Symbol der Nationalbewegung

Interview mit dem Studentenhistoriker Peter Kaupp über 200 Jahre Wartburgfest der Burschenschaft

02.11.17
Kulturwissenschaftler und Studentenhistoriker: Peter Kaupp Foto: Kaupp

Das Wartburgfest von 1817 war ein bis heute ausstrahlendes Pionierprojekt, dessen geistige Impulse in Deutschland zu mehr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Einheit der Nation führten. Es stand unter dem  Wahlspruch der Burschenschaft „Ehre, Freiheit, Vaterland“ und wurde anlässlich des 300. Jahrestages des Thesenanschlags Martin Luthers in der Form eines studentischen Nationalfestes veranstaltet. Am vorvergangenen Wochenende lud die Deutsche Burschenschaft (DB) erneut auf die Wartburg zu einer 200-Jahrfeier ein. Der Studentenhistoriker Peter Kaupp war einer der rund 1500 Teilnehmer. Bernd Kallina sprach für die PAZ mit ihm über Wesen und Bedeutung des Wartburgfestes im Verlauf von 200 Jahren.

PAZ: „Zukunft braucht Herkunft“, heißt eine Redewendung und der berühmte französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss glaubte gar, „dass ein Land ohne das Gefühl, dass seine Wurzeln in eine ferne Vergangenheit zurückreichen, ohne das konstante Gefühl dieser historischen Kontinuität nicht lebensfähig sei“. Stimmen Sie zu?
Peter Kaupp: Ja. Ähnlich hat es übrigens Papst Franziskus im Juli 2015 bei seinem Besuch in Paraguay formuliert: Ein Land, das seine Vergangenheit, seine Geschichte und seine Wurzeln vergisst oder sträflich vernachlässigt, hat keine Zukunft. Derartiges Wissen und die damit verbundenen Gefühle sind für die Identität, die Integration und die Zukunft auch unseres Landes geradezu überlebensnotwendig. Sie können mit bestimmten Personen – beispielsweise in der deutschen Geschichte mit Arminius, Barbarossa oder Luther – oder mit bedeutenden Ereignissen wie dem Hambacher Fest von 1832, den Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989 oder den Festlichkeiten zum 3. Oktober 1990 verbunden sein. Zweifellos gehört das Wartburgfest von 1817 dazu. In gewisser Weise fungiert ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein, das freiheitliche und positive Merkpunkte unserer Vergangenheit beleuchtet, wie ein sicheres Fundament, auf dem wir als Gesellschaft insgesamt stehen. Durch diese Bodenständigkeit und Verwurzelung finden wir auch leichter Orientierung in Gegenwart und Zukunft.

PAZ: Sie kommen gerade aus Eisenach zurück. Wie war die Stimmung bei den Teilnehmern, welchen Eindruck möchten Sie hervorheben?
Kaupp: Im Gegensatz zu manchen früheren Veranstaltungen war es ein harmonisches und ungestörtes Fest, an dem auffallend viele Burschenschafter aus Österreich teilnahmen. Zwar fanden der Festkommers und das Symposion der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung leider nicht auf der Wartburg statt, sondern wir mussten in einem eigens dafür errichteten großen Festzelt tagen, was akustisch und klimatisch nicht das reine Vergnügen war. Dennoch überwog ein insgesamt sehr gutes Festklima, das eine aktuelle Vergewisserung burschenschaftlicher Gemeinsamkeiten und Ziele im Rückblick auf 1817 vermittelte.

PAZ: Nun treten die zeitgenössischen deutschen Burschenschaften ja sehr differenziert auf, sie streiten und spalten sich gerne in unterschiedliche politische Ausrichtungen. Beim Wartburgfest überwog offensichtlich aber ihr einigendes Band?
Kaupp: Richtungsstreitigkeiten begleiteten das burschenschaftliche Leben seit ihrer Gründerzeit. Auf unzähligen Burschentagen ging es zwischen den unterschiedlichen Meinungslagern, das heißt im Ringen über den richtigen politischen Kurs, hoch her, was man auch positiv sehen kann. In vielen Fragen gibt es eben keine Einheitslinie wie im Politbüro einer KP. Im Bezug auf das Wartburgfest von 1817 sind sich allerdings alle burschenschaftlichen Lager einig. Es war die erste gesamtdeutsche Studentenversammlung und mit den „Grundsätzen und Beschlüssen“ von damals wurde der Grundstein der burschenschaftlichen Idee formuliert. Ausgerichtet wurde die 200-Jahrfeier von der tendenziell eher rechtskonservativen DB, also nicht von den beiden kleineren liberalen Verbänden, der 1996 gegründeten „Neuen Deutschen Burschenschaft“ (Neue DB), der 2016 gegründeten „Alten Deutschen Burschenschaft“ (ADB) und den zahlreichen verbandsfreien Burschenschaften. Die drei ältesten jenaischen Burschenschaften nahmen offiziell an dem Fest nicht teil. Von den Zielen der Urburschenschaft 1815, „eine Burschenschaft an jedem Hochschulort“, war die Burschenschaft noch nie so weit entfernt wie 2017.

