Von Menschenhand angerichtete Apokalypse

Vor 70 Jahren warfen die Vereinigten Staaten von Amerika die Atombombe auf Hiroshima

29.07.15
Nach dem Abwurf und der Zündung der Bombe: Atompilz über Hiroshima Bild: Archiv

Sie nannten sie „Little Boy“. Der Name war an Zynismus nicht zu übertreffen. Das „Baby“ der Forschergruppe um den Physiker J. Robert Oppenheimer in Los Alamos (New Mexico) war die furchtbarste Waffe, die Menschen je erfanden. Am 6. August 1945 warf ein US-amerikanischer Bomber die mit Plutonium-35 gefüllte Atombombe über Hiroshima ab.

Der „Kleine Junge“ explodierte in 600 Metern Höhe in einem gigantischen Feuerball. Drei Tage später traf eine zweite Atombombe – „Fat Man“ – Nagasaki. In beiden Städten starben schätzungsweise 230000 Bewohner sofort oder in den Wochen und Jahren danach an den Folgen der Verstrahlung. Frauen brachten verkrüppelte Kinder zur Welt. Hiro­shima ist seitdem ein Synonym für die Apokalypse, angerichtet von Menschenhand.
Pathetisch verkündete US-Präsident Harry S. Truman der ahnungslosen Welt am Tag danach den Abwurf der ersten Atombombe: „Die Kraft, aus der die Sonne ihre Macht bezieht, ist auf diejenigen losgelassen worden, die dem Fernen Osten den Krieg brachten.“ Die Bomben bewirkten, was die US-Amerikaner mit ihnen bezweckten. Drei Monate, nachdem Deutschland kapituliert hatte, ergab sich auch das japanische Kaiserreich. Der Zweite Weltkrieg war beendet.
Der „Vater der Atombombe“ genannte J. Robert Oppenheimer war entsetzt über die Folgen seiner Forschung. Er weigerte sich, an der Entwicklung der Wasserstoffbombe mitzuarbeiten, und wandte sich gegen das atomare Wettrüsten der USA und der UdSSR im Kalten Krieg. Der asketisch wirkende, zum Mystizismus neigende Mann war deutsch-jüdischer Abstammung. Seine Familie lebte in New York, wo er am 22. April 1904 geboren wurde. Er studierte in Harvard, Cambridge und in Göttingen bei dem Nobelpreisträger für Physik Max Born. 1942 erhielt er von der US-amerikanischen Regierung den Auftrag, der ihn vom Wissenschaftler zum „Zerstörer der Welten“ werden ließ. So bezeichnete er sich später in Anlehnung an die heilige Schrift der Hindus, Bhagavad Gita, in einem Interview.
Meldungen des Geheimdienstes hatten die US-Regierung im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs aufs Höchste alarmiert. Eine Forschergruppe um Werner Heisenberg experimentiere in Deutschland an der Entwicklung einer Nuklearwaffe und sei bereits weit fortgeschritten. Zutrauen konnte man es den Deutschen. Dem Chemiker Otto Hahn war 1938 am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut die erste Kernspaltung gelungen, die Grundlage für den Bau einer Atombombe. Tatsächlich standen die Wissenschaftler um Heisenberg noch am Anfang. Aber auch der in die USA emigrierte Albert Einstein glaubte an den Erfolg seiner deutschen Kollegen. In einem Brief vom 2. August 1939 warnte er Präsident Franklin D. Roosevelt. Als sich die Gerüchte um eine Atombombe der Nationalsozialisten immer mehr verdichteten, gab Roosevelt den Startschuss für das „Manhattan Projekt“.
Unter strengster Geheimhaltung errichteten die US-Amerikaner mitten in der Wüste das Los Alamos National Laboratory. Ein Team aus US-amerikanischen, kanadischen und britischen Forschern unter der Leitung von Oppenheimer sollte den Deutschen zuvorkommen. Am 16. Juli 1945 wurde die Plutonium-Testbombe in Alamogordo auf einem 30,5 Meter hohen Turm aus Stahl gezündet. Die Druckwelle breitete sich über eine Entfernung von 160 Kilometern aus. Die Bombe trug den Namen „Little Gadget“, zu Deutsch etwa kleines Spielgerät.
Die Atombombe sollte Deutschland treffen, doch sie wurde erst nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 einsatzbereit. Die Japaner kämpften weiter den „Großen Ostasiatischen Krieg“. Der Nachfolger von Präsident Roosevelt, Harry S. Truman, sah in der neuen Superbombe das Mittel zur schnellen Beendigung des Kriegs im pazifischen Raum.
Die US-Amerikaner wählten Hiroshima aus, weil dort die Führung der 2. Japanischen Hauptarmee stationiert war. Die meisten der 225000 Bewohner waren aber Zivilisten. In Nagasaki befanden sich die Mitsubishi-Rüstungsbetriebe. Der Befehl zum Abwurf der Atombomben kam aus dem Land, das sie ursprünglich hatten verwüsten sollen, aus „Haus Erlenkamp“ am idyllischen Griebnitzsee in Potsdam. Dort wohnte die US-Delegation während der Potsdamer Konferenz. Unterdessen waren „Little Boy“ und die zweite, für Nagasaki bestimmte Bombe auf die Südseeinsel Tinian transportiert worden. Zwei Tage vor dem geplanten Einsatz, am 4. August, erhielt Pilot Paul Tibbets den Auftrag, nach Hiroshima zu fliegen. Er nannte sein Flugzeug „Enola Gay“, so hieß seine Mutter. Ein Geistlicher segnete die Maschine und ihre Besatzung: „Allmächtiger Vater, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf bis zu unseren Feinden vortragen.“
Um 8.16 Uhr Ortszeit in Hiro­shima stieg der Atompilz 13 Kilometer in die Höhen des Himmels, 20 Minuten später sank sein radioaktiver Niederschlag auf die Erde. Abertausende Menschen verglühten, ihre Schatten brannten sich auf den wenigen noch stehen gebliebenen Häuserwänden ein. Das Gleiche geschah drei Tage später in Nagasaki. Die Überlebenden leiden bis heute an Krebs, Leukämie und psychischen Krankheiten. Man nennt sie in Japan Hibakusha. Sie werden häufig diskriminiert aus Furcht, die Schäden durch die Radioaktivität könnten vererbbar sein. Der Friedenspark am Fluss Aioi in Hiro­shima erinnert an den Atombombenabwurf. Alljährlich finden am 6. August hier und in aller Welt Gedenkfeiern statt.
Der „Vater der Atombombe“, J. Robert Oppenheimer, arbeitete nach Kriegsende als Berater der US-Atombehörde. Als Gegner des atomaren Wettrüstens machte er sich viele Feinde. In der McCarthy-Ära wurde er als Sympathisant der Kommunisten vom FBI überwacht und verlor sein Amt. John F. Kennedy veranlasste 1963 seine Rehabilitierung. Oppenheimer starb am 18. Februar 1967 an Kehlkopfkrebs. Klaus J. Groth


