»Sie sind unser Anführer und Held«

Vor 275 Jahren wurde der wohl populärste und höchstrangige preußische Befreiungskrieger geboren: Gebhard von Blücher

25.12.17
„Marschall Vorwärts“: Kupferstich nach einem Porträt von Ernst Gebauer Bild: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Es war nicht zuletzt Gebhard Leberecht von Blücher, der dafür sorgte, dass die Alliierten sich nach Napoleons Russlandfeldzug nicht mit dem Kaiser der Franzosen arrangierten, sondern ihn bis zum bitteren Ende niederkämpften. Nicht umsonst verliehen ihm die Russen den Beinamen „Marschall Vorwärts“. Zudem trug er mit seiner immensen Autorität zur Durchsetzung der preußischen Heeresreform bei.

Die preußischen Heeresreformer wie Gerhard von Scharnhorst, August Neidhardt von Gneisenau, Carl von Clausewitz oder Karl von Grolman waren nicht selten bürgerlicher Herkunft und gebildet. Blücher hingegen entstammte altem Adel und war ungebildet. Nichtsdestoweniger em­pfanden Erstere für Letzteren die größte Hochachtung. „Sie sind unser Anführer und Held und müss­ten Sie auf der Sänfte uns vor- und nachgetragen werden; nur mit Ihnen ist Entschlossenheit und Glück“, schrieb ihm 1808 der wohl bekannteste unter den preußischen Heeresreformern, Scharnhorst.
Abgesehen vom Willen zur Befreiung des Vaterlandes von der napoleonischen Fremdherrschaft und zur Reform des Heeres gibt es eine weitere interessante Gemeinsamkeit Blüchers mit vielen der preußischen Reformer: Er war weder preußischer Herkunft noch wurde er in Preußen geboren. Seine Familie hatte bis zum Dreißigjährigen Krieg das mecklenburgische Rittergut Groß-Renzow besessen, sein Vater war kurhessischer Rittmeister gewesen, seine Mutter entstammte mecklenburgischem Uradel, und er selber kam am 16. Dezember 1742 in Rostock zur Welt.
Seine Familie verarmte, und er kam auf die damals schwedische Insel Rügen zu seiner Schwester, die einen schwedischen Kammerherren geheiratet hatte. Nach dem Anblick schwedischer Husaren wurde der rauflustige Junge gegen den Willen seiner Familie 1758 selber einer. Als ein solcher wurde er im Siebenjährigen Krieg 1760 von den Preußen gefangengenommen. Ein Verwandter in Preußens Diensten überredete ihn in der Gefangenschaft zum Seitenwechsel und machte ihn zu seinem Adjutanten.
Temperamentvoll wie er war, quittierte Blücher 1773 den Dienst. Auf seine Klage gegenüber dem König „Der von Jägersfeld, der kein anderes Verdienst hat, als der Sohn des Markgrafen von Schwedt zu sein, ist mir vorgezogen; ich bitte um meinen Abschied“ reagierte dieser verschnupft: „Der Rittmeister Blücher kann sich zum Teufel scheeren.“ Schnell bereute der Soldat mit Leib und Seele seinen Entschluss, aber bei Fried­rich dem Großen kriegte er keinen Fuß mehr auf den Boden. Da musste er erst dessen Tod abwarten.
Unter Friedrich Wilhelm II. konnte Blücher seine militärische Karriere fortsetzen. 1803 wurde er Militärgouverneur in Münster und residierte im dortigen bischöflichen Schloss mit dem zuständigen Oberpräsidenten unter einem Dach. Letzterer war damals der spätere preußische Reformer Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein. Die beiden verstanden sich gut. Schon damals nahm Blücher Gedanken der preußischen Heeresreformer vorweg. So setzte er sich bereits 1805 in einer Denkschrift für die allgemeine Wehrpflicht ein und verzichtete auf Körperstrafen für seine Untergebenen. Überhaupt erfreute er sich bei seinen Männern großer Beliebtheit. Er requirierte energisch für sie und sah über Plünderungen auch schon einmal hinweg.
