Stets wohlgelitten

Wie man einen Höfling zum Partisanen umschminkt, warum wir Macron trotzdem vergöttern, und wann die Rechnung kommt / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

17.06.17

Wunderbar! Die Franzosen haben dem neuen Hoffnungsträger Europas bei den Parlamentswahlen so richtig Rückenwind gegeben. Emmanuel Macrons Bewegung „La République en Marche“ steuert beim zweiten Wahlgang an diesem Sonntag eine satte Mehrheit an, vielleicht fallen ihr sogar zwei Drittel der Sitze in die Hände.
Alle sind begeistert, in Deutschland freuen sich Angela Merkel und Martin Schulz gleichermaßen und erklären den strahlenden neuen Präsidenten der Franzosen zu ihrem Mann in Paris. Auch FDP-Chef Christian Lindner ist hingerissen vom Sieg, den die „gemäßigten Kräfte“ mit Macrons Bewegung errungen hätten.
Wer ist dieser Franzose, den sie in Deutschland fast alle so phantastisch finden? Schwer zu sagen. Dafür wissen wir jetzt recht genau, wer Martin Schulz ist. Drei Tage vor seiner Macron-Begeisterung hatte der SPD-Vorsitzende und -Spitzenkandidat noch dem britischen Sozialisten-Chef Jeremy Corbyn zugejubelt. Macron und Corbyn − eine interessante Mischung.
Corbyn ist selbst seiner eigenen Partei-Elite viel zu links, wollte er doch sogar die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ ins Programm seiner Labour-Party zurückholen. Einen Macron würde der Brite als erz-neoliberalen Büttel des Kapitals beschimpfen. Macht nichts, Schulz findet beide toll.
Was sagt uns das? Der früh verglühte „Messias“ der SPD will sich um jeden Preis in die Nähe von Leuten robben, die nach Erfolg riechen, auf dass ein wenig von deren Glanz auf ihn herniederrieseln möge. Inhalte dagegen sind ihm vollkommen schnuppe.
Der Triumph Macrons zeige, dass die Franzosen endlich Reformen wollten, beglückwünschen deutsche Kommentatoren unsere Nachbarn, die uns mit dem Urnengang wieder nähergerückt seien. Die Franzosen wiederum sind stolz darauf, etwas wirklich Neues nach oben gewählt zu haben.
Aber sind sich Deutsche und Franzosen mit der neuen Macht in Paris wirklich nähergekommen? Ganz sicher, aber möglicherweise auf eine ganz andere Art, als beide meinen. Vereint sind sie, Gallier und Germanen, nämlich vor allem im Irrtum.
Fangen wir bei den Nachbarn an: Macron stehe für den Bruch mit den „alten Eliten“, glauben sie. Hört sich revolutionär an, was bei den Franzosen immer gut ankommt. Als wäre der 39-Jährige  wie ein Partisan aus den Wäldern gekommen, um die fetten Fürsten das Fürchten zu lehren.
Die Wirklichkeit weicht beträchtlich von diesem Heroen-Gemälde ab. Der junge Präsident hat bis ins I-Tüpfelchen die typische Karriere jener „alten Eliten“ durchlaufen, ist ein Gewächs der Verwaltungseliteschule ENA, wie fast alle mächtigen Politiker und einflussreichen Hofschranzen seines Landes. Heißt: Er war nie im „Wald“, sondern durchweg bei Hofe − und dort stets wohlgelitten. Nach der Ausbildung hat er in der Welt der großen Banken vorbeigeschaut und wurde schließlich vom ungeliebten François Hollande zum Finanzminister geadelt.
Vergangenes Jahr jedoch mehrten sich die Zeichen an der Wand, dass Hollande samt Entourage dem Untergang geweiht sei. Dies hätte auch Macrons Ende bedeuten können. Da schwante ihm, dass es Zeit war zur Flucht. Oder es hat ihm jemand gesagt, das wissen wir nicht.
Jedenfalls verließ er Hollandes sinkenden Kahn und machte sich 2016 mit seinem eigenen Verein „En Marche“ selbstständig. Von da an lief alles fabelhaft. Hat da jemand nachgeholfen? Wir werden wohl nie erfahren, ob Macron sich „En Marche“ allein in seinem Kämmerchen ausgedacht hat, oder ob ihn gewichtige Strippenzieher auf die Schiene gesetzt haben − sozusagen als Plan B für den Fall, dass das etablierte Parteiensystem nicht mehr zu retten sein würde.
