Preußischer Stil oder Plattenbau

Potsdam: Nach dem Stadtschloss soll nun dessen Umfeld rekonstruiert werden

02.04.17
Noch immer ist das Schloss von hässlicher DDR-Architektur umgeben. Doch das soll sich ändern: Das Stadtschloss Potsdam von der Nikolaikirche aus gesehen. Im Hintergrund

Das Ringen um die behutsame Wiedergewinnung des historischen Gesichts von Potsdam schreitet voran. Weitere Wiederaufbauprojekte rücken in den Mittelpunkt, neben der Garnisonkirche geht es vor allem um das Umfeld des neu errichteten Schlosses. Doch auch der Widerstand von links will nicht verstummen.


Am 14. April 1945 entfachte ein britischer Bomberangriff in der Potsdamer Innenstadt ein Flammeninferno. Wenige Wochen später fügte Artilleriebeschuss der Roten Armee der alten preußischen Residenzstadt weitere Schäden zu. Nicht allen Bewohnern gefällt, dass Potsdams Stadtmitte inzwischen Stück für Stück nach historischem Vorbild wiederaufersteht.
Bereits im vergangenen Jahr hatten rund 15 000 Potsdamer ein Bürgerbegehren „Kein Ausverkauf der Potsdamer Mitte“ unterschrieben. Ziel des von der Fraktion „Die Anderen“ und der Linken unterstützten Begehrens war der Erhalt mehrerer Bauten aus sozialistischer Zeit in der Nähe des wiederrichteten Stadtschlosses. Konkret geht es dabei um das Gebäude einer Fachhochschule, den sogenannten Staudenhof-Wohnblock, und das Hochhaus des ehemaligen DDR-Interhotels am Lustgarten. Zumindest im Fall des Fachhochschulbaus, der einer Wiederherstellung der historischen Innenstadt im Wege steht, hat unlängst ein Gerichtsurteil den Weg zu einem Abriss freigemacht. Nach Einschätzung des  Potsdamer Verwaltungsgerichts war der Text des Bürgerbegehrens „Kein Ausverkauf der Potsdamer Mitte“ vom vergangenen Jahr ungenau und zum Teil auch irreführend.
Potsdams Stadtverwaltung hat trotz ihres  juristischen Erfolgs einige der Kritikpunkte aus dem Begehren aufgegriffen. Die Stadt sucht inzwischen Bauherren für einen ersten Teilbereich des Fachhochschul-Areals. Interessenten müssen sich dabei am Grundriss des historischen Stadtbilds orientieren und eine kleinteilige Bebauung akzeptieren. Bewerber, die Immobilien selber nutzen oder Sozialwohnungen anbieten, sollen zudem bevorzugt werden.
Trotz der strengen Auflagen soll die Zahl der Interessenten groß sein. Nach Abschluss der Bebauung könnte im Bereich zwischen Nikolaikirche, Altem Rathaus, dem Palais Barberini und dem Landtagsschloss in einigen Jahren ein Stadt­raum entstehen, der sich sehr stark an der historischen Bebauung orientiert.
Welch langer Atem bei Wiederaufbauprojekten in Potsdam zuweilen nötig ist, macht das Beispiel der ehemaligen Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnæs am Jungfernsee deutlich. Dem letzten Kaiser diente der im nordischen Drachenstil errichtete Bau als Ausgangspunkt für Sportregatten, aber auch als Startpunkt für die berühmten Nordlandfahrten. „Des Königs Landzunge“, so die Übersetzung für das norwegische „Kongsnæs“, verblieb auch nach dem Ersten Weltkrieg im Besitz des Hauses Hohenzollern.
Nachdem die Anlage den Zweiten Weltkrieg fast schon unbeschädigt überstanden hatte, geriet Kongsnæs noch in den letzten Kriegstagen unter Beschuss. Zu DDR-Zeiten lag die Anlage im Grenzgebiet, sodass sie über Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf verfiel. Bereits seit der Vereinigung der beiden Teile Berlins engagierte sich ein Förderverein für den originalgetreuen Wie­deraufbau.
Als ein Berliner Investor das Gelände im Jahr 2009 kaufte, schien dies den Durchbruch zu bringen. Der Wiederaufbau wurde allerdings durch nicht belastbare Baugenehmigungen gebremst. Schließlich klagten auch noch zwei Prominente aus der Medienbranche, die als Anwohner eine Zunahme von Lärm und Verkehr durch einen geplanten Restaurantbetrieb befürchteten.
Unter Berufung auf den Investor berichten lokale Medien inzwischen, Gerichte hätten neu erteilte Baugenehmigungen bestätigt. Vor Kurzem konnte das Richtfest bei der Ventehalle, dem Eingangspavillon der Matrosenstation, gefeiert werden.
Noch mehr Geduld scheint beim Projekt der Potsdamer Garnisonkirche gefragt zu sein. Wie schon bei der Matrosenstation sind die Bestrebungen zum Wiederaufbau der einst das Stadtbild prägenden Kirche bereits in den 90er Jahren angelaufen. Nun scheint zumindest die Finanzierung für den Aufbau des  Kirchturms gesichert zu sein. Laut dem Sprecher der Stiftung Garnisonkirche, Wieland Eschenburg, hat Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) unlängst bestätigt, dass die zwölf Millionen Euro Fördermittel des Bundes auch dann bereitständen, wenn zunächst nur eine abgespeckte Version des Turms errichtet würde.
Mit der Zusage des Bundes kann die Stiftung nun Förderanträge stellen und ein Finanzierungskonzept vorlegen. Zumindest die Führung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz steht hinter dem Wiederaufbau, allerdings wird inzwischen auch starke Kritik aus kirchlichen Kreisen laut.
So hat im März die kirchennahe Martin-Niemöller-Stiftung in Potsdam zusammen mit der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ eine  Tagung organisiert, auf welcher der Wiederaufbau der Garnisonkirche stark infrage gestellt wurde. Die Französisch Reformierte Gemeinde Potsdams hatte zudem den „Zeit“-Journalisten Christoph Dieckmann zu einer Predigt eingeladen, in der er sich ebenfalls vehement gegen einen Wiederaufbau der Garnisonkirche aussprach. Die Stiftung Garnisonkirche selbst rechnet trotz allem damit, dass die Bauarbeiten für den 90 Meter hohen Kirchturm noch im Herbst beginnen können.       Norman Hanert