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Kommentare

Eduard Hermann:
15.08.2016, 21:29 Uhr

Ich finde hierbei vor allem die falsche Moral der US-Amerikaner als allzu fiese und hinterhältige Meinungsmache. Wenn der Iran, China oder Russland Massenvernichtungswaffen auch nur bauen sind sie Kriegstreiber, wenn Assad Giftgas einsetzt ein Kriegsverbrecher, jedoch wenn die USA ganz Vietnam und dutzende deutsche Großstädte niederbrennen, oder wie in Japan hunderttausende Menschen ermorden, dann wäre das kein Mord von ihnen, sondern notwendig und zivile Opfer wären nur Kollateralschäden.

Das ist nicht einfach nur Mord, das kann man schon als Völkermord bezeichnen. E.Hermann


sitra achra:
13.08.2015, 13:38 Uhr

Wer hier die Suppe auslöffelt, bestimmt hier der Koch und nicht die Kellner! Liebe Grüße.


Hans-Joachim Nehring:
8.08.2015, 12:52 Uhr

Und wieder werden Raketenschilde konzipiert und gebaut. Das Rüstungsgeschäft blüht.
Immer vorne stets dabei, die USA als Schild und Schwert der Demokratie. Die sogenannten Flüchtlingsströme, welche sich heute über Europa ergießen, sind Folge einer verfehlten Großmacht-Politik. Einen Weltgendarmen brauchen wir eher nicht,denn Deutschland will nicht mehr die Suppe auslöffeln, welche das Pentagon eingerührt hat und Japan schon gar nicht.