Es hätte nämlich auch ganz furchtbar ausgehen können für die „alten Eliten“: Links wurden die regierenden Sozialisten 2016 von den Linksradikalen um Jean-Luc Mélenchon zerfressen, von rechts rollte Marine Le Pens Front National die alteingesessene Parteienlandschaft auf. Sollten große Banker, ENA-Absolventen und andere Mitfürsten der Republik da nicht nervös werden?
Es musste dringend was passieren, bevor alles auseinanderfliegt. Und es passierte etwas. Der jugendfrische ENA-Zögling Macron zog seine „neue Bewegung“ aus dem Hut, die nun alles ändert, damit alles beim Alten bleibt.
Noch einmal, wir wissen nicht, ob es sich so zugetragen hat, was Macron als Mogelpackung einflussreicher, etablierter Kreise erscheinen ließe. Aber sollte es so gewesen sein, können wir den Hut kaum tief genug ziehen vor den Schöpfern dieses Winkelzugs. Denn wir wären Zeugen eines der kunstvollsten Täuschungsmanöver der Geschichte! Ein Meisterwerk der Maskerade, dem selbst Machiavelli aus der Gruft höchste Anerkennung zollen müsste.
Wir Deutsche indes mögen solche Gedankenspiele nicht. Wir verdächtigen die Herrschenden nur ungern. Lieber vertrauen wir ihnen oder vergöttern sie sogar. Auch in Macron haben wir, wie einst in Obama, einen neuen Heilsbringer entdeckt, mit dem alles wieder gut wird, was eben noch so unordentlich aussah.
Doch bringt er uns Deutschen wirklich neues Heil, wie man angesichts der Medien-Begeisterung glauben sollte? Kaum, der Mann im Elysée will von uns vor allem eines: Geld. So sagt er das natürlich nicht. Macron verpackt die gepfefferte Rechnung in hübsche Umschläge mit Aufschriften wie „Europäischer Finanzminister“ oder „gemeinsame Anstrengung“. Auch eine gemeinsame Einlagensicherung oder eine EU-Arbeitslosenversicherung kann man sich an der Seine gut vorstellen.
Der EU-Finanzminister soll einen eigenen Haushalt bekommen, in den alle in Höhe ihrer jeweiligen Wirtschaftskraft einzahlen. Der „Minister“ verteilt das Geld dann nach „Bedürftigkeit“. Auch sollen Schulden gemacht werden, für die alle je nach Wirtschaftsstärke geradestehen. In welche Richtung die Moneten fließen werden, hat sogar schon unser Außenminister Sigmar Gabriel herausbekommen, findet das aber gar nicht tragisch. Wer sich gegen die europäische Finanz- und Schuldenunion stemme, der benehme sich engstirnig, ja kleinherzig, unkt Gabriel.
Recht hat er. Macron benötigt unser Geld schließlich dringend, um seine Franzosen vor Unzumutbarkeiten wie der Rente mit 67 zu bewahren oder um nicht allzu brutal an der 35-Stunden-Woche schrauben zu müssen. Sonst jagen die ihn noch davon!
Es wird gemunkelt, dass man erst nach dem deutschen Urnengang im September in die Einzelheiten gehen will, um Deutschlands Wähler nicht zu „verunsichern“ (sprich: auf die Spur der Wahrheit zu bringen). Aber ist so viel Verzagtheit überhaupt angebracht?
Schon jetzt schultern sie die höchste Steuer- und Abgabenlast aller entwickelten Industrienationen nach Belgien, wie wir bereits stolz vermeldet haben. Doch da geht noch mehr: In einer Umfrage wurden die Deutschen vor die Wahl gestellt, ob man angesichts der riesigen Überschüsse im Staatshaushalt lieber die Steuern senken oder ob der Staat eben mehr Geld ausgeben sollte. Nur eine kleine Minderheit sprach sich für Steuersenkung aus.
Die FDP stieg ja mal vollmundig als „Steuersenkungspartei“ in den Ring, weil sie meinte, damit bei uns punkten zu können. Pustekuchen. Auf dem mühsamen Weg zurück aus dem Hades haben die Liberalen gelernt: In ihrem diesjährigen Wahlprogramm kommen Steuerentlastungen erst ganz hinten vor, und da auch nur klein und versteckt. Warum? Weil die Forderung „stigmatisiert“ sei, vermutet man in Berlin.
Na also, da brauchen die Franzosen und die vielen anderen klammen Partner in der EU nur schwungvoll zuzugreifen. Uns kann man gar nicht genug abziehen. Wer uns dagegen die Steuern senken will, den prügeln wir notfalls aus dem Bundestag.