PAZ: Wenn Sie einmal im groben Überblick das Wartburgfest von 1817 historisch einordnen: Inwiefern war es wegweisend und warum wird das doch ähnlich motivierte Hambacher Fest von 1832 in der offiziösen Geschichtspolitik in der Bundesrepublik ausführlicher gewürdigt?
Kaupp: Mit Fug und Recht kann man dem Wartburgfest für die deutsche Geschichte schon eine herausragende und damit wegweisende Bedeutung zuschreiben. Mit seinen „Grundsätzen und Beschlüssen“ wurden Grundelemente der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Verfassung gelegt. Die Studenten forderten „bürgerliche Freiheiten“ wie Meinungs-, Rede-, Presse- sowie Glaubens-, Lehr- und Lernfreiheit. Hinzu kamen Forderungen nach einer Überwindung der damaligen Kleinstaaterei deutscher Fürstentümer, was ein Meilenstein für die Demokratie- und Nationalbewegung in Deutschland darstellte. Nicht zuletzt wurden vor 200 Jahren dort erstmals die deutschen Farben gezeigt – die mitgeführte Fahne war rot-schwarz-rot, goldumrandet, mit einem goldenen Eichenlaub in der Mitte –, also die Farbensymbole der späteren deutschen Republik. Dass das wenige Jahre später stattgefundene Hambacher Fest von 1832 oftmals etwas ausführlicher gewürdigt wird, liegt vermutlich daran, dass es eher eine fröhliche volksfestähnliche Massenveranstaltung mit rund 25000 Frauen und Männern war und deshalb länger im „kollektiven Gedächtnis“ haften blieb als das recht ernste und rein studentische Wartburgfest mit rund 500 Teilnehmern.

PAZ: Welche Rolle spielte beim Treffen auf der Wartburg die Erinnerung an die Reformation?
Kaupp: Eine ganz zentrale Rolle. Im Einladungsschreiben der Jenaischen Burschenschaft vom 11. August 1817 stand die 300-Jahrfeier der Reformation an erster Stelle. Damit sollten die Feier des Sieges der Völkerschlacht bei Leipzig von 1813 „und die erste freudige und freundschaftliche Zusammenkunft deutschen Burschen von den meisten vaterländischen Hochschulen“ verbunden werden, wie es im Schreiben hieß. Hinzu kommt, dass die Wartburg 1521/22 der Zufluchtsort von Martin Luther war, der zentralen Persönlichkeit der deutschen Reformation, der dort in nur elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzte und es damit auch dem einfach Volk verständlich machte. Kurzum: Die Wartburg war die bedeutsame Stätte der jungen Nationalbewegung schlechthin!

PAZ: Oft wird im Zusammenhang mit dem Wartburgfest auf eine dortige „Bücherverbrennung“ hingewiesen und als Widerspruch zum Freiheitsgeist der Burschenschaften in Stellung gebracht, richtig?
Kaupp: Nein, weil es so nicht ganz stimmt. Richtig ist, dass außerhalb des offiziellen Programms auf dem nahen Wartenberg sogenannte „Bücher“ verbrannt wurden. Doch das waren keine Bücher im eigentlichen Sinn, sondern Makulaturballen, weil gedruckte Bücher viel zu teuer gewesen wären. Und in diesen Makulaturballen befanden sich vor allem Schriften von Gegnern des Turnwesens und der Burschenschaft. Die Initiative ging wohl von Berliner Burschenschaftern aus, die sich im Umfeld von Turnvater Jahn befanden. Nun waren derartige Bücherverbrennungen damals nichts Ungewöhnliches. Die Studenten konnten sich unter anderem auf Martin Luther berufen, der am 10. Dezember 1520 vor dem Elstertor in Wittenberg öffentlich die päpstliche Bann-Androhungsbulle „Exsurge Domine“ verbrannt hatte. Dem Autodafé zum Opfer fielen auf dem Wartburgfest unter anderem ein Exemplar des Code Napoléon, des damals fortschrittlichsten Rechtswerkes und insofern kein Ruhmesblatt für die jugendlichen Hitzköpfe. Wenn dabei auch die „Germanomanie“ des jüdischen Publizisten Saul Ascher der „Bücherverbrennung“ zum Opfer fiel, dann wohl weniger deshalb, weil dieser Jude war – Antisemitismus spielte in der frühen Burschenschaft noch keine Rolle –, sondern weil dieser sich erdreistete, über die deutschtümelnden Jahn-Jünger zu spotten. Dass dabei auch die „Geschichte des deutschen Reichs“ seines erfolgreicheren literarischen Gegners Kotzebue ein Opfer der Flammen wurde, begrüßte Goethe mit grimmiger Schadenfreude und verspottete diesen mit den Versen: „Dass Du Dein eignes Volk gescholten / Die Jugend hat es Dir vergolten / Aller End’ her kamen sie zusammen / Dich haufenweise zu verdammen, / St. Peter freut sich dieser Flammen.“

