorläuferin der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Organisation for Economic Co-operation and Development).
Deutschland gehörte anfangs nicht zum Kreis jener 16 europäischen Länder, denen die USA finanzielle Unterstützung bis 1952 garantierten. Erst im Oktober 1949 wurden die französische und die britisch-US-amerikanische Bizone in den Kreis aufgenommen. Die wirtschaftliche Hilfe begleitete ein breit angelegtes Programm politischer Bildung, Propaganda beziehungsweise Indoktrination.
Nur allmählich war die Erkenntnis gereift, dass das Elend im zerstörten Deutschland die Entwick­lung in Europa behinderte. Bis dahin waren Ideen aus dem Mor­genthau-Plan lebendig. Noch 1946 hatten die Besatzungsmächte einen scharf terminierten Plan zur Deindustrialisierung Deutschlands verabschiedet. Die abgebauten Industrieanlagen sollten in den gegnerischen Staaten wiederaufgebaut werden. Die Demontage dauerte bis 1950 an. Auch die Franzosen verfolgten entsprechende Pläne, die ihnen die Kontrolle über die Kohle von Ruhr und Saar bringen sollten. Das Saarland und Oberschlesien, reich an Bodenschätzen, wurden abgetrennt, dem Ruhrgebiet drohte das gleiche Schicksal. Erst 1947, als sich im Verhältnis der Großmächte der Beginn des Kalten Krieges abzeichnete, reifte die Erkenntnis, dass ein dauerhaft am Boden gehaltenes Teildeutschland für niemanden von Nutzen sein würde. Es wurde in den Mar­shallplan aufgenommen. Allerdings rangierte es mit 1,4 Milliarden Dollar nur auf Platz vier der Empfängerländer, und im Gegensatz zu anderen bedachten Ländern flossen die Gelder lediglich als rück­zahlbarer Kredit.
Es war ein Geben und ein Nehmen in sehr unterschiedlichen Größenordnungen. Denn während US-Kredite in Höhe von insgesamt 1,4 Milliarden Dollar gewährt wurden, zahlte die Bundesrepublik jährlich 4,5 Milliarden Mark als Besatzungskosten. Das entsprach über 95 Mark je Einwohner und Jahr. Als die Zeitschrift „Stern“ über Verschwendung von Besatzungsgeldern berichtete, durfte sie eine Woche lang nicht erscheinen. Bis 1955 musste die Bundesrepublik diese Gelder aufbringen.
Auch andere, sehr viel höhere Forderungen standen den 1,4 Milliarden Dollar aus dem Marshallplan gegenüber. Bei den Verhandlungen über Deutschlands Schulden 1952 in London endete die Rechnung bei 29,7 Milliarden Mark. Sie setzte sich – nachdem alle Forderungen aus Zins und Zinseszins in Höhe von 14 Milliarden Mark gestrichen waren – aus nicht bezahlten alten Forderungen nach dem Ersten Weltkrieg in Höhe von 13,5 Milliarden Mark und den aktuellen Forderungen der drei Westmächte in Höhe von 15 Milliarden Mark zusammen. In dieser Summe waren die Gelder des Marshallplanes und andere alliierte Kredite enthalten.
29,7 Milliarden Mark, das war eine astronomische Summe in einer Zeit, in der auch sehr hohe Rechnungen irgendwo in den Millionen endeten. Diese Forderungen also standen im Raum, als Sieger und Besiegte zu einer Schuldenkonferenz zusammenkamen. Die Delegation der Bundesrepublik leitete Hermann Josef Abs. Das vormalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank bekleidete das Amt des Stellvertreters des ersten Verwaltungsratsvorsitzenden der Kreditanstalt für Wiederaufbau, Otto Schniewind, bevor er selber den Vorsitz des Verwaltungsrates übernahm. Als Grundstock der 1948 gegründeten KfW dienten die Gelder des Marshallplanes.  Der KfW-Mitarbeiter und Leiter der deutschen Delegation bei der Londoner Schuldenkonferenz zeigte sich als gewiefter Verhandlungspartner. Als die Konferenz 1953 endete, war die Rückzahlung von ehemals 29,7 Milliarden Mark auf 14 Milliarden Deutsche Mark geschrumpft, zahlbar in jährlichen Raten. Die Reparationen wurden vollkommen ausgeklammert bis zum Abschluss eines Friedensvertrages. Dazu ist es durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag nicht gekommen. Letztendlich zahlte die Bundesrepublik bis 1966 eine Milliarde Dollar zurück. Nach der deutschen Vereinigung wurden die Zahlungen wieder aufgenommen. Am 3. Oktober 2010 erfolgte die letzte Schuldenzahlung in Höhe von 69,9 Millionen Euro.    
    Klaus J. Groth


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