Voller Brotkorb

Ein Schuss, der nach hinten losging – Europas Sanktionen machen Russland zur Agrar-Supermacht

16.05.17
Profiteur des Aufschwungs der Landwirtschaft: Der in Russland tätige deutsche „Milchbaron“ Stefan Dürr Bild: pa

Für die Landwirtschaft der Russischen Föderation war der Lebensmittelboykott, den der Kreml als Gegenmaßnahme auf die europäischen Sanktionen von 2014 verhängt hat, ein wahrer Segen. Er hat der einheimischen Landwirtschaft einen solchen Aufschwung beschert, dass Russland zur neuen Agrar-Supermacht werden konnte.

Russland hat nach dem Importverbot für landwirtschaftliche Produkte seine eigene Agrarproduktion deutlich gesteigert, weil es seit dem Embargo von 2014 auf Selbstversorgung gesetzt hat. Die Steigerung war so imposant, dass bei bestimmten Getreidesorten, wie Roggen und Weizen, das Land heute sogar weltweit führend ist. 120 Millionen Tonnen Weizen hat das Land allein im vergangenen Jahr geerntet. Damit wurde es Spitzenreiter in der Welt vor China und Indien, wie aus den Daten des russischen Statistikamts Rosstat hervorgeht.
Beim Roggen hat Russland Deutschland auf den zweiten Platz verwiesen. Innerhalb weniger Jahre ist Russland vor allem dank des Weizens zu einer Agrar-Supermacht aufgestiegen. Der Weizenertrag ist der höchste seit dem Ende der Sowjetunion. Das Land macht jetzt sogar den US-Amerikanern und Europäern Marktanteile in Asien, Südamerika und Afrika streitig.
Russland besitzt mit zirka 120 Millionen Hektar ein knappes Zehntel der Flächen, die weltweit für den Ackerbau genutzt werden können. Auf diesen Flächen erzielte das Land nach jüngsten Schätzungen einen Anteil von gut acht Prozent an der weltweiten Weizenproduktion. Mittlerweile liegt der Grad der Selbstversorgung Russlands bei landwirtschaftlichen Gütern um die 95 Prozent.
Die US-Farmer, die einstmals fast die ganze Erde ernährten, sind überholt worden. Seit den 1970er Jahren sind die US-Ausfuhren von Mais, Soja und Weizen um die Hälfte geschrumpft. Russlands Weizenexporte sind dagegen in den letzten zehn Jahren um 60 Prozent gestiegen. Der Export von Mais, der weltweit eine immer wichtigere Rolle in der Nahrungskette einnimmt, hat sich sogar verdreifacht, wie aus einer Statistik des US-Agrarministeriums hervorgeht.
Russland generiert heute durch Agrarexporte bereits mehr Einnahmen als durch Waffenverkäufe. Die Sanktionen für landwirtschaftliche Produkte haben in der Landwirtschaft zu dem geführt, was die Industrie seit der sogenannten Wende verpasst hat, nämlich zu einer Modernisierung der Produktion und zu einer Anpassung an die internationalen Märkte. Die Rubel-Abwertung hat die russische Landwirtschaft dabei zusätzlich gestützt, denn dadurch sind Russlands Exporte günstiger geworden. Importe von Weizen, Gemüse oder Fleisch benötigt Russland jetzt keine mehr.
Die Produktionssteigerung der eigenen Landwirtschaft war so groß, dass es zu einem Zulauf der Oligarchen aufs bäuerliche Land geführt hat. Landwirtschaft ist plötzlich „in“ in dem von der Fläche her größten Land der Erde. Oligarchen investieren jetzt auch in die Landwirtschaft. Zu den neuen Gutsherren zählt zum Beispiel der Ölmagnat Gennadi Timtschenko, der wegen der Sanktionsliste des Westens seine Aktivitäten wieder nach Russland verlagert hat. Seit knapp zwei Jahren baut er in einem russisch-französischen Joint-Venture-Projekt großflächig Obst im fruchtbaren Gebiet Krasnodar am Schwarzen Meer an. Und der russisch-usbekische Oligarch Iskander Machmudow, der bislang in der Kohleförderung, Buntmetallerzeugung und im Rüstungssektor tätig war, lässt jetzt auf mehr als 35000 Hektar Milch, Fleisch und Obst erzeugen.
Unter die Agrarunternehmer hat sich auch Sergej Adonjew begeben, der Glashäuser baut, in denen er Gemüse produziert. Selbst ehemalige und noch aktive Provinzgouverneure haben die Landwirtschaft inzwischen für sich entdeckt.
Die Kollektivierung der Landwirtschaft hatte in der Sowjet­union nicht die erwartete Produktionssteigerung erzielt und aus Bauern Proletarier gemacht. Deshalb hatte die UdSSR aus den Kolchosen regelrechte Super-Kolchosen, landwirtschaftliche Fabriken gemacht. Auf diese konnten die Oligarchen jetzt bei der Modernisierung der Landwirtschaft auf Präsident Wladimir Putins Befehl aufbauen.
Der Importboykott von westlichen Agrarprodukte, den Putin als Antwort auf die Wirtschaftssanktionen des Westens im Jahr 2014 verhängt hat, gab dem Landwirtschaftssektor jenen starken Impuls, den er brauchte. „Importsubstitution“ mit Produkten „Made in Russia“ lautet seither die patriotische Parole. Die Landwirtschaft ist derzeit der einzige Sektor, der stetig wächst. Das Wachstum beträgt jährlich zwei bis drei Prozent.
Auch deutsche Landwirte haben Russland mittlerweile entdeckt. Hier gibt es mit genügend Ackerland und günstigem Diesel fast alles, was die Landwirtschaft braucht, um rentabel zu sein. Stefan Dürr aus Franken ist der neue Milchbaron Russlands. Mit 60000 Stück Vieh auf fast 200000 Hektar Land erwirtschaftet er vor allem am Don mit seiner Firma EkoNiva 100 Millionen Euro Umsatz und produziert einen Großteil der Milch Russlands.    Bodo Bost


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Christian R.:
16.05.2017, 00:18 Uhr

Die Zukunft gehört Russland, das erscheint mir zunehmend klar.
Innere Sicherheit, Nahrungsmittel-autarkie, geringe Staatsverschuldung, enorme Rohstoffvorkommen und eine stabile und nicht zu grosse Bevölkerung. Was will man mehr ?

Wenn sie dann auch noch Korruption und organisiertes Verbrechen in Schach halten, weniger saufen und mehr Qualität liefern, dann werden sie Bären-stark werden. Die USA haben sich schon viel zu lange auf ihrem Lorbeeren ausgeruht und zehren nur noch vom (Ab-)Glanz vergangener Zeiten. In Sachen Infrastruktur und regenerative Energien kann Russland allerdings noch von China lernen. Denn wer viel Rohstoffe zum Verschwenden hat, der hat, wie die USA auch, nicht gerade den Hang dazu langfristig zu wirtschaften. Daher aufpassen, Russland, nicht dieselben Fehler machen !


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.