Hans-Joachim Nehring:
2.08.2015, 22:49 Uhr

Wer war Julius Robert Oppenheimer, der Vater der Atombombe? "Wir haben die Arbeit des Teufels getan", so das Statement des amerikanischen Kernphysikers, der im Alter von 62 Jahren am 18. Februar 1967 verstarb. War er der Mann, der Gott sein wollte? Die 230000 Todesopfer von Hiroshima und Nagasaki sprechen eine andere Sprache. Sie sind qualvoll umgekommen und künden keineswegs vom Ruhm der USA. Bedenkenswert ist allerdings die deutsch-jüdische Herkunft Oppenheimers. Sicher hat nicht dieser Wissenschaftler den Abwurf der "Little Boy" zu verantworten, aber er hat das Werkzeug in die Hände des Militärs gelegt, welche keine Skrupel kannten, das mörderische Werkzeug gegen Zivilisten anzuwenden. Ob nun Dresden oder Hiroshima, egal ob Deutsche oder Japaner, der Todeskampf unschuldiger Opfer bleibt bestehen, unabhängig von Schuld und angeblicher "kollektiver Verantwortung". Robert Oppenheimer blieb bis zu seinem Tod ein gebrochener Mensch. Er hat die Anwendung seiner Erfindung nicht verkraften können. Es waren der Opfer zu viel. Nur gut, dass diesmal die Deutschen nicht die Schuldigen waren, sie hatten bereits im Mai 1945 kapituliert, denn drei Monate später wären sie von "Little Boy" heimgesucht worden, was dem Teufel nun doch versagt worden ist. Gott sei Dank, möchte man als Deutscher hinzufügen. Auch die sogenannten Demokraten haben auf ihren Feldzügen Trümmer hinterlassen, wo kein Auge jemals Tränenlehr blieb. Allerdings Dresden und Hiroshima bleiben ein Symbol für einen ungerechtfertigten Einsatz von Luft- bzw. Atomwaffen, welche von einigen Historikern als Kriegsverbrechen bewertet werden.
Diesem Urteil schließe ich mich an.


Francesco Salatino:
31.07.2015, 17:21 Uhr

Der Krieg gegen Japan war der falsche Krieg. Der Feind des Westens saß woanders: in Russland (Stalin) und in China (Mao). Nach der Schlacht um Okinawa, mit 12.500 toten amerikanischen Soldaten, zog Trumann die Konsequenz und befahl den Abwurf der Atombomben. Aber viel wichtiger war dabei die indirekte Warnung an die Kommunisten, die weiter morderten und die westliche Kultur und Zivilisation bedrohten. Im Kampf gegen den barbarischen Kommunismus war Truman ein besserer Präsident als Roosevelt.


Andreas Müller:
31.07.2015, 13:07 Uhr

Ein kleiner Hinweis hätten noch den ganzen US- Zynismus und verlogene Heuchelei offen gelegt.
Und zwar der, dass die Japaner ANFANG 45 bei den Amerikanern nach Kapitulationsbedingungen nachgefragt haben!!!
Der Krieg gegen Japan hätte ENDE JANUAR 45 beendet sein können.
Die amis ham nur aus 2 Gründen diesen Krieg unnötig in die Länge gezogen.
1. Die Atombombe unter Realbedingungen zu testen. NUR deshalb wurde Hiroshima während des ganzen Kriegs geschont!
2.Um den Russen zu zeigen, wer die Hosen an und bei künftigen Nachkriegsszenarios was zu sagen hat!


Hans im Deutschland:
31.07.2015, 10:26 Uhr

Vergessen wir nicht die unheimlich vielen Atombomben-Tests danach, die Krebs und andere Krankheiten ausgelöst oder verstärkt haben - und das weltweit. Wahrscheinlich sind von diesen menschenfeindlichen Tests Millionen von Menschen krank geworden und gestorben. Nur ein genaues nachrechnen ist im dem Fall leider nicht möglich.


Eckhard Rückl, Prof. Dr.:
29.07.2015, 18:25 Uhr

Werte Damen und Herren,
es sind einge Fehler im obigen Artikel, die nicht vorkommen sollten.
Abs. 1: Die Hiroshimabombe enthielt einen Sprengsatz (ca. 8 Kg) mit größer 95% angereichertem Uran-235. Schlimmer noch als die Spaltungsbombe (mit Uran oder Plutonium) ist die später entwickelte Wasserstoffbombe, die
aber auch eine Atombombe ist.
Abs. 3: Bei der Kernspaltung wird nicht die Energie der Sonne genutzt; die findet bei der Wasserstoffbombe Anwendung.


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