Schlüssel für Krieg und Frieden

Wasserknappheit wird immer mehr zur Spannungsursache im Nahen Osten

12.02.10

Kein anderer als Israels erster Premier David Ben Gurion gab 1948 die Richtlinien für eine völkerrechtlich zweifelhafte Politik seines Landes aus: „Wir müssen uns den Fluss Litani einverleiben.“ Dieser fließt, wohlgemerkt, mitten durch den Süden des Libanon.
Wasser war und ist das wichtigste Element einer prosperierenden Entwicklung des Staates der Juden. Und während Israels Bevölkerung nach Angaben von Amnesty International pro Kopf und Tag 300 Liter des kostbaren Nasses verbraucht, werden den benachbarten Palästinensern nur 50 bis 70 Liter zugestanden. In Bethlehem etwa kommt aus dem öffentlichen Leitungsnetz manchmal einen Monat lang so gut wie kein Tropfen, die Bewohner müssen ihr Trink- und Brauchwasser teuer von Tankwagen kaufen. Dennoch fließen an die 50 bis 70 Millionen Liter Abwasser ungeklärt allein aus Gaza in das scheinbar postkartenblaue Mittelmeer und sorgen bei Badenden für Erkrankungen. Meeresströmungen spülen die kontaminierten Abwässer auch an Israels Strände und in seine Entsalzungsanlagen. Das könnte immerhin bewirken, dass endlich mit dem Bau von Klärwerken begonnen wird. Die Palästinenser vergiften sich langsam selbst, aus keinem Brunnen kommt mehr sauberes Trinkwasser
Die geringen Niederschläge 2008 haben das Problem noch verschärft. Israel kontrolliert diese wichtigste Ressource und verteilt sie ungleich. Allein im Gazastreifen zwischen Israel und Ägypten leben etwa 1,5 Millionen Palästinenser. Zu den annektierten Gebieten und dem Verteilerschlüssel der israelischen Wasserbehörde gehören zudem das Westjordanland, Ostjerusalem und die Golan-Höhen. Schon Ende 2010 könnte im Gazastreifen ein Chaos entstehen, die Wasserreserve nicht mehr ausreichend sein. Eine Entsalzungsanlage würde 1,8 Milliarden Dollar kosten. Doch auch eine solche Investition löst das Problem nicht. Die Grundwasserblase reicht von Israel bis Ägypten und ist mehr als strapaziert. Experten haben errechnet, dass es Jahrhunderte dauern könnte, bis die Schäden wieder ausgebügelt sind, wenn nicht bald und grenzüberschreitend etwas passiert.
Der jordanische Professor Ghazi al-Rababah in Amman warnte jetzt in einem öffentlichen Aufruf davor, dass Israel einen neuen Krieg vom Zaun brechen wolle, um wieder an das Wasser des Litani zu kommen. Zudem fürchtet er, dass die Regierung in Jerusalem „innerhalb der nächsten sieben Jahre“ sogar einen neuen Krieg mit Ägypten riskieren könnte, um die Kontrolle über das Nilwasser an sich zu reißen.
Wasser ist von der Türkei bis zur Arabischen Halbinsel und im Osten bis ins Zweistromland der Schlüssel für Krieg und Frieden in der Zukunft. Schon heute leidet rund ein Drittel der Menschheit an Wassermangel, bis 2025, so prognostiziert die Uno, werden es voraussichtlich zwei Drittel sein. Der Nahe und Mittlere Osten ist davon besonders betroffen, wo allein zwischen 1980 und 2000 die Bevölkerungszahl um rund 150 Millionen Menschen zunahm. Da die Flüsse dieser Region in der Regel durch mehrere Staaten fließen, ist die Verteilung der Ressourcen ein Politikum. Das zeigt sich derzeit im Verhältnis der Staaten Irak, Syrien und Jordanien mit der Türkei, die gewaltige Staudämme baut und den anderen damit entweder das Wasser abgräbt oder es zunehmend gegen gutes Geld verkauft. Israels Einwohner und seine Wirtschaft machen ohnehin ein strenges Wassermanagement durch das National Water Carrier-Netzwerk (Mekorot) notwendig. Die durchschnittliche Regenmenge liegt bei rund fünf Milliarden Kubikmeter. Doch davon verdunsten 60 Prozent unmittelbar, weitere fünf Prozent fließen ungenutzt ins Mittelmeer. So verbleiben zwischen 1,5 und 1,8 Milliarden, hinzu kommen 160 Millionen Kubikmeter entsalztes Brackwasser, 250 Millionen aufbereitete Abwässer für die Landwirtschaft und rund 50 Millionen aus künftigen Meerwasserentsalzungsanlagen. Einer der drei Hauptspeicher ist der See Genezareth.
Das begrenzte Speichervolumen macht es sehr schwer, Strategien für Trockenperioden zu entwickeln – einer der Hauptgründe für eventuelle Expansionsgelüste, etwa in Richtung Nil. Und da ist die Bilanz ein Indikator: Während in Israel pro Jahr rund 2,2 Milliarden Kubikmeter verbraucht werden, fließen nur knapp 180 Millionen zu. Im Jahr 2020 wird der kleine, virulente Staat, Hochrechnungen zu Folge, 9,1 Millionen Einwohner zählen, 65 Prozent mehr als heute. Das bedeutet einen Mehrbedarf von jährlich 210 Millionen Kubikmetern Wasser. Da scheinen neue Spannungen programmiert zu sein.    

Joachim Feyerabend


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