Mathematische Analphabeten

Universitätsprofessoren bemängeln fehlende Mathematikkenntnisse bei Abiturienten

14.04.17
Wird wohl auch nichts: Abiturienten protestieren gegen angeblich zu schwere Mathe-Aufgaben im Zentralabitur Bild: pa

Während der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, in seinem neuen Buch beklagt, wie die Bildungsnation Deutschland durch eine unsinnige Wohlfühl-Pädagogik „an die Wand gefahren“ wird, hauen 130 Universitätsprofessoren und Gymnasiallehrer in dieselbe Kerbe und bemängeln die mangelhaften Mathematikkenntnisse der Abiturienten.

Der Inhalt des offenen Brandbriefs, der unter anderem an die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann, und Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (beide CDU) adressiert war, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Weil der Mathematik-Schulstoff immer mehr ausgedünnt worden sei, hätten die Wissensdefizite der Studienanfänger in den Wirtschafts-, Ingenieur- und Naturwissenschaften extrem zugenommen. Den Abiturienten ermangele es teilweise sogar an Kenntnissen bezüglich des Stoffs der Mittelstufe – das betreffe beispielsweise die Bruch- und Wurzelrechnung sowie die Elementargeometrie. Deshalb müsse man an den Universitäten „mathematische Alphabetisierungsprogramme“ starten. Schuld an der Misere, so die Unterzeichner des Schreibens, seien neue, völlig ungeeignete pädagogische Konzepte. Der Stoff werde jetzt „nur noch oberflächlich vermittelt“, also „häppchenweise angeboten“ und nicht ausreichend vernetzt: Aushöhlung, Entfachlichung, Entkernung des Mathematikunterrichtes seien das Resultat. Deshalb fordern die Professoren und Lehrer die Verantwortlichen auf, in ihrem jeweiligen Einflussbereich dafür Sorge zu tragen, dass „Deutschlands Schulen wieder zu einer an fachlichen Inhalten orientierten Mathematikausbildung zurückkehren können.“
Letzter Auslöser für diese Initiative war ein handfester bildungspolitischer Skandal in Hamburg. Der Notendurchschnitt der dortigen Schüler beim ersten Test zur Vorbereitung des Einsatzes bundeseinheitlicher Mathematik-Abituraufgaben lag im Dezember 2016 bei einer miserablen 4,1. Gut die Hälfte der 3201 Probanden kassierte Vieren, Fünfen oder Sechsen. Daraufhin ordnete Bildungssenator Ties Rabe (SPD) kurzerhand an, alle Ergebnisse um eine Note anzuheben – nicht zuletzt mit der Begründung, in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern habe man früher doch ganz ähnliche „Korrekturen“ vorgenommen.
Allerdings dominieren trotz des alarmierenden Ergebnisses von Hamburg sowie des nachfolgenden Warnrufs der 130 Professoren und Lehrer immer noch die Stimmen, welche alles schönzureden versuchen. Regelrecht dreist fiel dabei die Reaktion von Kristina Reiss aus, also der Leiterin des deutschen Teils der Pisa-Studie, in deren Rahmen die Schulleistungen in verschiedenen Ländern miteinander verglichen werden: „Es ist ein fundamentales Missverständnis, dass die Schule die Schüler studierfähig abzuliefern hat.“ Anders, aber ebenso bizarr, kam die Stellungnahme von Kultusministerkonferenzpräsidentin Eisenmann daher, welche zugleich auch als CDU-Bildungsministerin von Baden-Württemberg fungiert: „Ziel des Abiturs ist die Hochschulreife – und nicht das Niveau zum Ende eines Mathe-Studiums. Es ist eine Frage des Anspruchs.“ Da rätseln natürlich nun viele Experten, wozu das deutsche Abitur sonst gut sein soll, wenn nicht als Eintrittskarte für die Hochschule. Und ob man tatsächlich erst jahrelang Mathematik studieren muss, um einfache Aufgaben zu bewältigen.
Eigentlich wäre angesichts dieser Aussagen ein Sturm der Entrüstung fällig, doch statt dessen veröffentlichten 50 andere Professoren und Dozenten mit zumeist erziehungswissenschaftlichem Hintergrund eine „Stellungnahme“, in der sie abwiegelten, die Schüler in Deutschland stünden doch im internationalen Vergleich immer noch recht gut da.
Ungeachtet dieser Beschwichtigungsversuche fordern Teile der Opposition in der Hamburgischen Bürgerschaft politische Konsequenzen von Rabe. Dabei verweist die AfD-Fraktion im Landesparlament auf die grundsätzlich falschen Prämissen der heutigen Pädagogik, die letztlich für den „Mathe-Schock“ verantwortlich sei. Sie stelle „zu einseitig auf Lob und Bestärkung ab, anstatt gerade auch Eigenschaften wie Disziplin, Fleiß und Leistungsbereitschaft von den Schülern einzufordern“. Dahingegen verlangen die Hamburger Linken Betreuungsmaßnahmen für die Schüler, die an dem Test teilgenommen haben, um deren ramponiertes Selbstvertrauen wieder aufzupäppeln.
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Ulrich Jäger:
21.04.2017, 18:58 Uhr

