»Made in Berlin« – Auf der Spur genialer Erfindungen aus der Preußenmetropole

07.03.18

Der Herr auf dem Einband schaut grimmig und hat doch so gar keinen Grund dazu. Ist es ihm, Max Skladanowsky, doch gelungen, mit seinem Bruder Emil das Bioskop zu entwickeln, mit dem sie 1895 erste Filmsequenzen vor Publikum projizierten.
Auf den Spuren 30 genialer Erfindungen von der Gründerzeit bis zum Jahre 1940 nimmt die Historikerin Gaby Huch die Leser mit auf eine Reise in die Berliner Vergangenheit. In ihrem Buch „Geniale Erfindungen. Made in Berlin“ zeigt die langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dass sie genau weiß, wovon sie spricht, forscht sie doch seit einigen Jahren bereits zur Berliner und preußischen Geschichte. Schon der gelungene Einband macht neugierig. Da tummeln sich neben einer Borsig-Lok ein Zeigertelegraf und der eben erwähnte Filmapparat der Skladanowsky-Brüder. Blättert man im Werk, bleibt man sofort an einer Abbildung der elektrischen Straßenbahn der Firma Siemens und Halske hängen. Die Passagiere schauen freundlich und laden gewissermaßen den Betrachter zum Einsteigen  ein.
Es ist gleichgültig, mit welcher Geschichte man beginnt. Sie sind alle äußerst spannend und interessant, sei es die Gasbeleuchtung für Eisenbahnwagen, die Geschichte der Erbswurst, der Rhinoplastik oder der Blindenschreibmaschine. Ausnahmslos jede Beschreibung offenbart ein Stück Lebensgeschichte der betroffenen Personen und ist eng mit der Zeitgeschichte Deutschlands verbunden. Die Zeit war fast immer reif für das jeweilige Produkt. Sonst wäre es sicher nicht genau dann erfunden worden.
Die Litfaßsäule, die Thermos­kanne, der Blumenversand, der Fernseher, der erste Computer und vieles mehr. Wer weiß schon, dass der berühmte Geigerzähler eigentlich „Geiger-Müller-Zählrohr“ heißt und zunächst nach dem deutschen Physiker Johannes Wilhelm Geiger benannt wurde? Dieser entwickelte mit seinem Doktoranden Walter Müller seinen Geigerschen Spitzenzähler weiter. Das neue Elektronenzählrohr konnte neben Alpha- und Betastrahlung nun auch Gammastrahlung nachweisen.
Geradezu als Grundlage für ein Drehbuch erscheinen so manche hier aufgeführten Lebensgeschichten, wie die des Julius Fromm. 1883 östlich von Posen in Konin im jüdischen Viertel arm geboren, zogen die Eltern mit dem Zehnjährigen nach Berlin ins Scheunenviertel. Der Vater drehte Zigaretten zum Verkauf, Julius musste sie des Nachts in den Kneipen verkaufen. Wenn Zeit war, besuchte der Junge Chemiekurse. Nach dem Tod der Eltern versorgte er die Geschwister. Seine Erfindung eines dünnwandigen Kondoms aus Kautschuk war revolutionär und fand in der Zeit des Ersten Weltkrieges und der folgenden wilden 20er Jahre reißenden Absatz. Doch er lebte in dunklen Zeiten. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und die Judenverfolgung brachten Leib und Leben in Gefahr. Seine „Fromms Act Gummiwerke GmbH“ musste er für einen Spottpreis an die Patentante Görings verkaufen.
Begleitet von ausdrucksstarken Abbildungen und Fotos kann der Leser Zeitgeschichte beinahe hautnah erleben. Ein aufschlussreiches, spannendes und oft sehr nahegehendes Lesevergnügen. S. Friedrich

Gaby Huch: „Geniale Erfindungen. Made in Berlin“, Elsengold Verlag, Berlin 2017, gebunden, 128 Seiten, 19,95 Euro


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