Sarkasmen zur geistigen Bewältigung der BRD

20.09.17

Um sich auf Thor v. Waldstein einzustimmen, beginne man die Lektüre seiner „Entfesselten Freiheit“ tatsächlich mit dem Vorwort. Es erschließt uns einen zeitgeistimmunen Analytiker, dessen Streitbarkeit sich keiner politischen Korrektheit unterwirft. Schon eingangs bekennt er sich zu „diplomatischen Unklugheiten bei der Beschreibung der real existierenden Verhältnisse eines Staates, zu dessen Lebenslügen und Fleischtöpfen geziemenden Abstand zu halten mir seit jeher ein Gebot geistiger Hygiene ist“. Auch gesteht er, dass nüchterne Lageanalysen zuweilen „von einer zornigen Tonlage durchbrochen“ wurden. Braucht es ja auch Fischblut in den Adern, um viele der geschilderten Missstände mit bud-dhistischer Gelassenheit zu ertragen.
Der Band sammelt Vorträge und Artikel, die zwischen 1991 und 2016 einzeln publiziert wurden. Das jetzige Ensemble ist fraglos ein Gewinn. Die enthaltenen, durchweg scharfen Gesellschaftsdiagnosen werden stilsicher präsentiert. Gehört der Autor doch zur sprachbewussten Minderheit anschaulich und attraktiv formulierender Juristen. Das führt in eine Fundgrube von Pointen, Anspielungen oder Zitatperlen, von Spengler, Dávila und Schelsky bis Maschke, Syberberg oder Willms. Diese werden teils wiederum effektvoll verändert wie etwa ein Bonmot Carl Schmitts zu „Wer ‚wir‘ sagt, will betrügen.“
Zum Inhalt: In „Das falsche Wir“ geht es um die stillschweigende Vereinnahmung für Positionen, die viele häufig weder kennen noch billigen. Andere Kapitel behandeln die (politische) Digitaldemenz der „Generation Google“, die „hündische Feigheit“ (Benn) deutscher Intellektueller oder ein spezifisches Realitätsdefizit, das unser Volk nahezu als politikuntauglich erscheinen lässt. In „Thesen“ und „Panoramen“ geht es um Liberalismus, Kapitalismus oder „Deutsche Entscheidungen im asiatischen Jahrhundert“. Zudem finden sich biografische Skizzen über BRD-definierte „Unpersonen“ (Carl Schmitt, Günter Maschke, Bernard Willms, Hans-Joachim Arndt oder Ernst Nolte) sowie Satiren („Nie wieder Heidelberg!“ in Sachen Vergangenheitsbewältigung).
Wo der Anwalt Waldstein als Insider spricht, wird es besonders düster. Denn seine Zusammenschau von Einzeldisziplinen des Rechts zieht eine deprimierende Bilanz. Das betrifft den beschriebenen „Schlagabtausch zwischen Geld und Recht“ zum Nachteil des Letzteren ebenso wie den zunehmend schnelleren Marsch in den Gesinnungsstaat. Für beides gilt das von Bismarck zitierte Motto: „Wer weiß, wie Gesetze und Würste zustande kommen, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen.“ Zu den übel aufstoßenden Prunkstücken des Bandes gehören daher „Totalitärer Liberalismus?“, „In Karlsruhe wächst ein Gummibaum“ oder „Thesen zum Widerstandsrecht“.
Leider wurde sein luzider Kommentar zu grotesken Widersprüchen im NPD-Urteil („Unterwegs zur Karlsruher Republik“, in: „Neue Ordnung“ 1/2017) nicht gleichfalls aufgenommen.
Über manches (streitbar Zugespitzte) lässt sich diskutieren, wie bei vielen im besten Sinne provozierenden Büchern. Dazu gehört vielleicht die (zumindest im Spiegel von heute) ein wenig milder zu wertende Adenauer-Epoche oder Waldsteins durchgängiges Antiliberalismus-Verdikt. Kein Zweifel, der aktuell praktizierte „Liberalismus“ hat unser gesellschaftliches und staatliches Desaster wesentlich mitbewirkt. Doch dies nicht zuletzt, weil seine heutige (um den Freiheitsdrang entkernte) Version nur einen Pseudoliberalismus als Etikettenschwindel bietet, was der Autor überzeugend belegt.
Im 19. Jahrhundert, der liberalen Glanzzeit, ging es – statt vornehmlich um kommerz- wie amüsiergesteuertes „Anything goes“ – um Parolen wie „Die Gedanken sind frei“ oder „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“. Auch reagiert libertäre Skepsis gegenüber einem zur Postdemokratie verkommenen Staat, inklusive den von Waldstein beschriebenen (Freiheits-)Defiziten, vielleicht sogar adäquater. Debattieren wir darüber. Das Buch bietet hierfür eine substanzreiche Vorlage. Und sein Verfasser bekleidet fraglos einen solchen geistigen Rang, dass selbst nur mit ihm zu streiten, intellektuellen Gewinn verspricht.     Günter Scholdt


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