Mehr als ein innerarabischer Streit

Wie Katar Saudi-Arabien, die USA und deren Verbündete in der Region gegen sich aufgebracht hat

19.06.17
Die gemeinsame Ausbeutung eines der weltweit größten Gasfelder hat zu einer Zusammenarbeit Katars mit dem Iran geführt, die dem Emirat viele übel nehmen: Das South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf zwischen der Arabischen Halbinsel und der Islamischen Republik Bild: Imago

Das ist ein Paukenschlag, selbst im Vorderen Orient, der immer für eine Überraschung gut ist. Während die christliche Welt den Pfingstmontag begann, beendeten die Golfstaaten Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre diplomatischen Beziehungen zum Nachbarn Katar.

Kurz darauf schlossen sich Ägypten und das, was von Libyen noch übrig ist, dieser Demarche an. Schließlich folgte noch die Regierung des Jemen, in dem Saudi-Arabien Krieg führt, dem Boykott. Zur exotischen Ergänzung haben schließlich auch die Malediven ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. Mit einem Schwergewicht wie Saudi-Arabien will man sich schließlich gutstellen.
Mit dem diplomatischen Affront ist es aber noch nicht getan. Zudem wurden alle Katarer, die sich in den benachbarten arabischen Ländern aufhalten, aufgefordert, binnen zweier Wochen in ihren Heimatstaat zurückzukehren. Als erster Staat schloss Ägypten alle Seehäfen und Flugplätze für Schiffe und Flugzeuge aus Katar. Dann unterbanden Saudi-Arabien und Ägypten jeglichen Reiseverkehr mit Katar, sei es zu Lande, zu Wasser oder in der Luft. Kurz darauf haben verschiedene arabische Luftlinien ihre Flüge nach der katarischen Hauptstadt Dohar eingestellt. Laut Reuters haben die Fluggesellschaften Emirates, Etihad Airways, Saudia, Gulf Air und Egypt Air ihre Flüge nach Katar abgesagt. Umgekehrt kündigte bereits die katarische Fluglinie Qatar Airways an, ihre Flüge nach Saudi-Arabien einzustellen.
Wie der Sender al-Arabiya mitteilte, wurden alle Grenzen zu dem Land geschlossen, das eine ausgesetzte Halbinsel mit einer einzigen Grenze zu Saudi-Arabien darstellt. Umgehend reagierte die Börse in Dohar auf diese Entwick­lung. Im Laufe der ersten Stunde nach Öffnung kam es zu einem Kurzsturz von 7,6 Prozent.
Als Begründung für diese Maßnahmen führten die beteiligten Regierungen an, Doha unterstütze Terrororganisationen wie al-Kaida und den Islamischen Staat oder auch die Muslimbruderschaft. Diese Erkenntnis ist so neu wie die, dass auch in Arabien die Sonne im Osten aufgeht. Zudem hätten die Katarer Mühe, für die radikalen Moslems auch nur annähernd so viel Geld aufzubringen, wie es die Saudis ständig und seit Jahren tun. Dieser Vorwurf und die Szenerie, wonach man in Riad und anderswo erst kürzlich von den Finanzströmen zu den radikalen Moslems erfahren hätte, sind derart lächerlich, dass sie umso mehr zur Ausleuchtung des tatsächlichen Hintergrunds herausfordern.
Dass die offizielle Erklärung mit der Finanzierung der radikalen Moslems ein frecher Humbug ist, wissen auch ihre Urheber. Etwas ganz anderes wollen sie damit verschleiern. Im Persischen Golf, zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Iran, liegt das South-Pars-Gasfeld (South Pars Gas-Condensate field), das inklusive des Nord-Felds (North Dome Field) das größte bisher entdeckte Gasfeld der Welt, das nicht Teil einer Erdöllagerstätte ist. Die Ausbeutung teilen sich seit geraumer Zeit Katar und der Iran, weil sich das Lager in die Hoheitsgebiete beider Länder erstreckt.
Nun kann man derlei Geschäfte auf zweierlei Arten abwickeln, entweder im Streit, worunter beide Seiten leiden, oder aber schiedlich, was beiden nützt. Wie es scheint, haben sich Katar und der Iran auf die letztere Art verstanden und auf diese Weise eine doppelte Grenze überwunden: die zwischen der islamischen Sunna, deren Hüter Saudi-Arabien ist, und der Schia, deren stärkste Macht der Iran darstellt, den beiden verfeindeten Konfessionen des Islam, und, was nicht weniger schwer wiegt, den historischen und vor allem auch kulturell begründeten Abgrund zwischen den Arabern und den Persern.
Auf solche Weise hat sich Katar ins arabische Abseits manövriert. Erst dieser Tage, Ende Mai, verkündete die katarische staatliche Nachrichtenagentur, der Herrscher, Emir Tamim bin Hamd al Thani, habe die Nachbarländer getadelt und gleichzeitig den benachbarten Iran als ein Land gelobt, das zur Stabilität der Region beitrage. Das allein schon hätte auch ohne Erdgas für ein Zerwürfnis ausgereicht.
Was auf den ersten, oberflächlichen Blick wie ein innerarabischer Streit aussieht, gewinnt dadurch eine überregionale Bedeutung, dass in dem Gefüge um das South-Pars-Gasfeld auch die US-Multis Exxon und Total anzutreffen sind. Schon jetzt beeinflussen die Erdgasvorkommen in der Golfregion die internationale Politik auf erhebliche Weise. Es liegt nämlich im Interesse der US-amerikanischen Energieriesen, Erdgas von dort über Rohrleitungen in die Türkei zu transportieren, um es von dort in Europa zu verkaufen. Neben dem wirtschaftlichen Gewinn wäre damit für Washington ein weiterer, strategischer Vorteil verbunden, nämlich der, dass man auf diese Weise die Möglichkeiten Russlands, in Europa Erdgas zu verkaufen, verringern und somit dem Gegner eine erheblichen Schaden zufügen könnte. Diesem Plan steht allerdings bis zum heutigen Tage der syrische Präsident Baschar al-Assad entgegen, durch dessen Land eine solche Pipeline geführt werden müsste. Jetzt haben die USA mit Katar einen neuen Gegner.    Florian Stumfall


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Kommentare

Otto Prantl:
19.06.2017, 14:33 Uhr

Manchmal sind die Zusammenhänge, abgesehen von den Erwähnten, recht einfach zu verstehen.
Zeige mir den Geldfluß und ich verstehe die Zusammenhänge besser.
Die Saudis sind pleite, sie brauchen Geld.
Eine "Übernahme" von Katar wäre da doch sehr hilfreich.
Dummerweise liefern die USA an beide Feindstaaten Waffen, das macht das Ganze etwas kompliziert.
Diplomatie scheidet aus, da bei allen Beteiligten die Dipomatenauswahl eine reine Günstlingswirtschaft ist, was deren Fähigkeiten doch erheblich reduziert.
Konsequenz, ........


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