Schüsse an der Grenze

Er kam aus Polen und starb in Deutschland – Jetzt sorgt der Tod eines Wisents für Riesenwirbel

13.10.17
Brandenburg: Keine Willkommenskultur für Wisente Bild: Imago

Er hatte Freunde. Er hatte einen Namen. Und er war ein gern gesehener Gast. In Polen. Bis er auf die Idee kam, durch die Oder zu schwimmen und in Deutschland an Land zu gehen. Das war sein Todesurteil. Ein Amtsleiter bekam Panik, ein Schuss setzte am Abend des 13. Septembers, einem Mittwoch, bei Lebus (Märkisch-Oderland) seinem Leben ein Ende. Die Rede ist von einem Wisent – dem ersten wilden Tier, das wieder deutschen Boden betrat, seit der letzte seiner Art 1755 in Ostpreußen abgeschossen wurde. Seither gibt es an allen Fronten Krach: Die Polen zanken mit den Deutschen. Die Naturschutz- und Jagdverbände zanken mit dem Amtsleiter, und der Bürger versteht die Welt nicht mehr – und vor allem nicht einen Amtsleiter, der hier hektisch den Abschuss eines der europaweit am striktesten geschützten Tiere anordnen kann.
Der rund 900 Kilogramm schwere Wisentbulle, von den Polen liebevoll „Nasz Zubr“ (unser Wisent) oder „Zubr Wedrowniczek“ (wandernder Wisent) genannt, war dort seit Jahren bekannt, weil er im Umkreis der Stadt Landsberg [Gorzów], etwa 150 Kilometer Luftlinie vom deutschen Lebus entfernt, reihum die Dörfer besuchte und die Leute erfreute, zumal er fast handzahm war. Die Freude am und der Stolz auf das Tier sind verständlich, ist der Wisent doch neben dem
Adler eine Art zweites polnisches Wappentier. Doch mach mal einem Wisent klar, dass er nicht nach Deutschland darf.
Sein Todesurteil fiel binnen eines Tages. Nachdem er an dem Mittwoch mehrere Straßen gekreuzt hatte, bekam der Lebuser Amtsleiter Heiko Friedemann offensichtlich Panik. Später behauptete er, an besagtem Tag „weder einen Besitzer noch einen Tierarzt mit passendem Betäubungsgewehr“ auftreiben zu können. Ein Einfangen des Wisents sei nicht gelungen. So erteilte er zwei Jägern die amtliche Abschuss-erlaubnis, weil „Gefahr im Verzug“ gewesen sein  und der „Schutz der Bevölkerung“ und die „Sicherheit des Straßenverkehrs“ nur so hätten gewahrt werden können. Das Ergebnis: Wisent tot, Kopf als Trophäe abgetrennt. Angeblich soll das Tier jetzt ausgestopft und im Heimatmuseum Lebus ausgestellt werden.
Der Protest kam in Gang. Der weltweit aktive Naturschutzbund WWF Deutschland erstattete Strafanzeige gegen Heiko Friedemann („Ein streng geschütztes Tier ohne ersichtliche Gefährdung abschießen zu lassen, ist eine Straftat“). Das Umweltministerium in Potsdam ist „entsetzt und empört“, da weder das Ministerium noch das Landesumweltamt in die Entscheidung eingebunden waren, ja noch nicht einmal über das Erscheinen des Wisents informiert wurden.
Der Abschuss ist deshalb ungeheuer, da sich wohl noch nie so flink über die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtline) hinweggesetzt wurde wie in diesem Fall. Zur Erinnerung: Mit der FFH-Richtlinie werden gigantische Bauvorhaben wie die Elbvertiefung gestoppt oder auch schon Mal eine komplette Eidechsenpopulationen umgesiedelt. Bisons sind unter FFH sowohl in Anhang II als auch IV aufgeführt. Unter Anhang II fallen „Tier- und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen“. Anhang IV listet seltene und schützenswerte Arten auf. Weil sie akut gefährdet sind, dürfen ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten nicht beschädigt werden. Erlegt werden dürfen sie natürlich schon gar nicht.
Auf polnischer Seite, wo alle Medien über den Fall berichten und alte Ressentiments gegen Deutsche wieder aufleben, ist die Empörung besonders groß: „In einem zivilisierten Land wie Polen hat der Wisent friedlich gelebt, aber in Deutschland ist er gleich abgeknallt worden“, heißt es dort auf Twitter.
Tatsächlich ist in Deutschland kein Fall bekannt, in dem es zu Unfällen mit frei lebenden Wisenten gekommen wäre. Was kaum jemand weiß: 2013 wurde in Nord-rhein-Westfahlen ein Aussetzungsprojekt gestartet, bei dem acht Wisente bei Bad Berleburg ausgewildert wurden. Zurzeit streifen im Rothaargebirge 17 Wisente auf 10000 Hektar durch die Wälder. Elf davon sind bereits in der Natur geboren. Zwar wird um das Projekt erbittert prozessiert, aber nicht wegen der Gefahr für Menschen, sondern wegen der naschkatzenhaften Vorliebe der Wisente für den süßen Saft unter Buchen-Rinden, weshalb sie hingebungsvoll die Bäume schälen.
Der Wisent-Fall ist noch nicht zu Ende. In Brandenburg kommt er in den Umweltausschuss. Der Landkreis Märkisch-Oderland entschuldigte sich schriftlich bei Polen. Ein Protokoll soll alles „aufarbeiten“. Das Unverständnis und der Zorn über den Abschuss bleiben.
    Ulrike Dobberthien


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Kommentare

Ralf Grunwald:
14.10.2017, 13:59 Uhr

Eure Aussage, das der letzte Wisent in Ostpreußen 1755 erlegt wurde erscheint mir gewagt, da mein Vater von Begegnungen mit diesen Tieren in Ostpreußens Wäldern (Gebiet Mehlauken)noch aus den 1940er Jahren erzählte!

vG Ralf


cource cource:
14.10.2017, 08:46 Uhr

Die Brandenburger Gesetzgeber tragen die volle Verantwortung, weil sie die Entscheidungsbefugnis der oberen Naturschutzbehörden auf die unteren Naturschutzbehörden/Gemeinden/Ämter übertragen haben und dort nur noch Verwaltungswirte sitzen die keinerlei Bezug zum Naturschutz haben


Tim Buktu:
13.10.2017, 17:35 Uhr

"Tatsächlich ist in Deutschland kein Fall bekannt, in dem es zu Unfällen mit frei lebenden Wisenten gekommen wäre. "
Wie auch wenn der letzte 1755 abgeschossen wurde.
;-) hatte wohl keinen Pass dabei?


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