Im vierten Koalitionskrieg von 1805/06 gegen Napoleon, der von ihm wie von Stein, Königin Luise und Prinz Louis Ferdinand als notwendig erachtet wurde, gehörte Blücher neben Gneisenau zu den wenigen höheren preußischen Offizieren, die auch noch nach dem Schock der Doppelniederlage von Jena und Auerstedt entschiedenen Widerstand leisteten.  Scharnhorst wurde in dieser Zeit Blüchers Stabschef und Freund. Gemeinsam gingen sie in französische Gefangenschaft, wurden aber bald wieder ausgetauscht.
Nach dem verlorenen vierten Koalitionskrieg trat Blücher vergebens dafür ein, dass Preußen an der Seite Österreichs im fünften Koalitionskrieg von 1809 erneut gegen Napoleon Krieg führte. Preußen blieb jedoch neutral. Enttäuscht bat er um seine Entlassung, wurde jedoch stattdessen vom König zum General der Kavallerie befördert. Schließlich war er der einzige höhere Kommandeur, der sich im vorangegangenen Krieg wirklich bewährt hatte. Das brachte ihm nicht nur die Gunst seines Königs ein, sondern machte ihn auch zum Hoffnungsträger der Patrioten.
1811 erlitt er das Schick­sal Steins: Wegen seiner  napoleonkritischen Haltung wurde er auf französischen Druck abberufen. Im Gegensatz zu Stein und vielen anderen Patrioten blieb er jedoch in Preußen, ging sozusagen in die innere Emigration.
Blüchers große Stunde schlug nach dem Seitenwechsel Preußens zum Ende von Napoleons Russlandfeldzug. In den Befreiungskriegen wurde er als Oberbefehlshaber der Schlesischen Armee der preußische Feldherr. Sein Generalstabschef wurde Scharnhorst, sein Generalquartiermeister Gneisenau. Nach Scharnhorsts Tod rückte Gneisenau auf. Blücher und Gneisenau waren ein sehr gut harmonierendes, eingespieltes Gespann. Blücher vertraute seinem Stabs­chef und wählte von den von Gneisenau ausgearbeiteten Optionen in der Regel die offensivste aus. Immer wieder ging er voran und trieb die Alliierten an. Der Sieg in der Schlacht an der Katzbach brachte ihm später den Titel eines Fürsten Blücher von Wahlstatt, der in der Leipziger Völkerschlacht den Maschallstab ein.
Blüchers Überschreitung des Rheins bei Kaub war nicht nur militärisch, sondern auch psychologisch bedeutungsvoll. Damit hatten die Alliierten in den Augen der Franzosen deren natürliche Grenze überschritten. Durch Rück­schläge ließ Blücher sich nicht von seinem Ziel abbringen: Paris, die Höhle des Löwen. Am 30. März 1814 war es mit der Erstürmung des Montmartre erreicht.
Politik, Friedensverhandlungen waren nicht Blüchers Ding. Kaum, dass das militärische Ziel erreicht war, legte der durch ein Augenleiden und Depressionen eingeschränkte Feldherr den Oberbefehl nieder und zog sich zurück.
Nach Napoleons Rückkehr von Elba mussten er und Gneisenau als militärisches Führungsgespann der Preußen noch einmal ran. Geschichte schrieb das von ihm kommandierte preußische Felheer, als es sich nach der Niederlage gegen Napoleon bei Ligny nicht Richtung Rhein zurückzog, sondern den Anschluss an die alliierte Streitmacht unter General Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington, suchte. Es erreichte das Ziel noch rechtzeitig, um bei Belle-Alliance (Waterloo) schlacht­entscheidend eingreifen zu können. Napoleons Armee war entscheidend geschlagen, Wellingtons Truppen waren völlig erschöpft. Ohne großen Widerstand besetzten nun die Preußen unter Blüchers Führung am 3. Juli 1815 Paris. Wieder zog sich der mittlerweile 72-Jährige nach dem errungenen Sieg zurück.
Als Dank hat Blücher von seinem König neben diversen Orden – darunter der sogenannte Blücherstern – das Schloss und das Dorf Krieblowitz sowie weitere elf umliegende Güter in Schlesien und ein Stadtpalais am Pariser Platz in Berlin erhalten. In der schlesischen Provinz und in Karlsbad verbrachte er nun die Sommer und in der Hauptstadt die Winter. Am 12. September 1819 starb er auf seinen schlesischen Besitzungen.    Manuel Ruoff


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.