Rothäute im Dienste des Sozialismus

In der DDR blühte in Literatur und Film das Geschäft mit den Indianern – Für Karl May fand man Ersatz sogar aus dem Westen

27.02.17
Neben Erich Honecker der bekannteste „DDR-Oberindianer“ (Udo Lindenberg): Gojko Mitic (Mitte), hier als Häuptling bei den Karl-May-Spielen von Bad Segeberg Bild: pa

Obgleich aus Sachsen stammend, galt Karl May, der am 25. Februar vor 175 Jahren geboren wurde (die PAZ berichtete), für die DDR als ein an den We­sten verlorener Autor. Dafür tröstete man sich dort mit Indianergeschichten, in denen die vom Imperalismus be­drohten Rothäute zu­sätzlich einen ideologisch verträglichen roten Anstrich bekamen.

Indianer „zerfallen“ in Irokesen, Dakota, Cheyenne und andere, die alle kein „r“ sprechen können und es durch „l“ ersetzen. Sie verehren ihre „Squaws“, schwingen Tomahawks, rauchen Friedenspfeife und beenden Gespräche mit „Howgh, ich habe gesprochen“. Das und mehr war völkerkundliches Allgemeinwissen bei DDR-Kindern. Details bezog man nicht von Karl May, der im fernen Rumänien reüssierte. Dort startete der 1950 gegründete Jugendbuchverlag seine deutsche Abteilung mit Mays „Schatz im Silbersee“. Das war in der DDR undenkbar, weshalb der „Karl-May-Verlag“ 1959 vor ideologischen Drangsalen vom sächsischen Radebeul ins fränkische Bamberg umzog.
Mitteldeutsche Leser vermiss-ten ihn kaum, sie hatten längst Ersatz. Nicht gerade ein „Magnet“ war 1955 „Mein Freund Chinino“ von Hans Schönrock, der wie May nie in den USA war und seine Indianerstories daheim er­dichtete. Kreatives Gegenteil war Erich Wustmann (1907–1994), dessen TV-Serie „Unter Indianern, Lappen und Beduinen“ DDR-Straßen „leer fegte“. Zuvor hatten in den 1950er Jahren Autoren wie Liselotte Welskopf-Henrich (1901–1979) und Anna Jürgen (d. i. Anna Müller-Tannewitz, 1899–1988) Bestseller verfasst, die Präriespannung mit ethnographischen Fakten effektvoll bereicherten,  anders als May, der Indianern altgermanische „Blutsbrüderschaft“ unterschob. Ihre Werke wurden in den 1970er Jahren verfilmt, als die SED von ideologischen Kahlschlägen ab­lenken wollte und so in der DDR und in ganz Osteuropa Kinoerfolge einfuhr.
An dieses Genre und seine gelegentlichen ideologischen Klimmzüge erinnert sich später Roland Garve, Zahnarzt, Stasi-Opfer und nach der Wende Reiseschriftsteller: „Das Besondere an diesen ostdeutschen Filmen war, dass sie immer auf die Indianer fokussierten. Die Guten waren stets die Indianer, die Weißen und die Trapper waren die Bösen. Ich habe die Filme alle im Kino gesehen. Ihr Held war immer derselbe: Gojko Mitic, der aus Serbien stammt. Die Filme waren die sozialistische Antwort auf die Winnetou-Filme, dabei wurden sie alle, West wie Ost, in Jugoslawien gedreht“.
Nämlich im Nationalpark Plitwitzer Seen, der 1979 als eines der ersten Naturwunder UNES-CO-Weltnaturerbe wurde. Nach „Juga“ durften junge DDR-Bürger nicht, sie trösteten sich daheim, weiß Garve: „In vielen Indianerbüchern waren Zeichnungen, die wir nachmalten und versuchten, uns genauso anzuziehen. Wir fühlten uns eben als Indianer. In den Ferienlagern gab es fast immer Indianerfeste, wir waren vormittags sozialistische Pioniere, nachmittags Rothäute, ich war immer der Häuptling“.
