Umgang mit Revolution spaltet Russen

Kommunisten feierten offiziell 100. Jahrestag: Befürworter und Gegner halten sich die Waage

16.11.17
Moskau am 7. November: Lediglich Kommunisten feierten den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution Bild: pa

In der Beurteilung der Oktoberrevolution von 1917 zieht sich ein Riss durch die russische Gesellschaft. Während 45 Prozent der Bevölkerung die Revolution positiv sehen, hielt Wladimir Putin sich von den Feierlichkeiten fern. Er will dem Umgang mit der Revolution einen versöhnenden Charakter verleihen.

Befreiung von der Knechtschaft des zaristischen Regimes, ein blutiger Umsturz oder eine Katastrophe epochalen Ausmaßes? Wie soll man die Ereignisse, die vor 100 Jahren Russland erschütterten, heute beurteilen? Diese Frage beschäftigt nicht nur Historiker, Journalisten und Wissenschaftler im Westen, sondern auch in Russland selbst.
Den 100. Jahrestag feierten lediglich die Kommunisten mit öffentlichen Umzügen, denn Präsident Putin distanzierte sich, indem er sagte, an der Verherrlichung eines blutigen Volksaufstands, der zum Sturz einer Regierung führte, habe er kein Interesse. Schon früher hatte er Lenin als Zerstörer Russlands bezeichnet. Während westliche Medien ausführlich über den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution berichteten, werteten sie Putins Fernbleiben von allen Feierlichkeiten als Furcht vor einer neuen Revolution. Doch laut russischen Beobachtern ist mit einer Revolte so bald nicht zu rechnen, denn die Menschen seien heute eher daran interessiert, Einkäufe zu tätigen und sich ihr Leben mit Geld so bequem wie möglich zu gestalten.
Ganz so spurlos, wie man uns  glauben machen will, ging der Jahrestag der Oktoberrevolution doch nicht an der russischen Öffentlichkeit vorbei. Die Russische Historische Gesellschaft, deren umstrittener Leiter Kulturminister Wladimir Medinskij ist, hatte den offiziellen Auftrag, Veranstaltungen zum 100. Jahrestags der Revolution vorzubereiten Es wurden wissenschaftliche Konferenzen, Foren und Ausstellungen durchgeführt, die weniger öffentlichkeitswirksam waren als großangelegte Festumzüge. Wenn auch der Auftrag an den Kulturminister lautete, dem Umgang mit der Revolution einen versöhnenden Charakter zu verleihen, wurde dennoch kontrovers diskutiert. Bei einer Duma-Anhörung stritten Abgeordnete, Senatoren, Historiker, Vertreter von Stiftungen und junge Wissenschaftler über das historische Ereignis. Dabei zeigte sich, dass die Revolution insgesamt sehr umstritten ist. Kommunistenführer Gennadij Sjuganow hob die positiven Folgen der Revolution hervor, wie die kostenlose Bildung für alle, die Entwicklung des Industriesektors und der Wissenschaft sowie Jurij Gagarins Flug ins Weltall. Wladimir Schirinowskij (Liberaldemokratische Partei Russlands) konterte, die ganze Revolution sei nur Gewalt und Betrug gewesen. Er ging sogar so weit, die Bolschewiken mit heutigen IS-Kämpfern zu vergleichen.
Neben Politikern blickten auch Journalisten und Philosophen auf das Jahrhundertereignis zurück und zogen Schlüsse zur Gegenwart. Der Philosoph Michail Ryklin sagte offen, dass 1917 in der Folge zu mehr Unfreiheit geführt habe wegen Stalins Säuberungen. Der Befreiungsprozess heute finde nur in der Konzentration von Eigentum in den Händen eines engen Kreises in der Umgebung der Macht statt. Dass im heutigen Russland die Macht wieder in einer Hand liegt, die Idee eines wiedererstarkten Imperiums gepaart mit einem Kriegskult entstanden sei. erklärt der Philosoph mit dem Zerfall der Sowjetunion, der die Menschen überwältigt habe. Jahrelang hatten sie hinter dem Eisernen Vorhang gelebt und sahen erst jetzt, welchen Vorsprung das kapitalistische System hatte. Von den Privatisierungen profitierte nur eine kleine Gruppe von Leuten, für die meisten fiel alles zusammen. Daraus lasse sich das Verlangen nach einer starken Hand ableiten.
Der Journalist Alexander Schelenin stellt fest, dass Russland seit 1991 nichts erreicht habe, worauf es stolz sein könne: Die großen Ackerflächen der Sowjetunion seien in Wüsten verwandelt worden, für die wenigen Fabriken, die seit 1991 gebaut worden seien, zeichneten ausländische Firmen verantwortlich.
Linguisten prangern die Verrohung der Sprache an. Vor allem russische Beamte bedienten sich im Umgang mit Bürgern des Jargons von Tschekisten, was zu einem Hassklima führe. Eine regelrechte Hasspropaganda förderten ebenfalls die staatlichen Fernsehsender.
So konträr wie Politiker und Wissenschaftler es tun, betrachtet auch das Volk die Revolution. Laut Ergebnissen einer Umfrage des staatlichen WZIOM-Instituts sehen
45 Prozent die Revolution positiv, ebenso viele beurteilen sie negativ. und 13 Prozent sehen in ihr eine Katastrophe. Umstritten ist selbst der Umgang mit Lenin. Während Kommunisten die Erinnerung an ihren Revolutionsführer hochhalten, scheint Putin sich eher an Traditionen des Zarenreichs zu orientieren. Vor Jahren schon wurde der Revolutionsfeiertag am 7. November zugunsten des 4. November (Einheit des Russischen Volkes), abgeändert.
Anlässlich des Jahrestags flammte auch die Diskussion um das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz wieder auf. Die liberale Putin-Herausfordererin Xenia Sobtschak – sie ist die Tochter des ehemaligen Putin-Vertrauten Anatolij Sobtschak und will bei der Präsidentschaftswahl gegen ihn antreten – möchte Lenin sofort beerdigen und erhält überraschend Rückendeckung von Putins Statthalter in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow. 60 Prozent der Russen sind laut WZIOM ebenfalls für eine Beerdigung Lenins.
Ein Denkmal in Moskau für die Opfer aller, die während der Revolution und im anschließenden Bürgerkrieg ums Leben gekommen sind, soll zur Aussöhnung führen. Ein ähnliches Vorhaben in Sewastopol auf der Krim stieß auf wenig Gegenliebe. Der Bau eines Mutter-Heimat-Denkmals, zu dessen Fuß ein Weißgardist und ein Rotgardist vereinigt sind, musste wegen zu heftiger Proteste auf Eis gelegt werden. Der Ukrainekonflikt dürfte überdies dazu beigetragen haben, dass Russlands offizielle Erinnerung an die Revolution verhalten ausfiel, begannen doch mit der Revolution erste Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine. Ohne die Ukraine ist Russland jedoch kein Imperium.
     Manuela Rosenthal-Kappi


