Thomas Dehler – ein »gescheiterter Politiker«?

Vor 50 Jahren starb der Gegenspieler Adenauers, erste Justizminister der Bundesrepublik und FDP-Vorsitzende von 1954 bis 1957

24.07.17
Zeigte sich von Konrad Adenauer politisch wie menschlich schwer enttäuscht: Thomas Dehler

Jüngere werden bei Thomas Dehler noch am ehesten an das Thomas-Dehler-Haus denken, die Parteizentrale der FDP von 1993 bis März 2017. Der als außergewöhnlich selbstkritisch beschriebene Politiker konnte sich in der Deutschlandpolitik in der Tat nicht gegen Konrad Adenauer durchsetzen. Aber war er deshalb ein „gescheiterter Politiker“, wie er am Ende seines Lebens selber meinte?

„Er war ein großer Mann. Wer wird der Nächste sein?“ Dies soll Thomas Dehler geäußert haben, als er am späten Nachmittag des 25. April 1967 in Bonn das Vorbeigleiten des Schiffskonvois mit dem Sarg Konrad Adenauers verfolgte, der nach dem Pontifikalamt im Kölner Dom auf den Rhöndorfer Waldfriedhof überführt wurde. Sofern die Frage nach dem „Nächsten“ mit Blick auf die Reihen der Bonner Politprominenz der frühen Bundessrepublik gestellt war, entbehrt die Antwort nicht einer gewissen Tragik. Dehler selbst war es, der kein Vierteljahr später, am 21. Juli 1967, verstarb. Mit knapp 70 Jahren war der einstige FDP-Vorsitzende und Justizminister weit vom nahezu biblischen Alter des ersten Bundeskanzlers entfernt.
Die anerkennenden Worte, die Dehler für Adenauer fand, sind umso bemerkenswerter, als die beiden es einander nie leicht gemacht haben. Hier der rheinisch-katholische, christlich-konservative Bundeskanzler, dort der katholisch getaufte Freimaurer und Liberale aus Franken, dessen zentrales Anliegen die Einheit des Landes war. Große Kämpfer waren sie beide. Vor allem in der Deutschlandpolitik und der damit zusammenhängenden internationalen Orientierung herrschten klar getrennte Auffassungen. Es kam mehrfach zu schweren Zusammenstößen. Dass Dehler dabei zu wenig Leidenschaft gezeigt hätte, wurde nie behauptet.
Geboren wurde Dehler am 14. Dezember 1897 in Lichtenfels im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken. Nach dem Jurastudium engagierte er sich in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. Dehlers Lebensmittelpunkt bildete Bamberg. Als Anwalt war er gut situiert. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten hatte er vielfache Angriffe und Repressalien zu erdulden. Er vertrat jüdische Mandanten und stand zu seiner jüdischen Ehefrau. Diese Verbindung galt nach den Begrifflichkeiten der Nürnberger Gesetze als „privilegierte Mischehe“. Irma Dehler war damit geschützt, aber Verwandte von ihr wurden deportiert. Thomas Dehler selbst wurde 1938 kurzzeitig verhaftet, 1944 wurde er zwangsweise bei der Organisation Todt arbeitsdienstverpflichtet.
Verborgen blieb den Nationalsozialisten, dass Dehler sich in der „Robinson-Strassmann-Gruppe“ betätigte, die als einzige reichsweite liberaldemokratische Widerstandsgruppe von längerem Bestand gilt. Trotz seiner unbestrittenen Gegnerschaft zum NS-Regime und ohne jemals in Verdacht geraten zu sein, die politische Mitte verlassen zu haben, zeigte sich Dehler – hier ganz Liberaler – später großzügig, wenn es im Zusammenhang mit der sogenannten Vergangenheitsbewältigung um die Behandlung  wegen ihrer NSDAP-Zugehörigkeit entlassener Beamten oder Verjährungsfragen ging.
Dehler übernahm 1946 den Landesvorsitz der bayerischen FDP und war 1948/49 Mitglied des Parlamentarischen Rates. Er war nach der Gründung der Bundesrepublik deren erster Justizminister. Aber bereits nach der Bundestagswahl von 1953 sorgte Adenauer dafür, dass er trotz weiterer Regierungsbeteiligung der FDP nicht in das nächste Kabinett übernommen wurde. Nolens volens übernahm der unbequeme Franke von Hermann Schäfer die Führung der Fraktion seiner Partei im Bundestag. Ein Jahr später übernahm er zusätzlich von Franz Blücher den Parteivorsitz. Beide Ämter behielt er bis 1957. Ein Jahr zuvor war die Koalition zerbrochen. Unmittelbarer Anlass war eine von der Union angestrebte Wahlrechtsänderung, die stark zulasten der FDP gegangen wäre, die eigentliche Ursache jedoch bildeten Differenzen in der Deutschlandpolitik. Infolge des Koalitionsbruchs verließ ein Teil der FDP-Abgeordneten die Partei und gründete die kurzlebige Freie Volkspartei. Für Dehler war dies eine schwere Niederlage. Von 1960 bis zu seinem Tode war er einer der stellvertretenden Bundestagspräsidenten.
