Lieber Taliban als die USA
Pakistan nimmt zwar gern Dollar von Washington, unterstützt aber auch deren Gegner
„3000 Tote beim New Yorker Attentat, eine Million dagegen im Irak und 35000 in Pakistan“, die jüngste Umfrage der pakistanischen Zeitung „Dawn“ bringt es an den Tag: Viele Bürger Pakistans würden lieber eine Herrschaft der Taliban im Nachbarland Afghanistan sehen als die korrupte Regierung in Kabul. Pakistan wird somit immer mehr zum Risikofaktor für den Westen
In dem bevölkerungsreichen südasiatischen Staat brodelt es unter der Oberfläche. Das Militär muckt gegen die Regierung auf. Die einzige islamische Atommacht der weltweit ersten Islamischen Republik wird allen Beteuerungen Islamabads zum Trotz mehr und mehr zum Risikofaktor für die westliche Welt. Und hinter den Kulissen mischen die Chinesen bereits mit und decken Pakistan gewissermaßen als Schutzmacht gegen einen Eingriff Amerikas.
Was vielen einfachen Muslimen als Kampf der westlichen Mächte gegen den Islam verkauft worden ist, weicht bei den gehobenen Ständen der Erkenntnis, dass der Hunderte von Milliarden Dollar schwere Feldzug gegen den Terrorismus vor allem auch eine Schlacht um ökonomische Interessen ist: Ölfelder im Irak, Bodenschätze in Afghanistan, eine ins Auge gefasste Pipeline durch Pakistan. Niemand traut niemandem und einige Pakistanis fordern in Blogs bereits: „Yankee wach auf und geh nach Hause!“
In den USA und in Europa sorgte derweil ein bekannt gewordenes Papier für Empörung und schürte die Emotionen gegen das mehrheitlich muslimische Land. Demnach sollen Verhöre von 27000 gefangenen Taliban ergeben haben, dass die Regierung in Islamabad, speziell der Geheimdienst ISI, die Sicherheitskräfte und das Militär insgeheim und entgegen der Waffenbrüderschaft mit den USA die radikalen Gottes-kämpfer selbst bei Attentaten unterstützt haben sollen und die ungeschlagenen Taliban sich längst auf eine erneute Regierungsübernahme in Kabul vorbereiten. Durch Enthaltsamkeit bei den Attacken hätten sie derzeit den trügerischen Eindruck erschaffen, die fremden Truppen hätten in Afghanistan Erfolge erzielt und könnten abgezogen werden. Und eine solche Entscheidung verkündeten denn auch sowohl US-Amerikaner als auch Franzosen einvernehmlich für das Jahr 2013. Deutschland will seine Truppenstärke schrittweise zurückfahren.
Die eventuell richtige Erkenntnis einer Partnerschaft zwischen Taliban und ISI-Geheimdienst lässt zudem das jahrelang unentdeckte Versteck des Al-Kaida-Führers Osama bin Laden ausgerechnet in einer militärischen Hochburg in einem anderen Licht erscheinen. Und auch Al-Kaidas zweiter Mann, Ayman al-Zawahiri, soll sich in Pakistan aufhalten. Schließlich wurde der Arzt Shakil Afrisi, der das Versteck bin Ladens auskundschaftete, festgenommen und sieht einem Prozess wegen Landesverrats entgegen, anstatt dafür gefeiert zu werden, die Menschheit von einem Übel befreit zu haben.
Sicher ist, dass Pakistan durch Hunderte von Drohnenangriffen auf vermutete Rebellennester im Norden seines Staatsgebietes, die heimliche Tötung bin Ladens und Grenzübergriffe von Nato-Truppen, jeweils mit dem hohen Blutzoll ziviler Bürger, in seiner Ehre als souveräner Staat tief getroffen ist. Selbstherrlich haben sich die USA, wie so oft an anderen Schauplätzen in der Welt, auch hier über die nationale Würde hinweggesetzt.
Die janusköpfige Politik der Pakistanis wird für westliche Sicherheitskräfte immer offensichtlicher und es zeigt sich, dass die einst geschlossene Allianz brüchig ist: einerseits als Verbündete im Terrorkampf Milliarden an Dollar einzustreichen, anderseits aber unter der Decke über den Geheimdienst ISI Kontakte zu den Extremisten zu pflegen und ihnen sogar logistische Unterstützung zu gewähren. Joachim Feyerabend
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