Ritt durch die Weltgeschichte

70 Jahre Landesarchäologie Rheinland-Pfalz: Jubiläumsausstellung in Mainz zeigt über 350 herausragende Exponate

27.09.17
Rund 25 Millionen Jahre alt: Die Flugmaus aus Enspel bei Bad Marienberg im Westerwaldkreis Bild: GDKE, Erdgeschichte, M. Poschmann

Wahre Appetithäppchen: Die Landesausstellung in Mainz animiert mit ihren einmaligen archäologischen Exponaten, tiefer in die reiche Vergangenheit von Rheinland-Pfalz einzutauchen.

Wie feiert man 70 Jahre Landesarchäologie in einem Bundesland, das so viele spektakuläre Funde aufweisen kann wie kaum eine andere Region im westlichen Mitteleuropa? Ein Land, das alleine mit Trier eine Weltstadt der Antike besitzt, deren Römerbauten zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Ein Land, dessen Funde landauf, landab die Museen füllen und deren Bestand sich im Zuge von Baumaßnahmen und entsprechenden Notgrabungen rasant vergrößert. Bislang sind etwa 700000 Fundstellen im Land registriert. Jährlich kommen etwa 40 Großgrabungen und 900 Bergungen an akut gefährdeten Fundstellen hinzu.
Mit der Gründung des Bundeslandes Rheinland-Pfalz im Jahre 1947 übernahmen die Dienststellen in Koblenz, Trier, Mainz und Speyer die Aufgaben der Bodendenkmalpflege in den jeweils zugehörigen Regierungsbezirken. Seit 2007 ist die Direktion Landesarchäologie ein Teil der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) mit Sitz in Mainz.
Um beim Jubiläum den Besucher nicht mit der Masse der Funde zu erschlagen, „begnügt“ sich die aktuelle Landesausstellung im Landesmuseum Mainz mit einem schnellen „Ritt“ durch die Weltgeschichte anhand hochkarätiger Einzelstücke oder Fundkomplexe aus neun Epochen. Unter dem Titel „vorZEITEN – Archäologische Schätze an Rhein und Mosel“ sind auf 850 Quadratmetern Ausstellungsfläche trotzdem noch über 350 Exponate zu sehen. Der Rundgang führt von der Erdgeschichte über Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Römerzeit, Völkerwanderungszeit (Spätantike), Frühes Mittelalter und Mittelalter bis zur Neuzeit. Über der Aufteilung der Funde in 16 kleine Kabinette steht gedanklich in Großbuchstaben: Übersichtlichkeit und Anschaulichkeit.
Ein didaktisches Konzept zum Wundern und Staunen, bei dem man Kinder und Jugendliche bewusst mit im Blick hatte. Die Kunstkammer, einst der Stolz eines jeden Schlossherrn, lässt grüßen. Viele Exponate stehen exemplarisch für Kulturräume, die sich von Südwest- bis Osteuropa erstreckten. Dabei gilt auch hier: Je älter, desto faszinierender. Daher ein näherer Blick in die Ausstellung bis zum Ende der Römerzeit.
Vor über 400 Millionen Jahren war Rheinland-Pfalz noch ein tiefer Ozean. Bei Bundenbach im Hunsrück (Landkreis Birkenfeld) traten beim Schieferabbau Fossilien jener Zeit zu Tage. Unter den 270 Tierarten, die bisher gefunden wurden, befindet sich auch ein Gliederfüßler (Trilobit), der nun per 3D-Drucker wieder auferstanden ist. Aus einem ehemaligen Maarsee in Enspel bei Bad Marienberg (Westerwaldkreis) stammen die fossilen Überreste einer gleitfliegenden Flugmaus, die vor 25 Millionen Jahren wohl zu weit auf den See hinaus geriet und ertrank. Ihre Flughaut ist so gut erhalten, dass eine naturgetreue Nachbildung des schon damals seltenen fliegenden Nagers möglich war. Eine Kratermulde der Wannenvulkane bei Ochtendung (Landkreis Mayen-Koblenz) barg die 170000 Jahre alte Schädelkalotte eines frühen Neandertalers. Spektakulärer allerdings ist die eiszeitliche Tanzszene, die man 1968 auf einem rund 15500 Jahre alten Lagerplatz in Gönnersdorf im Neuwieder Becken entdeckte. Die abstrakte Steingravur stellt vier in einer Reihe angeordnete Frauen dar. Eine trägt dabei ihr Kind auf dem Rücken.