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Kommentare

H. Schinkel:
6.04.2017, 21:23 Uhr

Leider wurde ich mal wieder in meinen Annahmen und Befürchtungen bestätigt. Die allseits beliebte SPD möchte die wieder errichtete Garnisonskirche als Moschee nutzen. Wer hat euch verraten? Sozialdemokraten.

In diesem Land kann man als Deutscher nur noch das heulen kriegen.


René Lehmann:
3.04.2017, 12:43 Uhr

Selbst bin ich Freund der Idee eines originalgetreuen Wiederaufbaus der Garnisonkirche, ich bin Freund der Entscheidung den neunen Potsdamer Landtag hinter der Fassade des alten Stadtschlosses einzurichten. Eine Zeit lang war es auch so, daß ich nichts gegen einen Abriß des besagten Hotels, des "Mercures" gehabt hätte, weil es nicht ins Stadtbild passen würde.

Was diesen Punkt angeht wurde ich zum Umdenken bewegt. Während einer Schifffahrt auf der Havel kam ich ins Gespräch mit einer Touristen aus Ulm, und diese erklärte mir, daß sie gegen den Abriss des Mercure wäre, eben aus dem Grund, daß auch diese DDR-Architektur eine zeitzeugnis wäre. Und die Dame hat in meinen Augen Recht. Das Mercure abzureißen, weil es die historische Mitte auferstehen zu lassen verhindert, wäre nicht großartig anders zu bewerten, als die Garnisonkirche abzureißen, weil sich nicht in die Vorstellung sozialistischen Städtebaus passen würde.

Mag sein, daß "Linke" und "Andere" in Potsdam anders motiviert sind, letztendlich würde ich dem Erhalt des Mercure aber ebenso zustimmen. Zum einen, weil auch dieses Bauwerk ein Zeitzeugnis ist und zum anderen auch, weil die Auslastung des Hotels es zuläßt....


H. Schinkel:
2.04.2017, 19:45 Uhr

So wie ich die Potsdamer bisher kennen gelernt habe, bevorzugen die in der Stadtmitte entweder tatsächlich Plattenbauten oder ein Flüchtlingsheim.

Was soll man dazu noch sagen.


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