Dehlers Ziel war die Einheit der Nation in Freiheit. Im Oktober 1953 hatte er ausgeführt: „Das Gesetz, nach dem nun nicht nur im 19. Jahrhundert, sondern auch in diesem Jahrhundert unsere Staaten angetreten sind, ist das Gesetz, dass die Menschen einer Geschichte, eines Volkes, einer gemeinsamen Sprache und Kultur zu ihrem Staate wollen.“ In den Pariser Verträgen vom Oktober 1954 glaubte er, die „richtige Form“ für Europa erkannt zu haben, „das freie Zusammenfügen von Einzelstaaten, von Nationalstaaten, das Bündnis“. Dies lag ganz auf der Linie der späteren Formulierung von Charles de Gaulle vom „Europa der Vaterländer.“ Aber „das Vaterland zuerst!“, fügte Dehler den Worten des französischen Staatspräsidenten hinzu. In einem Interview mit Günter Gaus von 1963 sagte er: „Gewiß, Europa muß sich finden, muß seine Kräfte sammeln, aber nicht in Form des Aufgehens in konzentrierten Instanzen, in Bürokratien, sondern im organischen Zusammenwirken der Völker.“
Adenauer hatte er zunächst voll und ganz unterstützt, weil er glaubte, dessen Westbindungspolitik verfolge das Ziel der deutschen Wiedervereinigung. Diese Sicht revidierte Dehler später vollständig. Adenauers Einsatz für das Saarstatut kritisierte er scharf. Dieses hätte eine „Europäisierung“ der Saar bedeutet und wurde 1955 von der dortigen Bevölkerung zugunsten einer Angliederung an die Bundesrepublik klar abgelehnt. Auch bezüglich der ursprünglich im Deutschlandvertrag von 1952 enthaltenen Bindungsklausel griff er Adenauer an. Die Verpflichtungen der Bundesrepublik wären durch diese Klausel auf die mit ihr zu vereinigenden Gebiete übertragen worden und hätten der Einheit somit massiv im Wege gestanden.
Für einen Fehler hielt Dehler Adenauers pauschale Zurückweisung der Stalin-Note von 1952. Dies tat er allerdings erst im Nachhinein. Zunächst hatte er, seinen eigenen Worten zufolge, Adenauers Aussage vertraut, es handle sich lediglich um ein „Störmanöver“. Einseitig sei der Blick auf den Westen, eine „Rolle der Vermittlung mit dem Osten“ falle Deutschland zu, so Dehler 1956. Ein „Brücke-Konzept“, wie es Jakob Kaiser vertrat oder gar ein wirtschafts- und gesellschaftspolitisch „dritter Weg“ wäre allerdings nicht im Sinne Dehlers gewesen.
Seine große, fast schon legendäre Abrechnung mit Adenauer erfolgte mit einer Rede im Bundestag am 23. Januar 1958. Der Wille zur Einheit sei gar nicht mehr gegeben. Der Regierung warf er vor, durch die Politik des Kalten Krieges diese aufgegeben zu haben. Er zeigte sich auch menschlich schwer enttäuscht von Adenauer, dessen staatsmännische Größe er dennoch anerkannte.
Die Lebensbilanz Dehlers ist von der Perspektive abhängig, wie sein Biograf Udo Wengst aufzeigt: Als „gescheiterter Politiker“ habe er sich gegen Ende seines Lebens, in den 1960er Jahren, gefühlt. Die weitere Entwicklung und der Rück­blick aus größerem zeitlichen Abstand sollte das selbstkritische Urteil – der Historiker Rainer Zitelmann charakterisiert Dehler als außergewöhnlich selbstkritischen Politiker – jedoch stark relativieren: Zu Aufbau und Stabilisierung der deutschen Nachkriegsdemokratie habe Dehler, so wiederum Wengst, „einen wesentlichen Beitrag geleistet“. Vor allem aber: Die deutsche Einheit, „das Ziel eines demokratischen deutschen Nationalstaates“ habe Dehler nie aus den Augen verloren – und er hat seinerzeit dafür gesorgt, dass es auch andere nicht taten.    Erik Lommatzsch


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