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Kommentare

Hein ten Hof:
23.06.2017, 13:57 Uhr

Wer steht hinter Macron? Das ist ein gewisser Jaques Attali, so kann man allenthalben lesen.

Dieser Attali war schon Berater von Mitterand. In einem Buch über Mitterand beschrieb Attalie wie Mitterand H. Kohl (er ruhe in Frieden) zum Euro mit einer Kriegsdrohung erpresset hat.

Jaques Attali, so wird geschrieben, besorgte Macron eine Bilderberger Einladung und zwei Monate später war Macron Wirtschaftsminister.

Ebenso sorgte Attali für eine Einladung zum Grossorient Frankreich, einer Karriere sicher förderlich. Beide übrigens Zöglinge der ENA.

Welchen Einfluss hat Attali jetzt auf Macron darf man sich fragen. Denn Attali befürwortet angeblich z.B. die Abschaffung der christlichen Feiertage, zumindest deren Namen, die völlige Entkoppelung und Entgrenzung von Liebe, Sexualität und Fortpflanzung.

Politik ist langfristig angelegt und wer da glaubt, dass Frankreich seinen Drang zum Rhein aufgegeben hat der irrt m.E. ganz gewaltig. Dort weiss man ganz genau wie "gutmenschlich, naiv" deutsche Politiker sind. Vor allem wenn auf "den Hintergrund der Geschichte" hingewiesen wird. Das ist nun mal der Schlüssel für den riesigen Safe der zukünftigen Verschuldung.


Arnold Schacht:
18.06.2017, 13:45 Uhr

Ich gehe schon länger davon aus, dass das mit Macron so oder ähnlich gelaufen ist, dass er Kandidat der Etablierten im neuen Gewand ist. Unabhängig davon, ob es so gelaufen ist: Sein Pro-EU-Kurs und die Unterstützung der Medien für ihn sind kein Geheimnis und zeigen, wo der Weg hinführt.


Jan Hus:
17.06.2017, 19:20 Uhr

Jeder bekommt also das was er verdient. Wenn die Franzmänner schlau genug sind, uns via Macron abzuziehen und wir noch stolz darauf sind. Wenn wir glücklich sind, bis 70 zu ackern, damit u.a. auch der Franzose mit 62 auf der Terrasse sitzend seinen Rotwein schlürfen kann - bittesehr! Wer mit Merkel seinen eigenen Untergang wählt (da weiß man wenigstens was man hat), der hat dann eben genau die Regierung, die er verdient. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen.


Emmanuel Precht:
17.06.2017, 06:21 Uhr

Ein Herr Soros freut sich über Frankreich derzeit einen Pinn an den Wertesten.

Wohlan...


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