Schlüssel zum Energiemarkt Europas

Syrien ist zum Dreh- und Angelpunkt wichtiger Gaspipeline-Projekte geworden

07.10.12
In Damaskus zum Zuge gekommen: Iranisches Erdgas soll durch den Irak und Syrien nach Europa geleitet werden. Bild: pa

Von Menschenrechten über militärstrategische Gründe bis hin zu religiösen Ursachen – es herrscht kein Mangel an Motiven, die für die ausländischen Einmischungsversuche in Syrien präsentiert werden. Auffälliges Schweigen herrscht angesichts der Tatsache, dass die jetzige syrische Führung mächtigen Wirtschaftsinteressen im Weg steht.

Wenige Jahre hat es gedauert, dasst Syrien in ein Rolle hineingerutscht ist, die bisher wenig wahrgenommen wird. Im „Spiel um Erdgas“, dem Energieträger des 21. Jahrhunderts, ist das Land zum Dreh- und Angelpunkt mehrerer Pipeline-Projekte geworden, die darüber entscheiden werden, wer künftig einen energiepolitischen Einfluss auf Europa ausüben kann. Zur Gefahr geworden ist Syrien gleich für zwei Pipe­line-Projekte. Ehrgeizige Pläne hat das Emirat Katar. Das kleine Land am Persischen Golf hat die drittgrößten Erdgasreserven der Welt. Katars Wunsch, Zugang zum europäischen Markt zu bekommen, steht der mächtige Nachbar Saudi-Arabien im Wege. Als im Jahr 2008 Pläne aufkamen, Erdgas aus Katar via Saudi-Arabien in die Türkei zu transportieren, um es dort in die geplante Nabucco-Pipeline einzuspeisen, war ein saudisches Veto die Antwort. Eine Alternative wäre eine Pipeline-Route durch den Persischen Golf und den Irak. Hindernis bei beiden Varianten ist die jetzige syrische Führung, die dem Pipelinebau auf ihrem Boden zustimmen müsste, um über die Türkei Anschluss nach Europa zu erhalten.
In Damaskus zum Zuge gekommen ist stattdessen der Iran. Bereits 2011 ist es Teheran gelungen, Verträge zu schließen, die den Transport von persischem Erdgas durch den Irak nach Syrien ermöglichen. Wie im Fall Katars wäre auch hier das Endziel für das Erdgas der europäische Markt. Selbst der Ursprung des Gases wäre weitgehend identisch: das South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf. Das Vorkommen wird gleichermaßen vom Iran wie von Katar beansprucht und ausgebeutet. Sieger im Ringen um das weltweit größte Erdgasvorkommen ist diejenige Seite, der es gelingt, das zusammenhängende Feld möglichst schnell leerzupumpen und zu vermarkten.
Syrien steht allerdings noch einem weiteren Projekt im Wege, dem Pipeline-Projekt „Nabucco“. Maßgeblich von der EU und den USA angeregt, um die Rolle Russlands auf dem europäischen Gasmarkt zu schwächen, ist „Nabucco“ bisher weitgehend gescheitert. Von den ehrgeizigen Plänen, 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr aus dem Nahen Osten und dem Kaspischen Becken zu den europäischen Märkten zu transportieren, ist inzwischen nur noch das zusammengeschrumpfte Projekt „Nabucco West“ übriggeblieben, das an ein türkisch-aserbaidschanisches Pipeline-Projekt names „Tanap“ andocken soll. Hauptgrund für das bisherige Desaster ist der Mangel an Gaslieferanten. Moskau ist es gelungen, für sein Konkurrenzprojekt „South-Stream“ gleich mehrere wichtige Gaslieferanten an sich zu binden, die eigentlich von den „Nabucco“-Machern ins Auge gefasst waren. Übrig geblieben ist im wesentlichen nur Aserbaidschan.
Irans Bestrebungen, sein Gas nicht „Nabucco“ zur Verfügung zu stellen, sondern ein eigenes Projekt über den Irak nach Syrien zu betreiben, sollte als Motiv für die aktuelle Iran-Politik einiger westlicher Länder nicht unterschätzt werden. In die Zange genommen vom russischen South-Stream-Projekt und iranischen Erdgas-Lieferungen via Syrien, könnte sich „Nabucco“ vollends zur Investitionsruine verwandeln. Nicht unterschätzt werden sollten im Spiel um den Erdgas-Knotenpunkt Syrien allerdings auch die Türkei und Frankreich. Wie schon im Fall Libyens will Frankreich auch in Syrien beweisen, dass es bei der globalen Energiepolitik wieder als Weltmacht mitspielt.
Auch für die Türkei wäre ein Umsturz in Damaskus die Chance, den durch das Nabucco-Projekt eigentlich erhofften energiepolitischen Einfluss auf Europa doch noch zu erhalten. Bisher waren die Bemühungen dazu für Ankara ebenso enttäuschend wie für die USA samt ihren muslimischen Satelliten Saudi-Arabien und Katar. Gewendet werden könnte das Blatt nochmals durch einen Machtwechsel in Syrien. Sollte dieser Versuch gelingen, könnte sich die Versprechung einer höheren Versorgungssicherheit Europas durch Verringerung von russischen Gasimporten leicht als Trugschluss erweisen. Mit Katar würde eine politische Kraft zum Zuge kommen, die mit ihren Milliardeneinnahmen aus Öl- und Gasgeschäften weltweit großzügig fundamentalistische Islamisten wie die Muslim-Bruderschaften unterstützt. Katar hat nicht nur aktiv beim Umsturz in Libyen mitgemischt, sondern auch bei den Wahlen in Tunesien und Ägypten durch die Finanzierung von Islamisten Einfluss genommen. Möglich wird dies letztendlich nur mit Rückendeckung der USA, die in Katar gleich zwei Militär-Stützpunkte unterhalten.
    Hermann Müller


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Kommentare

Peter Müller:
8.10.2012, 00:13 Uhr

Es könnte natürlich alles möglich sein.
Aber der Grund ist wie im Irak die Feindschaft der Shiiten und Sunniten und Radikale Moslem Terroristen.

Gas kann man auch per Schiff Transportieren.Da die USA kein GAS mehr Importiert sind sowieso jede Menge Schiffe für den Gas Transport frei.Ausserdem gehen in paar Jahren die Gasfelder in ISrael,Zypern,Griechenland in Betrieb und die sind zuverlässiger als ein Haufen von Diktaturen.


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