OECD beklagt Schrumpfen der Mitte

Stärker als die Globalisierung bewirke der technologische Wandel eine »Polarisierung der Arbeitsmärkte«

27.06.17
Sind zwischen 1995 und 2015 um fast zehn Prozentpunkte gesunken: Arbeitsplätze für Arbeitskräfte mit mittlerer Qualifikation Bild: Imago

Vertreter aus Politik und Wirtschaftsverbänden sprechen gerne von einem neuen deutschen Wirtschaftswunder. Arbeitslosigkeit müsse in der Bundesrepublik niemand fürchten. Wo viel Licht, da auch viel Schatten, und eine aktuelle Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt beides auf.

Im internationalen Vergleich steht der deutsche Arbeitsmarkt blendend da. Ende 2016 waren 66 Prozent der Bevölkerung im Alter von 15 bis 74 Jahren beschäftigt. Dies sei deutlich höher als der OECD-Durchschnitt von 61 Prozent. Auch die Einführung des Mindestlohns Anfang 2015 habe den seit sieben Jahren währenden Rückgang der Arbeitslosigkeit nicht unterbrochen. Vielmehr sei bis Ende 2018 ein weiterer Rückgang der Arbeitslosenquote in Deutschland zu erwarten, heißt es in der Studie.
In Volkswirtschaften mit hoher Beschäftigung ist die Belastung im Beruf in der Regel niedriger, weil sich die Unternehmen stärker um die knappen Arbeitskräfte bemühen müssen. „Grundsätzlich geht höhere Beschäftigung einher mit besseren Arbeitsplätzen“, schreiben die Autoren. Vor diesem Hintergrund verblüfft es selbst die OECD-Forscher, dass in Deutschland im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten ein überdurchschnittlich hoher Teil der Arbeitnehmer darüber klagt, dass er sich an seinem Arbeitsplatz besonders stark belastet fühlt. Mittlerweile ist es nahezu die Hälfte, die dies tut, was noch eine Zunahme gegenüber 2015 bedeutet, als es rund 46 Prozent waren. Dieser scheinbare Widerspruch in Deutschland sollte nach Ansicht der OECD stärker untersucht werden. Wenn Deutschland hinsichtlich der empfunden Belastung am Arbeitsplatz auch überdurchschnittlich ist, so ist sie doch in der Türkei und in Griechenland besonders hoch, zwei Ländern mit großen sozialen Spannungen. In Skandinavien, aber auch in Australien oder Neuseeland seien die Menschen deutlich ausgeglichener. Das ist nun wieder weniger verwunderlich.
Abgesehen von dem festgestellten hohen Stresslevel gibt es weitere Punkte, welche die Autoren der OECD-Studie monieren. Trotz der „besonders niedrigen Arbeitslosigkeit“ und der zunehmenden Zahl offener Stellen sei das Lohnwachstum verhalten geblieben. Die Einstiegslöhne für Zuwanderer seien niedrig und viele ältere Arbeitnehmer und Zweitverdiener hätten schlecht bezahlte Minijobs. Auch eine große Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen sei feststellbar. Dies sei vor allem darauf zurück­zuführen, dass Frauen weniger Arbeitsstunden aufweisen als Männer. Für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Vollzeitarbeit empfehlen die Autoren flächendeckende Angebote für die Ganztagsbetreuung von Kindern.
Die Forscher sprechen von einer besorgniserregend „immer weiter auseinander gehende Schere“. Immer weniger Menschen arbeiteten in den OECD-Staaten auf Stellen für Mittelqualifizierte und mit mittlerem Lohn. Der Anteil der Arbeitsplätze für Arbeitskräfte mit mittlerer Qualifikation sei zwischen den Jahren 1995 und 2015 um fast zehn Prozentpunkte gesunken. Entsprechend sei der Anteil der Arbeitsplätze für hoch- und geringqualifizierte Arbeitskräfte in dem Zeitraum angestiegen.
Tiefgreifender technologischer Wandel ist nach Einschätzung der Autoren der Studie die wesentliche Ursache für diesen Befund, den sie „Beschäftigungspolarisierung“ nennen. Die Arbeitsverhältnisse verlagerten sich mehr und mehr weg vom verarbeitenden Gewerbe hin zu Dienstleistungen. „Damit nimmt die Ungleichheit zu, wie auch die Befürchtung, dass Spitzenverdiener übermäßig von den Früchten des Wachstums profitieren“, erklärt die OECD. Mit Blick auf die Kritik an der Globalisierung heißt es, der Beschäftigungsbericht habe gezeigt, „dass der technologische Wandel eine weit stärkere Triebkraft hinter der Polarisierung der Arbeitsmärkte“ sei „als offene Märkte“.
Die OECD warnte bei der Präsentation der Ergebnisse vor einer gesellschaftlichen Spaltung durch eine wachsende Ungleichheit bei den Einkommen. „Die Einkommensungleichheit ist beispiellos im Moment und gefährdet den sozialen Zusammenhalt“, sagte OECD-Generalsekretär Ángel Gurría in Berlin.
Wie aus den Daten der Studien hervorgeht, befinden sich die Unterschiede auf dem höchsten Stand seit einem halben Jahrhundert. Das durchschnittliche verfügbare Einkommen der reichsten zehn Prozent der Bevölkerung im OECD-Raum ist auf über das Neunfache des Einkommens der ärmsten zehn Prozent gestiegen. Vor 25 war es dagegen noch siebenmal so hoch.
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) erklärte, mit der Lohnspreizung könne man dauerhaft nicht leben. Alle gesellschaftlich relevanten Gruppen seien gefordert, in einen Gedankenaustausch einzutreten. Mit Blick auf die Zahlen aus Deutschland zeigte sie sich aber optimistisch, „dass der Transformationsprozess der Digitalisierung und Globalisierung gut gemeistert werden kann“. Die Zeit dränge, aber: „Es geht nicht immer ohne Ruckeln.“
Als sehr interessant bezeichnete die OECD Nahles Vorschlag eines persönlichen Erwerbstätigenkontos mit 20000 Euro Guthaben für jeden ins Arbeitsleben startenden Erwachsenen. Die Kosten einer Existenzgründung oder ehrenamtlichen Engagements könnten so kompensiert werden können, so die Ministerin. Gemäß den Plänen der Sozialdemokratin sollen die Arbeitnehmer selbst entscheiden können, wofür sie das Geld nutzen. „So können neue Möglichkeiten zur Selbstbestimmung geschaffen werden.“ Das entsprechende Guthaben könne durch tarifvertragliche Regeln auch noch aufgestockt werden. Die Pläne befänden sich aber noch „in der Gedankenphase“. Daher sei es auch nicht sinnvoll, über die Finanzierbarkeit zu sprechen.
Die Opposition sprach von „Ablenkungsmanövern und Scheitern“. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linkspartei, Jutta Krellmann, bezeichnete die Polarisierung des Arbeitsmarkts als „hausgemacht“. „Gute Arbeit und faire Löhne erreicht man nicht, wenn man Deregulierung und Flexibilisierung praktiziert und prekäre Beschäftigungsformen toleriert.“    Peter Entinger


