Liebet eure Feinde – aber bitte nicht die AfD

Mit unversöhnlichem Hass reagieren die Kirchenoberen auf die neue Partei, dabei findet sie gerade unter Christen viele Anhänger

10.05.17
Priester aus totem Holz, sprachlos in christlichen Glaubensdingen, mit starrem Blick auf eine „naive Willkommenskultur“ Foto: pa

Der evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 24. bis 28. Mai ist keine Ausnahme: Die Vertreter der AfD werden weitgehend ausgegrenzt, die Partei als unchristlich verdammt. Nichts könnte falscher sein.

Jeder Event, jedes Festival hat seinen Star. Der Deutsche Evangelische Kirchentag auch. 2003, beim ökumenischen Großtreffen in Berlin, war es der Dalai Lama. In diesem Jahr, wieder in der Bundeshauptstadt und mitten im Luther-Gedenken, wird Barack Obama der Publikumsmagnet sein. Der ehemalige US-Präsident, Mitglied der United Church of Christ, will am 25. Mai am Brandenburger Tor mit Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutieren. Das eher profane Thema: „Engagiert Demokratie gestalten – Zuhause und in der Welt Verantwortung übernehmen.“
Das kommt längst nicht bei allen gut an. „Reine Politshow“, sagt der ZDF-Moderator und evangelikale Bestsellerautor Peter Hahne: „Warum spricht Obama nicht mit jungen Christen über Jesus, Glauben, Bibel, Luther?“ Die Antwort, das weiß der ehemalige EKD-Synodale Hahne nur zu gut, liegt auf der Hand: Weil sich in der zerklüfteten Kirche der Reformation weithin Sprachlosigkeit in Glaubensdingen ausgebreitet hat. Politik sticht Theologie aus. Wie sagte der damalige Ratsvorsitzende Manfred Kock 1998 auf der Synode im westfälischen Münster: „Wir trauen der christlichen Botschaft nicht zu, die Ohren und Herzen der Zeitgenossen zu erreichen und stürzen uns deshalb auf die aktuellen Fragen, von denen in der Öffentlichkeit die Rede ist.“ Es sei ein Irrglaube anzunehmen, die Kirche würde dadurch mehr Aufmerksamkeit erreichen.
Das sieht, von eher liberaler Warte her, Friedrich Wilhelm Graf ähnlich. Graf ist emeritierter evangelischer Theologieprofessor. Er hat über Jahrzehnte das öffentliche Gebaren von „Gottes Bodenpersonal“  verfolgt. Seine Beobachtungen
fasste er in einem Katalog von „Kardinal-Untugenden“ protestantischer und auch katholischer Amtsträger zusammen. Graf rügte den „autoritären, oft auch besserwisserischen Habitus, mit dem manche Bischöfe in den öffentlichen politischen Streit intervenieren“.
Als sein schmales Bändchen „Kirchendämmerung“ 2011 erschien, war noch nicht von der AfD die Rede. Doch lässt sich mit Grafs Befund haargenau die Selbstherrlichkeit belegen, mit der Repräsentanten der Amtskirchen der noch relativ jungen Partei begegnen. Zum 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg, einem Großereignis im Luther-Jahr unter dem etwas schlichten Motto „Du siehst mich“, bei dem etablierte Parteien in Gruppenstärke Schau laufen, hat man halbherzig und erst nach einigen verbalen Verrenkungen eine (!) AfD-Vertreterin zu einem Streitgespräch mit dem Berliner Bischof Markus Dröge eingeladen: Anette Schultner, Sprecherin der Bundesvereinigung „Christen in der AfD“.
Selbst gegen diese Mini-Vertretung regte sich Widerstand. Die Kirchentagsleitung wurde massenhaft mit Petitionen eingedeckt, die Zulassung wieder zurückzunehmen. Immerhin: Es bleibt dabei. Die Dame wird es freilich nicht leicht haben. Der geplante Disput ist Teil des, man staune, Schwerpunktprogramms „Reiz und Risiko von Verschwörungstheorien“ und „Wiederkehr des völkischen Denkens“.
Wie immer man zu dieser kleinen Lösung stehen mag: Die Protestanten machen etwas, was die katholischen Geschwister, genauer: die Leitung des 100. Deutschen Katholikentages 2016 in Leipzig abgelehnt hatte. Der kategorische Ausschluss der AfD von den Podien dieses Laientreffens wurde in der öffentlichen Wahrnehmung zur eigentlichen Botschaft aus der Messestadt an der Pleiße. Es hatte durchaus Warnungen vor einer „Ausschließeritis“ gegeben. Durchgesetzt hat sich aber dann das (was für ein martialisches Wort) Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Dabei war man, und das gilt für beide Konfessionen, stets stolz auf die „gesellschaftlichen Labore“, wie die großen Christentreffen genannt wurden. Es konnten neue, auch unbequeme, radikale Positionen diskutiert werden. In Leipzig hingegen blieben die Menschen mit der politisch korrekten Gesinnung unter sich. Das ging selbst dem Chef der Katholischen Nachrichten-Agentur, Ludwig Ring-Eifel gegen den Strich. Zweifelnd fragte er in seinem Kommentar „Ob das eine freie Gesellschaft weiterbringt?“
