Nicht »auf dem rechten Auge blind«

Wie die Preußische Politische Polizei in der Weimarer Zeit die SS beobachtete

30.09.11
SS in Berlin: Bevor sie Teil der Staatsmacht wurde, war sie Objekt staatlicher Beobachtung. Bild: pa

Oft wird behauptet, die Weimarer Republik sei „auf dem rechten Auge blind gewesen“. Doch war die Preußische Polizei, insbesondere aber die Politische Polizei, gemäß den überlieferten Überwachungsakten effektiver als ihr Ruf.

Nicht nur linksradikale Organisationen wie den „Roten Frontkämpferbund“ forschte man durch Spitzel aus und überwachte sie, auch die „Schutzstaffel der NSDAP“ (SS) wurde seit ihrer Gründung als Sonderorganisation der Partei zum persönlichen Schutz Adolf Hitlers am 4. April 1925 zuverlässig unter Kontrolle gehalten. Dies gelang, obwohl die SS eigentlich aus den zuverlässigsten NSDAP-Mitgliedern bestehen und den Kern der künftigen Polizei nach der geplanten nationalsozialistischen Machtergreifung bilden sollte.
Als aus dem „Völkischen Beobachter“ vom 29. Januar 1926 hervorging, dass die NSDAP eigene „Schutzstaffeln“ aufstellte, wurde die neue nationalsozialistische Organisation deshalb vom preußischen Innenminister Carl Severing (SPD) allen preußischen Oberpräsidenten in ihren jeweiligen Provinzen „zur besonderen Aufmerksamkeit“ empfohlen. Mit Terminstellung bis 1. April 1926 wurden die Oberpräsidenten ausdrücklich aufgefordert, über etwaige „bemerkenswerte Feststellungen“ zu berichten.
Obwohl der für organisatorische Fragen zuständige, damalige stellvertretende „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler in München großen Wert auf Geheimhaltung legte, gelang es dem rührigen Polizeikommissar Schiwy von der Politischen Polizei der oberschlesischen Stadt Gleiwitz blitzschnell, einen zuverlässigen Informanten in der Person des Chauffeurs Jakob Wilczek zu finden, der von Himmler als Chef der Gleiwitzer SS eingesetzt war und alle geheimen Anweisungen, Befehle und Rundschreiben unverzüglich im Original oder in Abschrift an die Polizei weiterleitete. Folglich lagen Personal, Strukturen, innere Organisation sowie die tagesaktuellen Aufgaben der SS ab dem Moment ihrer deutschlandweiten Ausbreitung wie ein offenes Buch vor den Augen der verantwortlichen hohen Provinzialbeamten und des fachlich zuständigen preußischen Innenministeriums in Berlin.
Wenn in den nächsten sieben Jahren eine wirksame Bekämpfung der sich rapide ausbreitenden SS in Preußen nicht gelang, war dies nicht das Verschulden der Preußischen Politischen Polizei, sondern viel eher der innenpolitischen Situation in Deutschland, vor allem aber der mangelhaften Arbeit der verantwortlichen preußischen Politiker und Minister geschuldet. So verstopfte der neue preußische Innenminister Albert Grzesinski (SPD) bereits Ende 1927 durch Unachtsamkeit beinahe jene in Gleiwitz so munter sprudelnde Innenquelle in der SS, indem er ohne Rück­sicht auf Quellenschutz die erlangten Geheimdokumente zum Gebrauch der Behörden massenhaft vervielfältigen ließ. Obwohl es Wilczeck damals gelang, sich für jenen angeblichen Dokumentenverlust gegenüber Heinrich Himmler, der Anfang 1929 anstelle des wenig engagierten Erhard Heiden zum „Reichsführer-SS“ avancierte, zu rechtfertigen, wurde er im Frühjahr 1929 schließlich als Polizeispitzel enttarnt und aus der SS ausgestoßen.
Doch mittlerweile war die Politische Polizei auch in anderen preußischen Provinzen rege gewesen und hatte dort eigene Informanten in der SS gewonnen, die über die Interna der SS zuverlässig berichteten. Besonders erfolgreich war man bei der Politischen Polizei des Polizeipräsidiums Köln. Der Kölner Polizeipräsident Bauknecht konnte schon im Juni 1928 über die argen Zwistigkeiten zwischen der rheinländischen SS und SA berichten. Diese Zwistigkeiten zogen sich auch weiterhin durch die Berichterstattung über die SS. Letztendlich wurde dieses Problem am 30. Juni 1934 in einer blutigen Abrechnung zu Gunsten der SS entschieden. Zu einer wirksamen politischen Bekämpfung des Nationalsozialismus vor 1933 hätte sich die Ausnutzung jener intern erlangten Kenntnisse über die gravierende Feindschaft von SA und SS geradezu empfohlen. Sie erfolgte trotzdem nicht.
So verblieb der Preußischen Politischen Polizei nur die Möglichkeit, dem Innenminister weiterhin über das ab 1930 geradezu explosionsartige personelle Anschwellen der SS und deren interne Bewaffnung allmonatlich zu berichten und sich über den „Abwehrdienst“ zu ärgern, den die SS im Rheinland ab 1930 aufzog. Aufgabe des „Abwehrdienstes“ war die Überwachung aller erkannten Beamten der Politischen Polizei des Polizeipräsidiums Köln, um auf die Spur der Polizeispitzel in den eigenen Reihen zu bekommen. Jürgen W. Schmidt


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