Garve hat wie die ganze DDR-Jugend alle Indianerfilme gesehen und Indianerbücher gelesen, eine erstaunliche Leistung, da doch etwa Welskopf-Henrichs „Söhne der großen Bärin“ fünf Bände umfasste, jeder über 500 Seiten dick. Sie behandeln das Schicksal der Dakota-Indianer unter dem jungen Häuptling Harka im US-Bürgerkrieg, bei der Präriebesetzung, im Indianerkrieg, beim Eisenbahnbau und bei weiteren Umbrüchen.
Die Autorin hatte ab 1940 Material gesammelt, vor allem im Berliner Museum für Völkerkunde. Von 1951 bis 1967 ver-fasste und veröffentlichte sie die Romane, die ihr, im Zivilberuf Professorin für alte Geschichte an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, zeitlebens kaum je­mand zutraute. Zu­mal in den Romanen historische Ereignisse nur Kulissen sind, vor denen sich spannende Jagd-, Kampf- und Kriegsszenen abspielen, de­ren Authentizität sie den 1929 erschienenen Memoiren des Häuptlings Buffalo Child verdankte.
Welskopf-Henrichs Bücher wollte zu­nächst niemand drucken, da laut SED-Doktrin „die Amerikaner doch al­le Indianer ausgerottet hätten“. 1951 ebnete ihr der ostpreußische Autor Johannes Bobrowski den Weg zu einem Kleinverlag, wo er Lektor war und der durch die „Bärin“ groß wurde: Sechs Millionen Exemplare in 15 Sprachen, vorwiegend „im Ostblock“.
Das Markenzeichen der Autorin  war die moralische Scheidung in edle Indianer und böse-brutale Weiße. Mit „Klassenkampf“ hatte das nichts zu tun: „Ich bin Genossin“, räumte sie ein, stand aber auf Kriegsfuß mit Defa-Regisseuren und hatte beste Fans unter Dissidenten wie Wolf Biermann.
Zu ihrer Rigorosität bildete Anna Jürgen einen korrigierenden Kontrast. Die hatte 1949 mit „Blauvogel – Wahlsohn der Irokesen“ einen Riesenerfolg erschrieben. Mit „acht oder neun hatte man Blauvogel gelesen“, bezeugt Garve, stellvertretend für mehrere DDR-Generationen. Nur für dieses Buch hatte die Rheinländerin Anna Müller-Tannewitz das Pseudonym Anna Jürgen genommen. Damit wollte sie aber nicht ihr „Fremdgehen“ in die DDR tarnen, wo sie 1950 das Preisausschreiben „für neue Ju­gendliteratur“ des Ministeriums für Volksbildung gewann. Das war damals keine Sünde, wie Daisy Weßel 1987 in ihrer Dokumentation über die USA in mitteldeutscher Belletristik darlegte: In der DDR waren Buchpreise niedriger, Autorenhonorare und Auflagen höher, auch konnte man bei 20 Verlagen für Belletristik leichter „landen“. Das nutzte Anna Jürgen für ihre spannende Geschichte von dem kleinen Georg Ruster, der nach 1755 im „French and Indian War“ von Irokesen entführt wird, sich ihnen aber so gut anpasst, dass ihm am Ende die Welt der Weißen völlig fremd ist.
Was Jürgen besonders überzeugend darstellt: Sind die Indianer anfänglich noch „Pack“ und „rote Hunde“, so lernen Georg (und mit ihm alle Leser) die Irokesen schätzen. Ihr Leben in Großfamilien ist solidarisch, ihre Gastfreundschaft enorm, Kindererziehung kommt ohne Prügeln aus, die Geschlechter sind gleichberechtigt. Und die Kinderwelt spiegelt alles wider, weswegen Georg nach manchen Leiden als neues Familienmitglied „Blauvogel“ heimisch wird. Der freut sich zuletzt über erfolgreiche Rachefeldzüge seines von Weißen ge­peinigten Stammes.
    Wolf Oschlies


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