Der schroffe Umgang der ZdK-Spitze mit der AfD hat einen sachlichen Dis-kurs über die Flüchtlingsfrage verhindert. Beide Seiten verhedderten sich in Polemik. Von AfD-Seite wurde die Kirche als „Asylindustrieverband“, der das Gespräch mit der Partei wegen der Angst vor „Geschäftsschädigung“ ablehne, geschmäht. Die Bischofskonferenz antwortete: „Gequatsche“. Und während des jüngsten Bundesparteitages der AfD in Köln lud die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) zu Veranstaltungen unter dem anzüglichen Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“ ein. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kommentierte: „Kirchen sind weder Verfassungsschutz noch politische Parteien noch öffentliche Hygieneanstalten.“  
Das begreift die Basis besser als die Spitze: Es geht ein Riss durch die Kirchen. Die Herde folgt nicht unbedingt ihren Hirten. 15 Prozent der Katholiken würden der AfD ihre Stimme geben, hat das Erfurter Meinungsforschungsinstitut Insa herausgefunden. Am Umgang mit dem Asylproblem scheiden sich die Geister. Vielen als konservativ bezeichneten Christen stößt bitter auf, dass Kirchenleiter, was die Aufnahme von Asylbewerbern und Zuwanderern angeht, keinen Unterschied zwischen den Religionen und Konfessionen machen. „Sind wir schon soweit, dass wir aus Gründen der Politischen Korrektheit die Mahnung des Apostels Paulus vergessen haben?“, meldete sich im Internet ein katholischer Philosophieprofessor zu Wort. „Helft zuerst Euren Brüdern“, lautet die Forderung des Apostels.
 Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry, eine Protestantin, hat Anfang des Jahres in einem Streitgespräch mit dem rheinischen Präses Manfred Rakowski den Kirchen vorgehalten: „Wer für unsere Situation das Gleichnis vom barmherzigen Samariter heranzieht, vergewaltigt biblisches Wissen.“ Der Kirche gehe das Bewusstsein dafür verloren, dass Barmherzigkeit und Toleranz gegenüber Fremden nur möglich seien, wenn der Rechtsstaat funktioniere, also kein „Staatsversagen“ vorliege.
Die EKD schwingt die Keule gegen jeden, der Barmherzigkeit anders buchstabiert als die Apologeten einer naiven „Willkommenskultur“. In Einzelfällen mag das berechtigt sein. Wenn allerdings Kritik an der Zuwanderung und der Ruf nach einer „Willkommenskultur für einheimischen Nachwuchs“ pauschal als unchristlich verdammt werden, überdehnt die Kirche das von ihr reklamierte gesellschaftliche Wächteramt. Vor dem Kirchentag in Berlin und in der Lutherstadt Wittenberg lohnt sich ein Blick auf die politische Szene in Sachsen-Anhalt. Gottfried Backhaus ist Landtagsabgeordneter und Gründungsmitglied der „Christen in der AfD“. Die Kirchen, sagt er, agierten wie rot-grüne Arbeitskreise, sie grenzten Andersdenkende in ihren Gemeinden aus: „Man will gar nicht reden. Mir ist fast die Zeit zu schade, immer und immer wieder den Austausch zu suchen.“ Dabei ist seine Partei diejenige, die in jüngster Zeit „klare Kante“ in ethischen Fragen gezeigt hat.
Man muss sie ja nicht mögen, aber man sollte nicht darüber hinweg sehen: Entschiedener als andere, etwa SPD, Grüne und FDP, die selbstverständlich bei Kirchentagen gern gesehen sind, hat sich die AfD klar für den Lebensschutz eingesetzt. Sie bekennt sich zur Ehe als einer Verbindung von Mann und Frau, offen für Kinder. Sie tritt der – von der EKD gepflegten – modernistischen Gender-Ideologie, für die vor Jahren im hessischen Gelnhausen ein eigenes Studienzentrum eingerichtet worden war, entgegen. Zum Christentreffen in Berlin und Wittenberg hat die von Bischöf Dröge geleitete Evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz ein besonderes Event geplant: eine „Trauung für alle“. Auf der Facebookseite des Kirchentages beschrieb eine Teilnehmerin ihre Erwartungen: „Ich freue mich besonders auf die Trauung homosexueller Paare.“ Ein anderer Forumsteilnehmer konterte kurz und knapp: „Abscheulich, was dieser ‘Kirchentag’ hier veranstaltet.“     Gernot Facius


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Kommentare

Michel Müller:
23.05.2017, 13:28 Uhr

Will man Frieden auf der Welt,so
schafft alle Religionen ab!!


H. Schinkel:
21.05.2017, 00:37 Uhr

Jeder vernünftig denkende Mensch sollte und muss diesen "Kirchen" die Lebensgrundlage entziehen und aus der Kirche austreten. Eine Kirche die seine eigenen Schäfchen derart benachteiligt darf nicht subventioniert werden.


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