Normen bringen Ordnung ins Chaos

Seit 100 Jahre prägen DIN-Angaben verbindlich unseren Alltag

26.02.18
Am DIN-Platz in Berlin-Tiergarten: Sitz des Deutschen Instituts für Normung Bild: Standardizer/CF

Ordnung muss sein. Anders funktioniert der Alltag in der organisierten Welt nicht. Seit 100 Jahren setzt das Deutsche Institut für Normung (DIN) die Maßstäbe. Die erste verbindliche DIN-Norm wurde am 1. März 1918 veröffentlicht.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Inzwischen wurden 34000 DIN-Normen festgelegt. Pro Jahr veröffentlicht das Institut, das in Berlin seinen Sitz hat, 2000 neue oder überarbeitete Normen. 30 Prozent aller in Europa verbindlich geltenden Größenfestlegungen werden in Berlin entwickelt. Daran sollte man sich halten, anderenfalls gibt es Probleme. Das mussten jüngst die Bauherren der gefeierten Hamburger Elbphilharmonie schmerzhaft erfahren. Über 1000 Treppenstufen führen zu den Plätzen für das Publikum. Gleich nach der Eröffnung häuften sich Stürze und Verletzungen auf diesen Treppen. Die Ursache war bald ermittelt: Das Schrittmaß änderte sich von Stufe zu Stufe. Die Besucher kamen aus dem Tritt. Die Standards waren nicht eingehalten worden, das kam teuer.
Dabei trugen die Besucher doch genormte Schuhe. Denn das wird nicht dem Zufall überlassen. Für Schuhe gibt es drei Standards: „Schuhgrößen“, „Längsstufung“, „Weitenstufung“. So weiß man, was gemeint ist, wenn man beim Schuhkauf einfach nur eine Größe angibt.
Genau das war das Ziel, als der „Normenausschuss der deutschen Industrie“ im Dezember 1917 gegründet wurde. 1926 erhielt das Institut einen neuen Namen, es hieß fortan „Deutscher Normenausschuß“. Die Namensänderung war notwendig geworden, weil sich das Ordnungssystem nicht mehr allein auf die Industrie beschränkte. Der heutige Name, „DIN Deutsches Institut für Normung e.V.“ wurde 1975 eingeführt, als ein Normenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Institut abgeschlossen wurde.
Die 450 Mitarbeiter in Berlin erlassen die Normen naheliegenderweise nicht nach eigenem Gutdünken. Ihnen zur Seite stehen 32000 Experten aus Wirtschaft und Forschung, von den Verbraucherverbänden oder aus dem öffentlichen Dienst. Die Standards werden nicht verordnet. Sie müssen angefordert werden, von der Wirtschaft oder den Verbrauchern. Gelegentlich sind bis zu drei Jahre notwendig, um eine Norm zu entwickeln, dann kann die Akte schon mal 300 Seiten umfassen. Jede einmal erlassene Norm ist eine Empfehlung, sie kann angewendet werden, muss es aber nicht.
Die allgemein bekannteste DIN-Norm ist DIN A4. Sie legt das Format für ein bestimmtes Blatt Papier fest. DIN 476 gibt das Maß an, damit das Blatt in ein Briefkuvert, in einen Drucker oder Hefter passt. Bereits 1922 veröffentlicht, ist DIN A4 heute ein Klassiker. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese DIN-Norm die alltäglichste ist. Nicht jeder schreibt jeden Tag einen Brief. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Mehrheit sich wenigstens einmal am Tag die Zähne putzt. Und so fängt es schon am frühen Morgen mit den Normen an. Der internationale Standard DIN CEN ISO 20126 garantiert, dass die einzelnen Borsten einer Zahnbürste auf der Bürste bleiben und nicht versehentlich ver­schluckt werden können. Überwiegend jedoch geht es sehr viel spezieller zu. Das ist an der ältesten Norm zu erkennen, die bis in die Gegenwart ihre Gültigkeit behielt. Die DIN 1289 beschäftigt sich mit dem „Feuergeschränk für Kachelöfen; Fülltür für Füllfeuerung“. Sie kam 1928 heraus. Ob alltäglich oder speziell, es gibt nahezu keinen Bereich, der nicht durch Normen geregelt ist, von der Schraube bis zur Leiter, vom Kegelstift bis zum Babyschnuller.
Nur noch 15 Prozent aller Normen haben ihre Gültigkeit allein in Deutschland. Zunehmend werden internationale und europäische Normen übernommen. Nur so kann gesichert werden, dass die in einem asiatischen Hafen an Bord genommenen Container auch auf das Schiff aus Deutschland passen, dass sie, in Hamburg angekommen, auf die Güterzüge verladen werden können. Oder dass bei einer Fahrt ins Ausland der richtige Sprit in den Tank fließt. Weltweit 147 Staaten haben sich dem Regelwerk angeschlossen. Ohne die Normen ist der Welthandel nicht mehr vorstellbar. Und so ist es erklärbar, dass heute 85 Prozent aller Normprojekte, die in Deutschland übernommen werden, einen internationalen oder europäischen Hintergrund haben. Sie sichern eine gemeinsame technische Sprache. Dabei vertritt das Deutsche Institut für Normung (DIN) die deutschen Interessen beim Europäischen Komitee für Normung (CEN) und bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO). Darum steht das Zeichen DIN mit der entsprechenden Kennnummer nur noch selten allein, häufiger ist es mit den Kürzeln CEN oder ISO verbunden, wie eben bei DIN CEN ISO 20126.
Das jüngste Projekt des Instituts ist in die Zukunft gerichtet. Es trägt den Titel „Offene urbane Plattformen“. Damit verbunden sind die kommenden Megatrends, zu denen die Stichworte Smartcitys, Industrie 4.0 und Green Mobility gehören. Etwas schlichter ausgedrückt: Damit soll die Infrastruktur der Städte und die Grundversorgung der Menschen gesichert werden. So werden heute bereits Daten in großem Umfang gesammelt. Da wird der Verkehrsfluss gemessen, die Feinstaubbelastung ermittelt, Temperatur und Wasserdruck registriert. Das alles fließt zusammen in technischen Daten, die Unternehmen eine Orientierung bieten. Durch gemeinsame Grundlagen entstehen gemeinsame Schnittstellen. Denn wenn digitale Systeme miteinander kommunizieren sollen, muss die Verständigung klappen. Als eines der ersten konkreten Ergebnisse aus diesem Projekt ist die integrierte multifunktionale Straßenlaterne entstanden. Sie kann nicht nur leuchten, sie ist zugleich WLAN-Hotspot, Parkassistent und Ladestation für Elektroautos.
Manche Dinge allerdings widersetzen sich äußerst erfolgreich allen Versuchen einer Normierung. So manch Reisender hat das leidvoll erfahren, wenn er im Ausland versucht hat, eine simple Steckdose zu nutzen. Zwei Pole? Drei Pole? Pole im Dreieck? Gelegentlich hilft sogar die Sammlung von Adaptern nichts. Einige historische Standards lassen sich eben nicht einfach gleichschalten.    Klaus J. Groth


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