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Kommentare

Maria Wiener:
11.07.2017, 01:26 Uhr

Kernpunkt ist doch wohl folgender Sachverhalt:
Stellen für "Mittelqualifizierte mit mittlerem Lohn" schwinden. Der Anteil solcher Arbeitsplätze sei zwischen 1995 und 2015 um fast zehn Prozentpunkte gesunken. Entsprechend sei der Anteil der Arbeitsplätze "für hoch- und geringqualifizierte Arbeitskräfte" in dem Zeitraum angestiegen.

"Mittelqualifiziert mit mittlerem Lohn" sind normale Beschäftigungsverhältnisse, sprich angestellt, unbefristet, akzeptabler Lohn für Leute mit Lehre von Einzelhandelskaufmann über Friseuse bis Maurer.
Solche Stellen gab es bis in die 90er, bis Genosse Schröder in Davos den Niedriglohnsektor verkündete und die grünen Bessergestellten ihm zur Hand gingen. Damals wurde man von der Litanei "rückständige, geringqualifizierte Deutsche" dauerberieselt.
Und was kam dabei raus?
Romanistinnen oder ältere Männer mit Informatik-Diplom, die für 5 Euro Stundenlohn bei Callcentern Hire-and-Fire-Dienste verrichten.
Ein Arbeitsmarkt, in dem Zweidrittel der angebotenen Stellen Köderangebote von Leiharbeitsfirmen sind.
Solche Stellen sind dann immer für "geringqualifizierte Arbeitskräfte", weil der Lohn gering sein soll, nicht aber die Qualifikation.
In Wirklichkeit nehmen solche Firmen keine Geringqualifizierten.
Wer hat sich das Spielchen ausgedacht? Die "Hochqualifizierten", sprich Manager, Lobbyverbände und ihre willigen Diener aus der politischen Kaste.
Der "Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal"-Kaste, zu der nicht zuletzt die Langzeitstudentin Nahles gehört. Vor dem Call-Center-Los geringerer Langzeitstudentinnen schützte sie die Hochqualifikation "Parteibuch". Übrigens gehört auch die Besetzung der OECD zu dieser Kaste.