Der dritte Abschnitt zum Thema Steinzeit gibt bis heute kriminalistische Rätsel auf. Ritualmorde? Massenkanibalismus? Im südpfälzischen Herxheim wurde vor etwa 7000 Jahren mindestens 500 Menschen wie bei Schlachtvieh das Fleisch von den Knochen geschabt. Ein Teil ihrer zerschlagenen Knochen samt Fundort sind nachgestellt.
Die Bronzezeit (zwischen 1800 und 1500 v. Chr.) brachte wieder Licht ins menschliche Dasein. Der mit einer Sonnenbarke verzierte Bronzeblecheimer aus Ochtendung  ist ein Beleg für den damals europaweit verbreiteten Sonnenkult. Der großartige Hortfund wird ergänzt durch die jüngst entdeckten außergewöhnlich qualitätvollen Bronzeobjekte vom Hohenberg (Landkreis Südliche Weinstraße) sowie die Schmuck- und Keramikbeigaben aus dem Gräberfeld von Schifferstadt (Rhein-Pfalz Kreis), das man bei der Trassenfindung für die ICE-Strecke Ludwigshafen-Metz-Paris entdeckte.
Vom Glanz der Eisenzeit erzählen beispielhaft die keltischen Prunkgräber von Worms-Herrnsheim und Bescheid (Landkreis Trier-Saarburg). Sie umfassen neben Goldschmuck und Waffen auch nach etruskischem Vorbild gefertigte Schnabelkannen. Exotische Luxusgüter, die auch importiert wurden, durften in keinem Prunkgrab fehlen.
Die Römerzeit überrascht unter anderem mit zwei bis heute einmaligen Funden. Der eine ist eine römische Reiterstandarte in Form eines Drachenkopfs (um 260) aus dem Kastell in Niederbieber (Stadt Neuwied). Der andere ist der spektakuläre Schatzfund von Rülzheim (Kreis Germersheim), der Anfang 2014 durch die Presse ging. Zu den über hundert kostbaren Objekten gehört auch ein rund 1600 Jahre alter kunstvoller silberner Klappstuhl mit Eisenkern. Klapphocker sind seit über 4500 Jahren bezeugt. Ein Klappstuhl dieser Qualität und Machart ist bisher jedoch einzigartig.
Zu mehr Archäologie im ganzen Land führt die kostenlose Begleitbroschüre „Gehen Sie auf Entdeckertour“. Der gewaltige Kultur- und Landschaftspark Stöffel in Enspel im Westerwald, das Welterbemuseum in Bettendorf im Kreis Lahn-Taunus, die monumentale Festungsanlage Ehrenbreitstein in Koblenz am Mittel­rhein, die geheimnisvollen Vulkanlandschaften in der Eifel, das imposante Amphitheater in Trier, die bedeutende Kaiserpfalz im rheinhessischen Ingelheim oder das riesige Ausgrabungsgelände auf dem römischen Vicus im pfälzischen Eisenberg sind nur einige der über 400 Originalschauplätze, archäologischen Ausgrabungen und Museen, die den Besuch lohnen. Oft an einem der vielen rheinland-pfälzischen Wander- und Themenwege gelegen, bieten sie Natur- und Kulturgenuss in einem.
    Helga Schnehagen
Die Landesausstellung läuft bis 29. Ok­tober, Landesmuseum, Große Bleiche 49–51, 55116 Mainz, geöffnet Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Dienstag bis 20 Uhr. Eintritt: 6 Euro. Ausstellungskatalog mit wissenschaftlicher Dokumentation, 344 Seiten, 24,95 Euro. Infos: www.vorzeiten-ausstellung.de


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