Künstleridyll in Existenznöten

Folge der Niedrigzinspolitik: Der Weiterbetrieb von Schloss Wiepersdorf ist in Gefahr

08.07.18
Kleinod vor den Toren Berlins: Schloss Wiepersdorf war Landsitz des berühmten Romantikerpaars Bettina und Achim von Arnim Bild: Doris Anthony/CF

Rund 80 Kilometer südlich von Berlin gelegen, hat sich Schloss Wiepersdorf im Laufe der Jahrzehnte einen hervorragenden Ruf als Arbeitsort für Schriftsteller und andere Künstler erworben. Die andauernde Niedrigzinspolitik hat dem Weiterbetrieb des Künstlerhauses allerdings vorerst die finanzielle Basis entzogen.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, seit 2005 Besitzerin des Schlosses in Wiepersdorf, steigt nach zehn Jahren als Betreiber des Künstlerhauses aus. Bereits zum 31. Juli wird das Schloss im Landkreis Teltow-Fläming zudem für Sanierungsarbeiten mindestens für anderthalb Jahre geschlossen bleiben. Wie es ab dem Jahr 2020 an dem traditionsreichen Ort weitergeht, ist vorerst ungewiss.
Das im Niederen Fläming gelegene Wiepersdorf war einst Landsitz von Bettina und Achim von Arnim, dem bekannten Dichterpaar der Romantik. Ab dem Jahr 1946 bot das Schloss Schriftstellern wie Arnold Zweig, Anna Seghers, Christa Wolf und Ulrich Plenzdorf eine Arbeitsmöglichkeit in ländlicher Ruhe. Seit der Wende können sich auch Maler und bildende Künstler beim Land Brandenburg um ein Stipendium für mehrmonatige Arbeitsaufenthalte in Wiepersdorf bewerben.
Betreiber des Künstlerhauses war in den vergangenen Jahren die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Das Land Brandenburg hatte der Stiftung im Jahr 2005 einen Treuhandfonds in Höhe von rund 7,64 Millionen Euro eingerichtet, aus dessen Erträgen sowohl der Erhalt der denkmalgeschützten Immobilien, als auch der Betrieb des Künstlerhauses finanziert werden sollte. Die Schlossimmobilie selbst ging für einen symbolischen Betrag an die Stiftung Denkmalschutz über, verbunden mit der Auflage, dass das Schloss bis 2019 für kulturelle und gemeinnützige Zwecke genutzt werden muss.
„Wir haben der Stiftung vor einigen Jahren einen Fonds zur Seite gestellt und sind davon ausgegangen, dass das Geld ausreicht, um sowohl das Schloss und den Betrieb mit Stipendiaten aufrechtzuerhalten“, so Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) zur damals getroffenen Regelung.
Die globale Finanzkrise und die Null- und Niedrigzinspolitik der Notenbanken haben dem Konzept allerdings die finanzielle Basis entzogen. Die Ministerin wies unlängst darauf hin, dass durch die niedrigen Zinsen der Fonds nicht mehr gewinnbringend arbeiten könne. Der Berliner „Tagesspiegel“ zitiert Steffen Skudelny vom Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit konkreten Zahlen zur Ertragsentwicklung des Fonds: „Wir hatten mit rund 500000 Euro im Jahr gerechnet“, so Skudelny, „tatsächlich mussten wir mit 200000 Euro jährlich wirtschaften.“ Laut Stiftungsvorstand sei allein für den Erhalt des Ortes viel mehr Geld nötig gewesen.
Die Stiftung für das Schloss Wiepersdorf stellt mit ihrem Problem keinen Einzelfall dar. Gerade Stiftungen mit einem kleinen Grundvermögen kommen durch die andauernde Nullzinspolitik immer stärker in finanzielle Schwierigkeiten. Das angelegte Grundvermögen wirft oft keine nennenswerte Rendite ab, das Antasten des Stiftungskapitals ist wiederum ausgeschlossen. Als Ausweg wird häufig versucht, noch stärker als bisher Spenden einzusammeln. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen empfiehlt schon seit Längerem eine Reform des Stiftungsrechts und spricht sich auch dafür aus, dass Stiftungen ihr Vermögen verstärkt in Immobilien, Unternehmen oder Sachgütern anlegen.
Im Fall des Schlosses Wiepersdorf deutet sich nun ein Einspringen des Landes Brandenburg an. Das drohende Aus für das Künstlerhaus hat zum Einen ehemalige und aktuelle Stipendiaten mobilisiert. Auf einer Veranstaltung im Brecht-Haus in Berlin-Mitte versammelten sich am 25. Juni Schriftsteller, Maler und bildende Künstler, um den Erhalt des Künstlerhauses zu fordern.
In seltener Einigkeit sprachen sich inzwischen auch die Abgeordneten sämtlicher Landtagsfraktionen im Finanzausschuss für den Fortbestand des Künstlerhauses Wiepersdorf aus. Möglich machen sollen dies künftig Landesmittel in Höhe von 650000 bis zu 720000 Euro jährlich.
Auch Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) kündigte auf der Veranstaltung im Berliner Brecht-Haus generell eine Fortsetzung des Künstlerhauskonzepts an. Die Ministerin sagte, nach dem Abschluss der Restaurierung solle es mit dem Künstlerhaus in Wiepersdorf weitergehen. Die Ministerin legte allerdings noch kein neues Konzept für die Zeit nach der Sanierung vor. Angekündigt wurde immerhin, dass die Zeit der Renovierung intensiv genutzt werden soll, um ein Konzept zu entwickeln, damit ab 2020 wieder Stipendiaten im Schloss arbeiten können.
Als Eigentümer soll die Deutsche Stiftung Denkmalschutz offenbar weiterhin mit an Bord bleiben und sich um den Erhalt des Schlosses und des Gartens kümmern. Noch nicht abgeschlossen zu sein scheint die Suche nach einem künftigen Betreiber für das Künstlerhaus.
Ministerin Münch kündigte an, das Haus solle in Zukunft etwas professioneller aufgestellt arbeiten. Aus den Reihen ehemaliger und aktueller Stipendiaten war die Befürchtung geäußert worden, der Betrieb in Wiepersdorf könnte mit einem Wechsel des Betreibers nach der Neueröffnung stärker einer Kommerzialisierung unterworfen werden.    Norman Hanert


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Kommentare

Jan Lohgruber:
8.07.2018, 08:06 Uhr

Es freut mich sehr, wenn die durchweg links-bunten und staatskonformen Künstler einmal die Auswirkungen der Politik zu schmecken bekommen, die sie überall bejubeln.


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