Also die Prekarisierung hiesiger Arbeitsverhältnisse ist vom "technologischen Wandel" verursacht.
Dass die Arbeitgeberverbände diese Prekarisierung herbeiführen, weshalb sie auch wie die Bekloppten trommeln für die Flutung Europas mit Drittweltmigranten, hat damit nichts zu tun.
Wirkt überzeugend die These. Wes Brot ich eß, des hochwissenschaftliches Lied ich sing.


Christian R.:
27.06.2017, 23:53 Uhr

Das Problem ist nicht unbedingt dass technologischer Wandel viele Arbeitsstellen vernichtet.

Mir erscheinen auch diese Faktoren wichtig:
* viele durch Technologie anderweitig entstehenden Arbeitsplätze entstehen nicht bei uns sondern in Asien.
* damit die verarbeitende Industrie nicht abwandert, brauchen wir ein ausgezeichnetes Bildungssystem. Das aber gerade leidet bei uns zunehmend.
* Die verbleibenden gut bezahlte Arbeit wird nicht umverteilt auf mehr Menschen weil sich das für Unternehmen nicht auszahlt. Lieber lassen sie die verbleibenden Fachkräfte und Spitzenkräfte schuften. Gerade die letzteren gerieren sich gerne als unverzichtbar und unersetzlich um ihre Spitzengehälter zu legitimieren. Dies u.A. befeuert die Schere zwischen arm und reich. Doch keiner ist wirklich unverzichtbar. Wir wollen an der Spitze nicht zu viel Unverzichtbarkeit und im Mittelstand nicht zu wenig. Ehedem, die Friedhöfe sind voll von unverzichtbaren Menschen.

Gerade die Umverteilung von bestehender Arbeit (im Gegensatz zum Lohn) aber wäre entscheidend wenn sich die grossen Visionen der 60er Jahre je bewahrheiten sollten. Damals wurde geprahlt dass Technolgie uns eine 20-Wochenstunde ermöglichen würde. Das ginge prinzipiell wenn der rasante technologische Fortschritt etwas gedrosselt würde, denn allzuoft erscheint mir Technologie schon fast an seiner eigenen Komplexizität und raschem Wandel zu ersticken. Bei so mancher technologischen Neuerung muss man sich fragen "wozu ist das eigentlich im Endeffekt gut ? Macht uns das glücklicher ?" . Umverteilung klingt nach Sozialismus und Planwirtschaft, doch kann man ja auch Anreize schaffen ohne starren Zwang.

Umverteilung von bestehender Arbeit könnte zumindest theoretisch weniger Arbeitslosigkeit bedeuten aber natürlich auch geringere Spitzengehälter, aber dafür mehr Freizeit für alle, und somit weniger Stress. Wir sollten uns fragen wem die Wirtschaft eigentlich dienen soll. Wenn ein Wirtschaftssytem nur mässige Resultate bringt uns insgesamt zufriedener zu machen, wäre es dann nicht an der Zeit mehr als nur kleine Reförmchen vorzunehmen ? Ist eine zufriedenere Gesellschaft nicht auch deshalb schon in Teilen wettbewerbsfähiger ?

Die zitierten skandinavischen Länder stehen ja nicht gerade schlecht da im internationalen Wettbewerb. Also irgendwas wohl scheint da ja wohl zu funktionieren. Es bleibt offen ob sich deren Resultate so einfach auf ein bevölkerungsreicheres Industrieland wie Deutschland übertragen lassen selbst wenn man deren System übernähme. Man muss oft auch die Kultur und Gesamtkontext übernehmen und das dauert Generationen. Und hochskalieren auf höhere Bevölkerungszahlen/dichte geht oft nicht weil mit steigender Anonymität auch der Zusammenhalt leidet. Doch wer wagt sich an solche Vorhaben ? Die Politiker von heute haben keine grossen Visionen mehr, sind viel zu ängstlich geworden.

Allerdings drohen auch die skandinavischen Länder an ihrer sozialen Ader zu zugrunde zu gehen weil sie darin keine Grenzen kannten. Sie begannen vor Jahren blauäugig ihre Kultur gegen Multikulti begannen auszutauschen weil es schick war die eigene Kultur zu hassen. Einige von ihnen - wie Dänemark - ziehen allerdings wohl die Notbremse. Ob zu spät, das wird sich zeigen.


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