Meistersänger vor Gericht

Bayreuther Festspiele werden zur Festung – Nach Sicherheitskontrollen folgt der Kriegsverbrecherprozess

06.09.17
Meistersänger vorm Kriegsverbrechergericht: Michael Volle als Hans Sachs Bild: Bayreuther Festspiele

„Die Meistersinger von Nürnberg“ feierten in diesem Jahr bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth Premiere – unter der Regie von Barrie Kosky, dirigiert von Philippe Jordan. Und noch etwas war neu: Nach den Terroranschlägen in München, Würzburg und Ansbach im Juli 2016 hatten die Veranstalter ein strenges Sicherheitskonzept erarbeitet.

Das Festspielgelände ist abgesperrt. An jedem Eingang stehen Polizisten, die die Damen bitten, das Innere ihrer Handtaschen zu zeigen. Wenn diese größer als DIN-A4 sind, müssen sie in der Aufbewahrungsstelle abgegeben werden. Doppelt genäht hält besser: Man prüft die Festspielkarten sowohl am Haupteingang als auch an den Zuschauerraumtüren.
Die verschärften Kontrollen bekommen auch die Künstler und die anderen Mitwirkenden zu spüren. Zwar sind schon alle Teilnehmer seit sieben Jahren verpflichtet, einen Anhänger mit ihrem Namen zu tragen. Jetzt werden sie aber auch im Theatergebäude kontrolliert. Die Sänger und Dirigenten haben Verständnis für die Notwendigkeit, sich so oft ausweisen zu müssen – obwohl sie die Übereifrigkeit der Polizisten manchmal nervig finden. Es ist schwer vorstellbar, dass es bei einer elitären Veranstaltung wie den Bayreuther Festspielen einen Terrorangriff geben könnte.
Was die musikalische Seite der Festivals betrifft, gibt es hingegen nichts einzuwenden. Besonders das Orchester und der Chor zeigen ein hohes musikalisches Niveau. Genau wie in den vorherigen Jahren wurden in dieser Saison alle Dirigenten mit großem Beifall belohnt. Bei der „Meistersinger“-Premiere begeisterte Mi­chael Volle das Publikum in der Rolle des Hans Sachs.
In dieser Saison waren zudem auch „Der Ring des Nibelungen“ (Premiere 2013), „Tristan und Isolde“ (2015) und „Parsifal“ (2016) zu sehen. Als Begleitprogramm organisierte die Festspielleitung in der Villa Wahnfried ein Symposium zum unvermeidlichen Dauerthema „Wagners Werk und der Nationalsozialismus“: Deutsche, österreichische und US-Wissenschaftler diskutierten da­rin über die Wirkung der Werke Wagners und seiner Schriften (besonders „Das Judenthum in der Musik“) auf das NS-Regime. Das Thema war mit Koskys Neuinszenierung versippt. Dem Trend der Zeit gehorchend, bellt er beflissen dem Publikum hinterher, dass Nürnberg nicht nur die Heimatstadt der Meistersinger war, sondern auch der Ort, wo später die Rassengesetze entstanden und die Kriegsverbre­cherprozesse stattfanden.
„Die Meistersinger von Nürnberg“ indes wurden von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda vereinnahmt, wofür Wagner jetzt posthum vom Kriegsverbrechergericht verurteilt wird. Sixtus Beckmesser wurde schon damals gerne als Karikatur eines Juden dargestellt, obwohl Wagner selbst nie so etwas vorschlug. Tatsächlich warf der Komponist aber jüdischen Musikern „künstlerische Unproduktivität“ vor, was zu Beckmesser passen könnte. Er singt nämlich ein Lied von Hans Sachs während des Wettbewerbs vor, ohne dessen Botschaft verstanden zu haben, und blamiert sich. Regisseur Kosky, seines Zeichens Australier mit jüdischen Wurzeln, versucht mit dieser Interpretation abzurechnen. In der Prügelszene am Ende des zweiten Aufzugs, die im Gerichtsaal spielt, wird Beck­messer (Johannes Martin Kränzle) eine karikierende Judenmaske aufgesetzt. Parallel steigt aus dem Zeugenstand ein monströser Ballonkopf von gleicher Gestalt. Nach dieser Szene waren im Pub­likum, neben gewaltigem Ap­plaus, einzelne Buhrufe zu hören. Alle Diskussionen führten aber zu dem gleichen Schluss wie früher: Wagner war Antisemit, es gibt jedoch keine direkte Linie von seinen Werken nach Auschwitz.
Von Katharina Wagner stammt die Idee, auch den jüngsten Zuschauern die Opern des Komponisten näherzubringen. Seit 2009 beauftragt sie die eigens gegründete Agentur BF-Medien mit der Vorbereitung einer Wagner-Oper für Kinder, die während der Festspiele auf einer der Probebühnen aufgeführt wird. Die Opern werden dazu auf 60 bis 80 Minuten gekürzt, was sogar bei dem „Ring des Nibelungen“ (2011) gelang. Die wichtigsten Motive der Musik bleiben, auch einige Dialoge werden eingebaut. Am Ende ähnelt die Inszenierung eher einem Musical, was bisher sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern sehr gut ankam.
In diesem Jahr war „Tannhäuser“ für Kinder dran, inszeniert von Zsófia Gerèb. Sie besetzte einige Solisten, die auch im Festspielhaus singen. Es spielte ein Kammerorchester von etwa 30 Musikern unter der Leitung von Boris Schäfer. Schade war nur, dass man, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen, auf den Chor verzichtet hat. Die Chorstücke in Wagners Opern sind echte Perlen, die zumindest von einem kleinen Ensemble aufgeführt werden sollten.
Das Festspielhaus ist bei jeder Aufführung bis auf den letzten Platz gefüllt. Draußen sieht man oft einzelne Personen, die ein „Suche Karte“-Schild hochhalten. Manchmal gelingt es, so noch ein Ticket zu ergattern, natürlich zum erhöhten Preis. Auf dem Internet-Schwarzmarkt, zum Beispiel auf Ebay, sind die Karten oft zwei- bis dreimal so teuer. Aber es gibt immer jemanden, der um jeden Preis in Wagners „Tempel der Musik“ eintreten möchte, um zumindest einen einzelnen Akt einer der Opern zu sehen.
Die Bayreuther müssen rund zehn Jahre lang warten, bis sie ein Ticket kaufen können. 2010 lenkte die Festspielleitung ein und lädt seitdem die Gäste zu Generalproben ein. Alle anderen können sich die Premiere live im Kino ansehen. Das war in diesem Jahr für 39 Euro zu haben. Manche Menschen sind mit dieser Lösung zufrieden, denn im Kino kann man bequemer sitzen als auf den Holzstühlen im Festspielhaus. Und es ist nicht so eng und schwül wie im nicht klimatisierten Theater aus dem 19. Jahrhundert. Dafür hält sich eisern die Ansicht, nur im Festspielhaus mit seinen speziellen akustischen Be­dingungen könne man Wagners Musik am besten hören. Dem sollte man mal was husten, was während der Premiere oft genug geschah!    Jolanta Lada-Zielke


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Kommentare

Jürgen Umfahr:
19.09.2017, 22:07 Uhr

Barrie Kosky stürzt sich (wie schon viele seines Schlages) ganz bewusst auf DIE "Nationaloper" der Deutschen ("...ehrt eure deutschen Meister und die deutsche Kunst..."), um diese zu dekonstruieren, zu verfremden, zu profanieren, zu verhöhnen, ins Anrüchige zu zerren.
Dies in einer Zeit, in der Deutschland und die deutsche Kultur ohnehin um ihr Überleben ringen!


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