Verlustrisiko: 800 Milliarden Euro

Berlin versucht nicht einmal, die drohenden Verluste durch die Target-Problematik auch nur begrenzen

21.02.17
Sicherer als Target2-Forderungen und in den Nationalbanken der Schuldner Frankreich und Italien in nennenswertem Umfang vorhanden: Gold Bild: Colourbox

Die Forderungen der Bundesbank im Rahmen des Zahlungssystems der Euro-Zentralbanken haben ein neues Allzeithoch erreicht. In den kommenden Monaten wird das Verlustrisiko ganz erheblich steigen.

Wie von der Deutschen Bundesbank mittgeteilt wurde, sind die sogenannten Target2-Forderungen im Januar um rund 40 Milliarden Euro weiter angestiegen. Innerhalb des Euro-Systems stehen andere Zentralbanken damit inzwischen mit mehr als 795 Milliarden Euro bei der deutschen Notenbank in der Kreide. Über die Frage, welches Risiko von den Target-Salden ausgeht, wird seit Jahren gestritten.
Zur Entkräftung der Kritik wird gern vorgebracht, bei den Target-Salden würde es sich um rein buchungstechnische Positionen handeln, die allenfalls bei einem Auseinanderbrechen des Euro-Systems zum Problem werden könnten. Genau diese Gefahr wird in den kommenden Monaten allerdings wieder beträchtlich steigen. Beobachter warnen im Fall von Griechenland vor einer baldigen Zuspitzung der Situation, die das Land erneut an den Rand der Zahlungsfähigkeit bringen könnte. Hintergrund ist ein Streit unter den Gläubigern, ob Griechenland seine Schulden wird begleichen können. So plädiert der Internationale Währungsfonds zwar für Schuldenerleichterungen. Vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) aber lehnt dies ab. Kommt keine Einigung zustande, steht die Auszahlung der nächsten Geldtranche an Athen auf der Kippe.
Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, wiederum hat unlängst auf die Situation in Italien aufmerksam gemacht: „Dort kommt jetzt eine neue Regierung an die Macht, von der man nicht weiß, wie lange sie im Amt bleibt oder ob sie überhaupt etwas unternimmt. Doch mit Nichtstun wird sich Italien nicht in der Eurozone halten können“, so Fuest im Interview mit dem „Tagesspiegel“.
Inzwischen rückt mit Frankreich der nächste Kandidat für einen Euro-Ausstieg in den Fokus. Umfragen sehen die Euro-Kritikerin Marine Le Pen (Front National) in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am 23. April an der Spitze. Viele Medien gehen von einem Scheitern Le Pens in der Stichwahl am 14. Mai aus. Angesichts der Umfrage-Desaster im Vorfeld der Trump-Wahl oder der Brexit-Abstimmung ist mittlerweile allerdings eine gehörige Portion Skepsis gegenüber derartigen Prognosen zu empfehlen. Ein Blick in das Wahlprogramm Le Pens ist in jedem Fall angebracht. Angekündigt hat die Front-National-Kandidatin, sie wolle nach einem Wahlsieg Frankreich aus der Eurozone herauslösen und auch ihr Volk über eine weitere EU-Mitgliedschaft abstimmen lassen. Spätestens dann könnten sich Target2-Forderungen der Bundesbank in reale Verluste umwandeln. Ein Ausscheiden Frankreichs aus der Eurozone würde nämlich nicht nur wirtschaftliche und politische Schockwellen auslösen, sondern könnte schnell auch Nachahmer auf den Plan rufen und so zu einem zügigen Verfall der gesamten Eurozone führen. Nicht zu beantworten ist die Fragen, ob Euro-Austritte nicht gleich für einen Schuldenschnitt oder Kapitalverkehrskontrollen genutzt werden.
Erstaunlich wenig thematisiert wird bislang hierzulande, wie eine Risikovorsorge der Bundesbank für ein derartiges Szenario aussehen könnte. Ein Blick in die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte zeigt eine Möglichkeit auf. So resultieren die fast 3400 Tonnen Goldreserven der Bundesbank ganz erheblich aus den Exporterfolgen des deutschen sogenannten Wirtschaftswunders. Die in den 1950er und 1960er Jahren durch Ausfuhren erwirtschafteten Dollar wurden seinerzeit in Gold eingetauscht. Auch aktuell würden Möglichkeiten bestehen, dass die Bundesbank ihre Target2-Forderungen in solidere Anlageformen umwandelt. So verfügen die Banca d’Italia oder die Banque de France durchaus über nennenswerte Goldreserven. Der italienische Staat wiederum sitzt auf einem beachtlichen Immobilieneigentum und milliardenschweren Konzernbeteiligungen. Allein in diesem Jahr will die italienische Regierung mit Privatisierungen von Staatsbeteiligungen sieben Milliarden Euro einnehmen.
Innerhalb der Bundesregierung ist allerdings bislang kein Wille erkennbar, die drohenden Verluste durch die Target-Problematik auch nur begrenzen zu wollen. Speziell mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz könnte die Diskussion sogar eine völlig andere Richtung einschlagen. Angekündigt hat Schulz nämlich, er wolle nun auf nationaler Ebene für das europäische Projekt kämpfen. Angebracht ist vor diesem Hintergrund ein Blick auf die Positionen des SPD-Kanzlerkandidaten während seiner Zeit als Fraktionsvorsitzender der Sozialisten und später als Präsident des EU-Parlaments. Martin Schulz kann neben Jean-Claude Juncker und Mario Draghi nicht nur als eine Symbolfigur für die bislang betriebenen Euro-Rettungsversuche gesehen werden, er hat in der Vergangenheit auch Sympathien gezeigt, Eurobonds zur gemeinsamen Schuldenaufnahme in der Eurozone einzuführen.    
    Norman Hanert