Wer über " ...das volkstümliche Element in den deutschen Predigten des Geiler von Kaysersberg“ promoviert, hat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit am Gymnasium weder Mathematik noch die naturwissenschaftlichen Fächer als Leistungskurse belegt und ist sicher auch in seinem Studium der Politik???schaften nicht mit mathematischen Problemen konfrontiert worden, die über den Dreisatz hinausgingen. Daraus aber abzuleiten, dass zu einem Vollabitur als allgemeiner Hochschulreife ein Mathestudium gehört, zeugt nur davon, dass frau keine Ahnung von letzterem hat. Wenn so etwas Kultusminister ist, brauchen wir uns um den Stellenwert von MINT keine Sorgen mehr zu machen. Da sind wir wieder im Zeitalter der Scholastik angekommen.


E. Meritus:
15.04.2017, 18:33 Uhr

Wie auf der Titanic muß auch hier jeder selbst zusehen, wie und auf welche Weise er sich die Dinge beibringt und wie er das macht. Wer nur Ausreden sucht und dabei auf andere zeigt, hat schon verloren, bevor er den Finger ausgestreckt hat. Das verstehen leider nur wenige. Praktisch jeder sucht heute Ausreden wie "keine Zeit", "Aufgabe des Staates/ Lehrers" etc. Das stimmt ebenso, wie es stimmt, daß es Aufgabe einer Rederei ist dafür zu sorgen, daß ein Schiff nicht sinkt. Beim Schiff folgt die Strafe der Ignoranz sofort. Deshalb verläßt jeder den Speisesaal, sobald es gekracht hat und versucht, sich zu retten. Beim Lernen kommt für Eltern und Kinder die Strafe aber erst viel später.

Alle Aufsteiger-Länder schaffen es einzig und allein durch die MINT-Wissenschaften, die man dort hochhält: In China verlassen mehrere Millionen Ingenieure Jahr für Jahr die Hochschulen. Will man umgekehrt einem Land massiv schaden, empfiehlt und fördert man Schwätzer-Fächer, macht MINT klein, unwichtig oder verächtlich und verkündet, daß die "anderen Dinge" auch sehr sehr wichtig seien, obwohl sie unter schwierigen Bedingungen irrelevant sind: Natürlich kann man auf der Titanic auch dann noch Klavier und Theater spielen, wenn das Schiff schon 45 Grad Schlagseite hat. Über diejenigen, die dort dann weiterklimpern und Theater machen, schlagen aber stets die Wellen der Geschichte zusammen, viel seltener hingegen über denjenigen, die substantielles Wissen mitbringen und die damit real zum BSP beizutragen bereit sind.


Karl Brenner:
14.04.2017, 09:31 Uhr

Auch den Schülern und vielen angewiderten Lehrern sind von den realitätsfernen Vorgaben von Oben satt.

Wie die Inhalte (z.B. Gender-Unsinn), so sind auch die Unterrichtsmethoden (z.B. Stationenlernen für das Gauss-verfahren) ein Baustein im gewollten Niedergang der Bildung und folgend deutscher Wirtschaftsstärke.

Man sieht: Der Fisch stinkt vom Kopfe her-


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