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Kommentare

Arnold Schacht:
16.11.2017, 19:04 Uhr

Eine Befreiung vom Zarenregime war die "Große Proletarische Oktoberrevolution" (in Wirklichkeit: der kleine Elitäre Novemberputsch) schon deswegen nicht, weil der Zar bereits seit Februar/März gestürzt war. Außerdem: So schlimm wie die Kommunisten hat kein Zar nach Iwan dem Schrecklichen mehr gewütet. Kein Grund zum Feiern, sondern zum Tragen von Trauer.
Komischerweise sind die Leute, die heute vor Putin warnen, die geistigen Nachfolger, die bezüglich der Kommunisten in der UdSSR immer abgewiegelt haben.


Hans-Joachim Nehring:
16.11.2017, 16:25 Uhr

Die Oktoberrevolution 1917 in Russland brachte die Diktatur der Bolschewiken um Lenin und Verbrecher. Im Ergebnis wurde die Zarenfamilie abgeschlachtet, ein fürchterlicher und brutaler Bürgerkrieg geführt und Millionen Menschen in der Ukraine in den Hungertod getrieben. Stalin und Hitler waren sich als Antidemokraten sehr ähnlich und sie sind gemeinsam über Millionen von Menschenopfern geschritten. So gesehen ist die Oktoberrevolution eine Tragödie, an welcher die deutsche Heeresleitung fleißig mit gewirkt hatte.


Albert Nola:
16.11.2017, 16:17 Uhr

Wie hoch sind die Schäden des Kommunismus weltweit? Ich schätze mehr als 100 Billionen Euro: die russischen Kommunisten haben den Faschismus, den Nationalsozialismus und den 2. Weltkrieg provoziert. 150 Millionen Tote und heute noch fast 2 Milliarden Menschen, die unter der kommunistische Herrschaft und Ideologie leiden.


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