Selbstsicher und selbstverliebt

Unwissenheit, Widersprüche, wenig Neues — die Grünen und ihre neue Vorsitzende

09.02.18

Selbstsicher wirkt sie, als sie um 12.07 Uhr auf der Bühne des Hannoveraner Congress Centers hinter dem Rednerpult steht. Aber auch ein wenig selbstverliebt. Ihre Augen wandern ebenso schnell wie ziellos durch den großen Konferenzsaal, in dem sich die Delegierten der Partei Bündnis 90/Die Grünen versammelt haben, um für die kommenden Jahre zwei neue Bundessprecher auf den Schild zu heben.
Während sie lächelt, zeichnen sich immer wieder die Grübchen in dem noch etwas kindlich anmutenden Gesicht ab. Aus dem bereitgestellten Glas nimmt sie einen Schluck Wasser, atmet noch einmal durch und dann heißt es auch schon „Annalena, bitte!“. Das Tagungspräsidium hat ihr, Annalena Baerbock, das Wort für die große Kandidatenrede erteilt. Sie legt los. Leidenschaftlich will sie wirken. Sie muss darauf achten, dass ihre Stimme sich nicht überschlägt. Doch es gelingt ihr, auch wenn sie am Ende der elfminütigen Redezeit etwas rauer klingt als zu Beginn.
Immer wieder hämmert sie den Delegierten ein, was ihrer Meinung nach in der aktuellen politischen Lage zu tun ist. Freilich ohne dies explizit so zu sagen. Stattdessen erhebt sie ihre Forderungen in die Position des einzig objektiv Gebotenen, ja des Alternativlosen. „Wir müssen ...“ ist daher eine ihrer häufigsten Wortwendungen. Inhaltlich bietet sie nichts wirklich Neues. Die Rede ist ein kleiner Ritt durch die Leib-und-Magen-Themen ihrer Partei. Lediglich der Familiennachzug von Asylsuchern, der Kohleausstieg und die Europapolitik werden von ihr etwas deutlicher hervorgehoben.
Zumindest bei den letzteren beiden Politikfeldern vermag die 1980 geborene Hannoveranerin auf eine gewisse Expertise aus ihrer eigenen Karriere zurückblikken. Sie ist prototypisch für heutige Berufspolitiker. Nach dem Abitur studierte Baerbock Politikwissenschaften in Hamburg und London. Eher untypisch für einen Berufspolitiker ihrer Partei ist, dass sie ihr Studium tatsächlich erfolgreich abschließen konnte. Passend zum Ende ihrer Hochschulausbildung im Jahr 2005 trat Baerbock dann den Bündnisgrünen bei und arbeitete zunächst als Mitarbeiterin für eine Europaabgeordnete. Parallel hierzu bastelte sie bereits an ihrer eigenen politischen Karriere. Den Einsatz in den Gremien der Partei hebt sie vor den Delegierten in Hannover  genauso hervor, wie ihre Tätigkeit bei den gescheiterten Koalitionsverhandlungen mit CDU/CSU und FDP nach den zurückliegenden Bundestagswahlen.
Konkrete Ergebnisse ihrer bisherigen politischen Arbeit bleibt sie den versammelten Parteifreunden indes schuldig. Mit kämpferischen Worten beschwört sie stattdessen das Ringen um die gesellschaftliche Durchsetzung der bündnisgrünen Agenda. Die ist bekannterweise mehr als widersprüchlich: Staatstragend oder radikal, sozial oder ökologisch. Die Europäische Union muss verteidigt werden und zwar so, wie sie ist. Doch zugleich soll sie sich auch verändern.  
Bei all diesen Antagonismen unterläuft ihr ein Lapsus, als sie erklärt, sie kämpfe gegen den Kohleausstieg, obwohl sie ganz offensichtlich das Gegenteil behaupten wollte. Schon einige Tage zuvor waren ihr in einem Interview mit dem Deutschlandfunk ebenfalls Fehler unterlaufen. So war sie der Ansicht, dass die grüne Bewegung am Standort eines geplanten Endlagers für Atommüll im niedersächsischen Gorleben seinerzeit vor allem gegen die Aufrüstung demonstriert hätte. Auch diktierte sie der das Interview führenden Journalistin ins Mikrofon, dass man überschüssig produzierten elektrischen Strom aus Erneuerbaren Energien im Stromnetz für einen späteren Bedarf speichern könne. Während die letzte Bemerkung gerade in sozialen Netzwerken viel Häme  hervorgerufen hatte, nahmen die Delegierten des Parteitages keinen Anstoß an diesem Fauxpas.
Obwohl Baerbocks Rede zwar mit wohlwollendem, aber nur mäßigem Applaus bedacht wurde, wählten sie die 37-jährige Bundestagsabgeordnete mit   64,45 Prozent zu ihrer neuen Vorstandssprecherin. Ihre Gegenkandidatin, die dem linken Parteiflügel zugerechnete Anja Piel, erhielt lediglich 34,78 Prozent der Stimmen. Die Spitze der Bündnisgrünen hat sich mit ihr und dem ebenfalls gewählten Bundessprecher, Robert Habeck, zwar verjüngt, ob damit jedoch auch der von der Partei proklamierte politische Generationenwechsel eingeleitet wurde, bleibt abzuwarten.
    Dirk Pelster


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