Planvoll ins Umland wachsen

Wohnungsmangel: Neue Entwicklungsachsen durch Brandenburg sollen Berlin entlasten

19.11.17
Mit der Metropole verbunden: Attraktive Wohnstandorte für Berliner gibt es in Brandenburg genug Bild: Imago

Mit Wohnungsneubau, Innenstadtverdichtung und einer Mietpreisbremse wollte der Senat verhindern, dass die Mieten in Berlin für Normalverdiener unbezahlbar werden. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC sagt nun allerdings für die kommenden Jahre noch einmal einen massiven Anstieg der Mieten in der deutschen Hauptstadt voraus.

Befragt hatte das auf Wirtschaftsprüfung und Beratung spezialisierte Unternehmen PwC über 800 Immobilienexperten. Diese kürten Berlin zum beliebtesten Investitionsziel von Immobilienfirmen in ganz Europa.  Die Untersuchung sagt zudem voraus, dass in der Spree-Metropole die Mieten so stark wie in keiner anderen europäischen Stadt steigen werden.
Viele Berliner werden diese Ent­wicklung mit gespaltenen Gefühlen betrachten. Zwar sehen Investoren für Berlin gute Chancen in der Zukunft, momentan ist die Millionenmetropole aber noch die Stadt der Geringverdiener. Wie unlängst bekannt wurde, müssen hier 132000 einkommensschwache Haushalte sogar mehr an Miete zahlen, als von Jobcentern und Sozialämtern übernommen wird. „Viele Menschen müssen sich ihre Miete buchstäblich vom Munde absparen.“, klagt Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linkspartei).
Gegensteuern will der Senat nun, indem er neue Richtwerte und Härtefallregelungen für Mietzuschüsse festlegt. Insgesamt haben in Berlin rund 273038 Haushalte mit etwa einer halben Million Menschen Anspruch auf einen Mietzuschuss vom Amt. Kommen auch weiterhin zu wenig preiswerte Wohnungen auf den Markt und bleibt der Zuzug nach Berlin hoch, dann ist zu befürchten, dass eine Erhöhung des Zuschusses nur kurz Entlastung schafft, dafür aber auf längere Sicht das Mietniveau sogar noch zusätzlich in die Höhe treibt.
Gerade Geringverdienern droht zudem noch weitere Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt. Bislang fördert der Senat Sozialwohnungen für 6,50 Euro je Quadratmeter. Um auch Beziehern mittlerer Einkommen zu helfen, will er künftig zudem Sozialwohnungen mit Mieten von acht Euro je Quadratmeter fördern. Da aber die Gesamtzahl von geplanten Sozialwohnungen offenbar nicht deutlich steigen soll, ist mit einem Verdrängungseffekt zu rechnen.
Auch ohne die Erweiterung der Zahl von Anspruchsberechtigten ist schon jetzt der Bedarf riesig: Derzeit verfügt etwa jeder zweite Haushalt in Berlin über ein so niedriges Einkommen, dass er eigentlich einen Anspruch auf eine Sozialwohnung hat.
Während die bisherige Senatspolitik die Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt nicht entspannen konnte, haben die Verantwortlichen nun möglicherweise eine entscheidende Kehrtwende eingeleitet. Die Gemeinsame Landesplanungskonferenz der Länder Berlin und Brandenburg hat beschlossen, dem historisch gewachsenen Siedlungsstern der Metropole weitere Siedlungsachsen hinzuzufügen.
Die Planer knüpfen damit an eine Idee an, die sich seit mehr als 100 Jahren bewährt hat: Entlang von Schienenwegen ist Berlin strahlenförmig mit Vorstädten wie Erkner, Königs Wusterhausen und Oranienburg ins Umland hineingewachsen. Dieser Siedlungsstern sorgte einerseits dafür, dass der Bevölkerungsdruck von der Innenstadt genommen wurde, gleichzeitig aber die Mitte der Stadt per Bahn gut erreichbar war. Die dünner besiedelten Räume zwischen den Siedlungsachsen blieben Berlin als stadtnahe Naturräume erhalten.
Den bestehenden Achsen will die Konferenz künftig im Nordwesten eine neue Siedlungsachse in Richtung der Gemeinde Oberkrämer und im Nordosten nach Werneuchen hinzufügen. Der Beschluss könnte der entscheidende Schritt sein, der endlich zu einer Entspannung auf dem Berliner Wohnungsmarkt führt. Entlang der neuen Achsen kann nämlich künftig Bauland schneller entwickelt werden.
Der Beschluss steht für ein Umdenken in Berlin und Brandenburg. Berlin hat in den vergangenen Jahren sehr stark an der Nachverdichtung der Innenstadtbezirke gearbeitet. Wegen des starken Zuzugs sind trotz intensiver Bautätigkeit Wohnungen Mangelware geblieben. Auch Brandenburgs SPD-geführte Landesregierungen muss­ten in den vergangenen 25 Jahren dazulernen. Manfred Stolpe hat als erster Ministerpräsident nach der Friedlichen Revolution zunächst auf die bevorzugte Förderung der Randgebiete Brandenburgs gesetzt. Vor allem in den letzten Jahren ist aber deutlich geworden, dass der Wachstumsmotor Brandenburgs im Berliner Umland, im sogenannten Speckgürtel liegt.
Dieser prosperiert und wächst inzwischen immer tiefer in die Fläche des Landes hinein. Verstärken wird sich dieser Effekt noch mit einem weiteren Beschluss zum Landesentwick­lungsplan. Neben neuen Siedlungsachsen, die aus Berlin hinausführen, ist auch ein „Sprung in die zweite Reihe“ vorgesehen. Weiter abgelegene Städte wie Eberswalde, Nauen oder Jüterbog sollen verkehrsmäßig so gut angebunden werden, dass sie für diejenigen interessant erscheinen, denen die Berliner Mieten zu hoch sind, die aber weiterhin als Pendler in der deutschen Hauptstadt arbeiten wollen.     
    Norman Hanert


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Kommentare

Marcus Junge:
19.11.2017, 12:40 Uhr

Wir "freuen" uns schon darauf noch mehr Berliner Müll geliefert zu bekommen! Leute, die aus Berlin vor dem Wahnsinn abhauen, den sie dort selber erschaffen haben und hier dann auch gleich wieder zu erschaffen suchen.


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