PAZ: Der urburschenschaftliche Freiheitsbegriff in Verbindung mit den Forderungen nach Rechtstaat und Verfassung sowie nach deutscher Einheit sei in die Verfassungen von Weimar und in unser Grundgesetz von 1949 eingeflossen. In welchem Umfang trifft dies zu?
Kaupp: Hier gibt es wichtige Verbindungslinien. In den erst nach dem Wartburgfest beschlossenen, nicht veröffentlichten, aber schnell verbreiteten „Grundsätzen und Beschlüssen des Wartburgfestes von 1817“ finden sich teilweise ähnliche Formulierungen wieder wie in der Paulskirchenverfassung von 1849, in der Weimarer Verfassung von 1919 sowie im Grundgesetz von 1949. Sie betreffen unter anderem die Punkte Gleichheit vor dem Gesetz, die Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie die des Eigentums. Mit Recht hat der Verfassungshistoriker Ernst Rudolf Huber die maßvollen, in ihrem Kern die Grundpositionen des deutschen Liberalismus widerspiegelnden burschenschaftlichen „Grundsätze und Beschlüsse“ als „das erste deutsche Parteiprogramm“ bezeichnet. Sie seien die erste programmatische Zusammenstellung der Leitgedanken des liberalen Nationalismus in Deutschland, so Huber.

PAZ: Und auch in der Präambel des Grundgesetzes und der darin formulierten Staatszielsetzung „die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“ spiegelte sich doch ein urburschenschaftliches Anliegen wider: die Überwindung der Spaltung Deutschlands in Freiheit, oder?
Kaupp: Eindeutig. Vor allem, wenn wir uns die Zeiten der Teilung Deutschlands im Kalten Krieg vergegenwärtigen. Da galt bis tief ins bürgerliche Lager hinein die nationale Einheit zumindest als „nicht opportun“. Stellvertretend für viele andere Einheitsgegner sei hier beispielhaft auf das Credo von Klaus Harpprecht hingewiesen: „Ich will keine Wiedervereinigung, sie bedroht die europäische Balance und treibt die BRD in eine gefährliche Isolierung, gefährdet den Frieden und liegt nicht im Interesse der deutschen Nation.“ Dagegen gehörten die Burschenschaften zu den ganz wenigen Gruppierungen, die unbeirrbar an der Forderung nach einer deutschen Wiedervereinigung festhielten. In Artikel 1 der bereits erwähnten „Grundsätze“ von 1817 heißt es in dem uns heute etwas ungewohnten jugendlichen Pathos jener Jahre: „Je mehr die Deutschen durch verschiedene Staaten getrennt sind, desto heiliger ist die Pflicht für jeden frommen und edlen deutschen Mann und Jüngling, dahin zu streben, dass die Einheit nicht verloren gehe und das Vaterland nicht verschwinde.“

PAZ: Kritiker sehen auch als Folge der 68er Bewegung das deutsche National- und Geschichtsbewusstsein stark unterentwickelt. Michael Wolffsohn charakterisierte einmal bei einem Vergleich mit Israel die heutigen deutschen Funktionseliten als weitgehend „postnational“. Würde nur der Begriff „Volk“ überhaupt erwähnt, bekämen sie einen „Hautausschlag oder einen Nervenzusammenbruch“. Ändert sich da zurzeit etwas in Richtung Normalisierung?
Kaupp: Ich hoffe das, denn die modische Ablehnung des Begriffes „Volk“ halte ich für höchst fragwürdig, ja geradezu grotesk. Schließlich ist schon in der Präambel des Grundgesetzes und in zahlreichen Artikeln vom „deutschen Volk“ die Rede. Auch ist hier die Eidesformel des deutschen Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers und der Bundesminister nach Artikel 56 und 64 des Grundgesetzes in Erinnerung zu rufen, die da lautet: „Ich schwöre, dass ich meine ganze Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden … werde.“ Und wie riefen unsere mitteldeutschen Landsleute bei der friedlichen Revolution 1989/90: „Wir sind das Volk!“ und später „Wir sind ein Volk!“. Auch die Burschenschaft bekennt sich zum deutschen Volk – allerdings mit dem Unterschied, dass die DB von ihren Mitgliedern die deutsche Abstammung, ADB und Neue DB von ihren das Bekenntnis zum deutschen Volk verlangen.

PAZ: Worin könnte ein zeitgemäßer Auftrag der deutschen Burschenschaft von heute und morgen bestehen?
Kaupp: Sich über die Pflege des integrierten studentischen Brauchtums hinaus und unabhängig von der Parteizugehörigkeit auf allen Ebenen an der politischen Willensbildung zu beteiligen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, kurz: sich dem Gemeinwesen uneigennützig zur Verfügung zu stellen.


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