Von der Hausfrau zum gerissenen Machtpolitiker

Vor 100 Jahren kam Indiens erste und bisher einzige Ministerpräsidentin, Indira Gandhi zur Welt

20.11.17
Bei einem Wienbesuch des Jahres 1983 im Hotel Imperial: Indiens Premierministerin Indira Gandhi Bild: pa

Von der Hausfrau zur gerissenen Machtpolitikerin mit diktatorischer Attitüde, die schließlich aus Rache von ihren eigenen Leibwächtern erschossen wurde: So sah der Lebensweg von Indira Priyadarshini Gandhi aus, der am 19. November 1917 in Allahabad begann.

Obwohl ihr Name dies nahelegt, war die Premierministerin Indiens keine Verwandte des Nationalhelden Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma Gandhi, sondern die Tochter des ersten indischen Ministerpräsidenten, Jawaharlal Nehru, der die ehemalige britische Kronkolonie gemeinsam mit Gandhi in die Unabhängigkeit geführt hat. Trotzdem öffnete der Name „Gandhi“ der ohnehin schon höchst privilegierten Brahmanin noch zusätzliche Türen, als sie sich für eine aktive politische Karriere entschied. Dieses berufliche Engagement erboste ihren Ehemann, den Journalisten Feroze Jehangir Gandhi, mit dem sie seit 1942 verheiratet war, dermaßen, dass er die Scheidung verlangte. Sie blieb ihm aber bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1960 verwehrt.
Nachdem ihr Vater 1947 Premier der Indischen Union geworden war, diente Indira Gandhi diesem erst einmal als eine Art Privatsekretärin. 1959 avancierte sie zur Präsidentin der Kongresspartei, und wenige Wochen nach dem Tod ihres Vaters wurde sie Ministerin für Information und Rundfunkwesen.
Im Kabinett erwies sich die einstige Geschichtsstudentin ohne Universitätsabschluss als überraschend durchsetzungsstark und tatkräftig. Nach dem Ausbruch des Zweiten Indisch-Pakistanischen Krieges eilte sie 1965 an die Front in Kaschmir, um ihren Landsleuten dort den Rücken zu stärken – was kein anderes Regierungsmitglied riskierte. Deshalb schrieb die Presse in Neu-Delhi, Frau Gandhi sei „der einzige Mann in einem Kabinett von alten Weibern“.
Einige Monate später war sie Premierministerin. Ihr Vorgänger, Lal Bahadur Shastri, hatte zwar noch geplant, die schwierig zu lenkende Nehru-Tochter als Botschafterin nach London abzuschieben, aber während einer Auslandsreise verstarb er in der usbekischen Hauptstadt Taschkent 1966.
An der Spitze der Regierung Indiens wurde Indira Gandhi mit zahlreichen schwerwiegenden Problemen konfrontiert, darunter dem Dauerkonflikt zwischen Hindus und Sikhs im Nordwesten der Republik, der Lebensmittelknappheit von 1966 sowie schließlich dem Bangladesch-Krieg, in dem Bangladesch 1971 mit indischer Hilfe die Unabhängigkeit von Pakistan erstritt. Der während des Krieges von pakistanischen Militärs und Milizen der radikalen islamischen Partei Jamaat-e-Islami verübte Genozid an Hindus und anderen vermeintlichen Ungläubigen bescherte Indien zehn Millionen Flüchtlinge und schließlich den Dritten Indisch-Pakistanischen Krieg, der nach nur 13 Tagen mit einem überwältigenden indischen Sieg endete. Hierdurch erreichte die Premierministerin den Gipfel ihrer Beliebtheit.
Von dem stürzte sie dreieinhalb Jahre später unsanft hinab, als ein Gericht in Allahabad sie des gesetzwidrigen Verhaltens im Vorfeld der Parlamentswahlen von 1971 für schuldig befand. Das verlieh ihren innenpolitischen Gegnern enormen Auftrieb.
Daraufhin veranlasste die Regierungschefin im Jahre 1975, dass der ihr ergebenen Staatspräsident Fakhruddin Ali Ahmed den Ausnahmezustand proklamierte. Während der Monate danach, die heute als „die dunkelste Zeit der indischen Demokratie“ gelten, so beispielsweise die Einschätzung der „Times of India“ vom 30. Juni 2013, wurden über 100000 Angehörige der Opposition ohne Gerichtsverfahren sowie auf unbestimmte Zeit inhaftiert und alle anstehenden Wahltermine storniert. Darüber hinaus regierte Gandhi per Dekret über das Parlament hinweg. Auf diese Weise ini­tiierte sie unter anderem ein Programm zur Familienplanung, in dessen Verlauf massenhaft Angehörige niederer Kasten unfruchtbar gemacht wurden – Kritiker munkeln gar von Zwangssterilisationen.
Allerdings konnte Gandhi die ausstehenden Parlamentswahlen nur bis 1977 hinauszögern. Dort erlitt die Kongresspartei eine vernichtende Niederlage. Sie verlor die Hälfte ihrer Sitze. Nun stellte die Janata Party (Volkspartei) den Ministerpräsidenten. Die neue Regierung von Morarji Ranchhodji Desai versuchte sofort nach ihrem Amtsantritt, Gandhi juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Hierzu installierte sie eine Kommission unter der Leitung des Generalstaatsanwaltes J. C. Shah, die allerdings kaum Verwertbares zusammentrug. Außerdem kippte die Stimmung in Indien bald wieder, weil Desai es nicht vermochte, die ökonomischen Probleme des Landes in den Griff zu bekommen. Die Inflation stieg auf 20 Prozent, während das Wirtschaftswachstum unter die Null-Prozent-Marke fiel und jeder zehnte Inder arbeitslos war. Zudem eskalierten die Kriminalität und allerlei religiös-ethnische Spannungen.
Das bescherte der politisch totgesagten Indira Gandhi bei den vorgezogenen Parlamentswahlen von 1980 ein fulminantes Comeback und die erneute Ernennung zur Premierministerin. In selbiger Eigenschaft sah sie sich mit der Aufgabe konfrontiert, den separatistischen Sikhs unter der Führung von Jarnail Singh Bhindranwale Einhalt zu gebieten, um zu verhindern, dass diese den indischen Bundesstaat Punjab in ein theokratisches „Königreich Khalistan“ verwandeln. Sie ordnete schließlich die Operation „Blue Star“ an. Deren Zweck war es, das höchste Heiligtum der Sikhs in Amritsar im indischen Bundesstaat Punjab, den sogenannten Goldenen Tempel, zu erstürmen, in dem sich Bhindranwale und dessen engste Gefolgsleute verschanzt hatten. Bei dieser Aktion des Jahres 1984 kamen allerdings auch zahlreiche unbeteiligte Zivilisten ums Leben. Darüber hinaus fielen wohl landesweit um die 20000 weitere Sikhs Pogromen oder Massakern durch die indische Armee zum Opfer. Das trug Gandhi den tödlichen Hass der Religionsgemeinschaft ein.
Trotzdem lehnte Gandhi es ab, ihre Sikh-Leibwächter zu entlassen. Das sollte sich als fataler Fehler erweisen. Am Vormittag des 31. Oktober 1984 töteten Unterinspektor Beant Singh und Wachtmeister Satwant Singh die Premierministerin auf dem Weg zu einem Interview mit dem Schauspieler Peter Ustinov mit 30 Schüssen in den Unterleib. Dabei skandierten sie den traditionellen Sikh-Schlachtruf „Bole So Nihal: Sat Sri Akal!“ (Glück dem, der dies verkündet: Ewig ist der große Gott!).    Wolfgang Kaufmann


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