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Kommentare

Franz Keks:
28.02.2017, 22:16 Uhr

@Andreas Müller - @Dietmar Fürste - Es ist mode geworden gegen EURO und EU zu sein. Die EZB kann unbeschränkt Staatsanleihen kaufen, weil der EURO die stärkte und stabilsten Währung der Welt ist. Die sogenannten Südländer, siehe Spanien, bezahlen alles zurück. Also, keine Angst!


Andreas Müller:
21.02.2017, 11:29 Uhr

...(Schulz) hat in der Vergangenheit auch Sympathien gezeigt, Eurobonds zur gemeinsamen Schuldenaufnahme in der Eurozone einzuführen...

Sorry, nicht ganz richtig!
Schulz hat sich ++ vehement ++ DAFÜR eingesetzt.
Dieser Typ hat nichts ausgelassen, um die Deutschen Bürger zu schädigen!!!
Und
Eurobonds
heißt nicht nur, dass Schulden für ALLE Euro-Länder aufgenommen werden,
sondern,
dass AUSSCHLIEßLICH der DEUTSCHE Steuerzahler für diese Schulden bürgert und BEZAHLT!!!
GB ist draußen. A, NL sind nicht der Rede wert.
Ergo:
Schulz ist genauso ein Deutschland-Vernichter wie Merkel, Gabriel, oder die LINKEN, GRÜNEN.
Das ist der gemeinsame Lack, der alle bunten Parteien zusammen halten lässt.


Dietmar Fürste:
21.02.2017, 08:21 Uhr

Die völlig fehlende Souveränität der BRD erweist sich bei Target2 schon bei der Frage, warum die fast eine Billion Forderungen nicht mit den über zwei Billionen Euro Staatsschulden verrechnet werden kann? Die Antwort ergibt sich aus der supranationalen Finanzordnung der EU nach dem Vorbild der FED:

Die weiche Fiat-Währung EURO ist eben nur Spielgeld im buchhalterischen Geschehen und kann - wie der Dollar - nur unzureichend Realwerte abbilden. Deshalb läßt sie sich heutzutage durch die EZB nach Belieben vermehren und damit entwerten, um überschuldete Südländer mit dem Kauf von Staatsanleihen vermeintlich zu subventionieren. Ob solcherart allerdings das Überleben der Fehlkonstruktion EU noch gesichert werden kann, steht in den Sternen.

Welche künftige Rolle dabei Herrn Martin Schulz vom ECFR, von den Atlantikern, vom SOROS-Netzwerk, von der Brüsseler Lobbyisten-Armee und von einer Reihe namhafter NGOs tatsächlich zugewiesen wurde, werden wir womöglich erst sehr spät, wenn überhaupt erfahren. Allein aus sich heraus hat Schulz jedenfalls weder genügend Substanz, noch Format und Charisma für einen Bundeskanzler.

Sicher scheint, dass Schulz am Eurosystem und der EU ebenso, wie an der "Großen Transformation der Gesellschaft" und der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" festhalten wird. So hat er erst vor kurzem die Position der Juso-Chefin begrüßt, die ohne Rücksicht auf die Folgen für ein grenzenloses (!) globales Migrations-Anrecht, für weitergehende Rententransfers ins Ausland und für mehr materielle Aufbauhilfen in Problemländern wirbt, während uns die USA gleichzeitig eine Verdoppelung unserer Militärausgaben für die Stärkung der NATO "nahelegen".


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