Von »Wüstungen« im Sudetenland und in Masuren

03.01.18

Es gibt sie doch, die normative Kraft des Faktischen, der Geschichte. Beweis ist das  Buch „Verschwundene Orte...“, dessen Titel „harmlos“ scheint, dessen Inhalt aber eine klare Sprache spricht. Es beruht auf einer Tagung des „Bundes der Egerländer Gemeinden“, die vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration finanziert wurde. Es enthält sechs Vorträge namhafter Forscher, in denen die Folgen der Vertreibung der Sudetendeutschen aufgearbeitet und geschildert werden. Der Vortrag „Zur ethnischen Symbolik in der masurischen Landschaft“ befasst sich auch mit Ostpreußen.
Auch in der Provinz Ostpreußen hat es ab 1945 Vertreibungen gegeben. Im Jahr 1950 lebten von etwa 2,5 Millionen noch zirka 170000 Deutsche in Ostpreußen. Heute rechnen sich etwa 8000 Menschen zur Deutschen Minderheit im Süden der Provinz. Natürlich wurden auch hier viele „Spuren deutscher Vergangenheit und Geschichte“ als Teil einer „Legitimationsstrategie“ für die „Wiedergewinnung“ Masurens bewusst beseitigt. Dessen Bewohner hatten noch 1920 mit fast 100-prozentiger Mehrheit für den  Verbleib beim „Reich“ votiert. Obwohl sich 44,1 Prozent als „masurisch-sprachig“ bezeichneten, stimmten 97,9 Prozent für Deutschland. Was die „Wüstungen in Polen“ betrifft, so gebe es im deutschen Wikipedia „67 Einträge“, im polnischen Wikipedia aber „340 Wüstungen“. Auf diese Diskrepanz weist im Anhang der Verleger Konrad Badenheuer hin.
Ganz anders sah es im Sudentenland aus, wie die vielen Kreuzchen für die „zerstörten und verschwundenen Orte“ in der Landkarte am Ende des Buches zeigen. Wird die Ursache auf der Titelseite noch kaschiert, so spricht man bei den Vorträgen schon deutlicher von „Vertreibungen“. Obwohl die Vereinten Nationen diese als „Völkermord“ klassifiziert haben, wird diese Bezeichnung tunlichst vermieden. Die Vertreibung war der einzige Grund für den Untergang der Siedlungen in den böhmischen Ländern, im Egerland oder Erzgebirge. Es ist erschütternd nachzulesen, was im „Jahr der Auspeitschung“ in der Tschechoslowakei alles an Brutalitäten verübt wurde. Da ist es ein geringer Trost, wenn Tschechen heute den „Untergang der böhmischen Kultur“ bedauern. Allein im Sudetenland sind etwa 2400 ländliche Siedlungen untergegangen.
Es ist ein kleines, inhaltsschweres und gut bebildertes Buch, das zur Lektüre, auch wenn sie alte Wunden wieder schmerzhaft aufbrechen lässt, doch eindringlich empfohlen wird.     Wolfgang Thüne

Wilfried Heller (Hg.): „Verschwundene Orte. Zwangsaussiedlungen, Neuansiedlungen und verschwundene Orte in ehemals deutschen Siedlungsgebieten Ostmitteleuropas“, Verlag Inspiration, Berlin 2017, broschiert, 96 Seiten, 9,80 Euro


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